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Die vielen Gesichter des Mo Dahoud beim BVB: Ausnahmetalent, Ballkünstler, Bankdrücker - und nun Herzstück?

Oscar Nolte
Mo Dahoud hat sich beim BVB als Stammspieler etabliert
Mo Dahoud hat sich beim BVB als Stammspieler etabliert / Pool/Getty Images
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Mo Dahoud hat sich in der abgelaufenen Pokalsieger-Saison beim BVB als Stammspieler im zentralen Mittelfeld etabliert. Der Weg dorthin war schwerfällig - und Dahoud steht wieder einmal vor einer richtungsweisenden Spielzeit. Jedoch ohne den Druck, der den 25-Jährigen seit seinem Wechsel nach Dortmund begleitet hat.


Als Dahoud vor vier Jahren den Schritt von Borussia Mönchengladbach zur schwarz-gelben Namenscousine wagte, meinten Viele: 'Das ist zu früh.'

Und tatsächlich tat sich der feinfüßrige Dahoud im Dortmunder Star-Ensemble lange schwer. Der mittlerweile 25-Jährige traf am Ball zu häufig falsche Entscheidungen, kriegte keine Konstanz in sein Spiel und vor allem: die BVB-Trainer schenkten ihm zu selten das Vertrauen.

Das liegt daran, dass sich die Qualität beim BVB nirgendwo mehr staut, als in der schwarz-gelben Schaltzentrale. Axel Witsel, Thomas Delaney, Emre Can, Jude Bellingham, früher noch Julian Weigl, Sebastian Rode und Nuri Sahin - die Konkurrenz, mit der sich Dahoud beim BVB messen musste und muss, ist gewaltig. Nach vielen guten und ebenso vielen luftleeren Phasen, etablierte sich Dahoud in der abgelaufenen Saison unter Edin Terzic endlich als wichtiger Bestandteil der Stammelf.

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Unter Edin Terzic (l.) blühte Mo Dahoud (r.) richtig auf / INA FASSBENDER/Getty Images

Es sind viele Gesichter, die Mo Dahoud beim BVB bereits zugeordnet wurden. Scheu vor den Kameras und Mikrofonen, etwas zu selbstbewusst am Ball, hin- und hergerissen zwischen dem einfachen Pass oder der ansehnlichen Pirouette. Youngster, Durchstarter, Verkaufskandidat, Talent ohne Rolle, Ballkünstler, Deutscher Xavi - und nun auch Chef!

Die Führungsqualitäten des Mittelfeldspielers offenbarten vor allem die leeren Stadien während der Corona-Pandemie. Plötzlich hörten auch die Fans vor den Bildschirmen, dass Dahoud der lautstärkste und verbal fleißigste Borusse ist. Ein neuer Aspekt, den die Öffentlichkeit dem zurückhaltenden Dahoud nicht zugetraut hätte.

Dahoud als Fußballer mit vielen Gesichtern zu bezeichnen, ist dabei aber eigentlich vermessen. In den wenigen privaten Einblicken zeigt sich der 25-Jährige als bescheidener, lebensbejahender Mensch, der eine beispielhafte Arbeitsmentalität und eine im modernen Fußball fast schon untypische Geduld vorlebt. In einem seiner raren Interviews beschrieb Dahoud vor wenigen Monaten, dass ihm besonders Lucien Favre - und damit eigentlich sein Förderer aus Gladbacher Zeiten - kaum Beachtung schenkte und anderen Spielern den Vorzug gab - bar Dahouds Form oder Ansprüchen.

Und auch auf dem Platz ist Dahoud nicht wechsel- oder launenhaft. Der zweifache deutsche Nationalspieler läuft und arbeitet viel für die Mannschaft, fordert den Ball und kann mit dem Leder außergewöhnliche Dinge tun. Seine Stärken liegen im Passspiel, im Dribbling und in seiner Führungsstärke. Dahouds Spiel fehlte in Dortmund nie wirklich Konstanz, sondern eher ein Quäntchen Selbstvertrauen und die (Einsatz-)Zeit, um sich entwickeln und entfalten zu können. So geschehen unter Edin Terzic. Mittlerweile hat Dahoud seine Zweifler stumm gestellt und ist als der Spieler aufgeblüht, den man sich beim BVB vor vier Jahren versprochen hat.

Die Entwicklung des Mo Dahoud: Unikat und Beispiel für junge Spieler

Und damit ist Mo Dahoud sowohl Unikat, als auch Beispiel für junge Spieler. Ja, auch Geduld und Beharrlichkeit können sich im modernen Fußball noch auszahlen. Eine Entwicklung muss nicht - und ist es in den seltensten Fällen - linear sein. Dahoud ist insofern beim BVB eigentlich nicht der Mensch mit den vielen Gesichtern, sondern eine bemerkenswerte Erfolgsgeschichte.

Übereinstimmenden Berichten zufolge steht der 25-Jährige vor einer Vertragsverlängerung in Dortmund. Die neue Saison wird für Dahoud daher nicht deshalb richtungsweisend, weil es um seine sportliche Zukunft beim BVB geht, sondern weil die Karten unter Marco Rose neu gemischt werden und Dahoud seinen erarbeiteten Aufwind nutzen kann, um sich (endlich) als Herzstück in der Dortmunder Mannschaft zu etablieren. Denn das ist schließlich das Gesicht, das wir von diesem Ballkünstler, diesem Ausnahmefußballer, diesem Lautsprecher sehen wollen.

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