Deutscher als Deutschland: Liefert Frankreich eine Erfolgs-Blaupause?

Simon Zimmermann
Häufig kritisiert, meist erfolgreich: Didier Deschamps
Häufig kritisiert, meist erfolgreich: Didier Deschamps / Jam Media/GettyImages
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"Les Blues-print" - könnte man sagen. Frankreich steht erneut im WM-Finale und kann als erste Nation seit Brasilien 1962 den Titel verteidigen.

Überrascht sein sollte niemand darüber. Blickt man auf das französische Aufgebot, wird schnell klar, dass die Equipe Tricolore sowohl in der Breite als auch in der Spitze die beste Mannschaft beisammen hat. Und das trotz zahlreicher Ausfälle, von denen Benzema, Pogba und Kanté nur die aller-prominentesten sind.

Der Fluch des Weltmeisters, der in den letzten drei Ausgaben jeweils in der Vorrunde ausschied (Italien 2010, Spanien 2014 und Deutschland 2018) ist jedenfalls gebrochen. Trainer Didier Deschamps hat es erneut geschafft, aus vielen guten Einzelkönnern eine funktionierende Einheit zu formen.

Nicht schön - aber erfolgreich

Schön ist das nicht, was die Franzosen vor allem in der K.o.-Runde auf den Platz bringen. Pragmatisch trifft es schon eher. Und äußerst erfolgreich. Das musste auch ZDF-Experte und Weltmeister Christoph Kramer zugeben, als er nach dem Halbfinale Frankreich analysierte. Als Fußballästhet sei er enttäuscht von Frankreichs Spielweise. Schließlich habe man solch ein überragendes Spielermaterial zur Verfügung. Doch wer Erfolg hat, der hat recht - das weiß nicht nur Kramer.

Interessant war die Einschätzung, dass ein Team mit so vielen Weltklasse-Individualisten möglicherweise nur dann erfolgreich funktioniert, wenn der Trainer einen klaren Plan vorgibt. Vor allem defensiv. Prominente Verletztungen scheinen den Franzosen zudem nicht geschadet zu haben, sondern im Gegenteil: den Teamgeist zu stärken. Ein Olivier Giroud springt beispielsweise für Karim Benzema ein - und zerreisst sich für die Mannschaft.

Pragmatismus wins! Und ein wenig Spielglück

Alles in allem konnte ZDF-Co-Kommentator Sandro Wagner während des Spiels bereits ein gutes Bild der Franzosen zeichnen. Sie können alles - und setzen auch alles ein, meinte der ehemalige Bayer-Stürmer. Häufig bedienen sich Les Bleus dem Stilmittel der tiefen Verteidigung, warten auf den Gegner, in dem Wissen einer stabilen Defensive. Und können dann blitzschnell umschalten. Mit einem Kylian Mbappé im Team nicht die allerschlechteste Taktik.

Frankreich ist aber auch immer in der Lage, weiter vorne zu pressen, sich durch die gegnerische Abwehrreihe zu kombinieren und Chancen zu kreieren. Doch davon brauchen sie gar nicht so viele. Denn, wenn sich eine Gelegenheit ergibt, schlägt der Weltmeister meist eiskalt zu.

Frankreich spielt deutscher als die Deutschen

Gutes und leidenschaftliches Verteidigen, eine klare Struktur und Ordnung im Spiel, eiskalt vor dem Tor. Es sind Attribute einer Mannschaft, die jahre-, wenn nicht jahrzehntelang eine gewisse deutsche Nationalmannschaft ausgezeichnet haben. Überspitzt formuliert könnte man sagen: Frankreich spielt deutscher als die Deutschen - zumindest was die Zeit seit dem Titel 2014 angeht.

Übrigens: In Brasilien hatte das DFB-Team Frankreich noch im Viertelfinale geschlagen. Mit 1:0 nach einer Standardsituation.

Ein Teil der französischen Wahrheit ist aber auch, dass man bei dieser WM überproportional vom Spielglück profitiert. Die beiden Tore gegen Marokko sind die besten Beispiele. Beide Male wurde der Ball perfekt für Frankreich abgefälscht.

Aber irgendwie wird man das Gefühl nicht los, dass dieses Spielglück häufig denjenigen zufliegt, die so brutal abgezockt und strukturiert sind, wie die Franzosen. Ein Gefühl, für das es keine belegbare Grundlage gibt. Außer den Finaleinzug der Franzosen...


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