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DFB-Team

Müller-Kritik an Löw: Entweder fadenscheinig oder sehr vielsagend

Yannik Möller
Joachim Löw und Thomas Müller beim Ungarn-Spiel
Joachim Löw und Thomas Müller beim Ungarn-Spiel / Soccrates Images/Getty Images
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Mit seiner als Einschätzung zum EM-Aus der deutschen Nationalelf getarnten Kritik an der taktischen Herangehensweise von Joachim Löw hat Thomas Müller eines erkennen lassen: Entweder seine Bemerkung kommt viel zu spät ans Tageslicht, wodurch sie fadenscheinig wäre. Oder aber sie ist am Trainerteam intern gerade zu naiv abgeprallt. Ein Kommentar.


Ja, die deutsche Nationalmannschaft hat es bei der Europameisterschaft aus der vor dem Turnierstart als Todesgruppe bezeichneten Vorrunde geschafft. Und ja, ausgeschieden ist man gegen ein englisches Team, das nun gegen Dänemark im Halbfinale steht und alle Chancen auf ein heimisches Finale hat.

So formuliert klingt das Ausscheiden gar nicht nach einer Blamage. Das war es allerdings. Frankreich: Überhaupt nicht als Team eingespielt. Portugal: Gegen Deutschland einfach mal keine Lust auf das Verteidigen gehabt, schon gar nicht über die Außen. Ungarn: Ein bei allem Respekt kleines Team, das sich über den Kampf und das Kontern noch die Chance auf das Weiterkommen erhalten hat.

Und nun, etwas weniger als eine Woche nach dem EM-Aus, kommt Thomas Müller um die Ecke und kritisiert die Herangehensweise bei diesem Turnier. Er sprach von einer "eher abwartenden, kompakten Defensivstrategie" und davon, dass das Team "de facto gescheitert" sei.

Thomas Müller
Die England-Fans konnten jubeln, Thomas Müller musste das Aus verdauen / Markus Gilliar/Getty Images

Müller-Kritik wirft Fragen auf: Führungsfigur-Rolle vernachlässigt oder an Bundestrainer Löw abgeprallt?

Zuallererst gilt festzuhalten: Kaum jemand würde dem Nationalelf-Rückkehrer bei dieser Einschätzung wohl widersprechen. Das Spielen mit der Dreierkette an sich muss nicht ausschlaggebend für das Scheitern gewesen sein, gleichzeitig ist es kein Muss damit einen eher abwartenden Stil zu verfolgen. Dennoch hat sie in der Umsetzung, wie Joachim Löw sie forcierte, keineswegs funktioniert.

Müller kann man dementsprechend ohne größere Probleme recht geben. Gleichzeitig ist aber auch leicht festzustellen, dass dieses Fazit des 31-Jährigen sicherlich nicht erst am vergangenen Wochenende gereift ist. An dieser Stelle kann doch niemand der Meinung sein, ein Fußballer wie Thomas Müller würde nicht schon im Vorlauf, spätestens mit dem tatsächlichen Einstieg ins Turnier merken, dass dahingehend etwas schief läuft.

Joachim Löw
Das EM-Aus passt von den Umständen her zum Aus von Joachim Löw / Markus Gilliar/Getty Images

Was also ist passiert, weshalb wurde trotz dieser Erkenntnis vor die Wand gelaufen? Eigentlich scheint es dafür nur zwei Möglichkeiten zu geben. Eine: Der Offensivspieler war bereits im Turnierverlauf dieser Meinung, hat sie aber zumindest gegenüber dem Trainerteam nicht (konsequent) vertreten. Oder: Seine Mahnungen sind am Bundestrainer ohne Wirkung abgeprallt.

Beides wäre ebenso fahrlässig wie unnötig. Sollte das erste Szenario der Realität entsprechen, so müsste man sich fragen, weshalb die erfahrene Führungsfigur nicht für sich und/oder seine Mannschaft einsteht. Sollte das zweite Szenario wahr sein, wäre dies der im wahrsten Sinne des Wortes endgültige Beweis für die Sturheit von Löw. So oder so: Beides wäre absolut nicht im Sinne der Nationalelf.

Da schon während der Gruppenphase davon berichtet wurde, dass innerhalb der Mannschaft keine wirklich große Überzeugung für das System vorherrschen würde, scheint es auf die häufig thematisierte Sturheit des Coaches hinauszulaufen. Immerhin wäre dies ein weiteres Indiz dafür.

Serge Gnabry, Thomas Muller, Marcel Halstenberg
Die deutsche Elf musste das EM-Aus gegen England nahezu tatenlos hinnehmen / Robin Jones/Getty Images

An dieser Stelle gilt es nochmal zu betonen: Die Dreierkette ist viel mehr als ein Zeichen für ein grundsätzlich defensives Spielen. Das zeigen auch genug andere Teams bei dieser doch sehr unterhaltsamen EM. Die Frage ist, wie man sie als Trainer interpretieren und umsetzen möchte. Daran ist Löw gescheitert, und offenbar auch daran, die Sorgen des Teams oder zumindest einzelner Führungsspieler wahrzunehmen.

Besonders interessant ist bei diesem Aspekt auch eine weitere Bemerkung von Müller: "Die Truppe, auf die ich gestoßen bin, hatte die Qualität, den Willen und auch die Arbeitsmoral, wieder an alte Erfolge anzuknüpfen." Damit nimmt er seine Teamkollegen aus der Schussbahn. Ein weiteres, ziemlich deutliches Zeichen dafür, dass er mit seiner Kritik auf das Trainerteam um Löw zielt.

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