Daten, Daten, Daten: Der revolutionäre Aufstieg des FC Midtjylland

Jan Kupitz
Der FC Midtjylland setzt auf ein besonderes Konzept
Der FC Midtjylland setzt auf ein besonderes Konzept / MIGUEL MEDINA/Getty Images
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Statistiken werden im Sport immer wichtiger. Das Champions-League-Duell des FC Midtjylland gegen den FC Liverpool am Mittwoch (18.55 Uhr) ist ein perfektes Beispiel dafür. Der dänische Klub ist zum Maßstab auf diesem Gebiet geworden, weil er seine jüngsten Erfolge fast ausschließlich verschiedenen Daten, insbesondere bei der Verpflichtung von Spielern, verdankt.

90min hat mit Rasmus Ankersen, dem Präsidenten des Vereins und gleichzeitig Direktor des FC Brentford, gesprochen.

Die Geschichte des FC Midtjylland erinnert an den Film Moneyball mit Brad Pitt, inspiriert durch den Oakland Athletics Baseball Club.

In den 1990er Jahren, als das Franchise sowohl in wirtschaftlicher als auch in sportlicher Hinsicht am Rande des Bankrotts stand, revolutionierte ein gewisser Billy Beane, der als Generaldirektor eingeführt wurde, für immer die Welt des Sports, indem er ausschließlich die SABR-Datenbank (Sabermetrics) nutzte, um eine konkurrenzfähige Mannschaft zu geringeren Kosten aufzubauen. Der Erfolg des Amerikaners, der für immer als Pionier angesehen wird, war bahnbrechend.

Drei Meisterschaften und Champions-League-Qualifikation

Der FC Midtjylland, der 1999 aus dem Zusammenschluss zweier lokaler Vereine, Herning Fremad und Ikast BK, auf der jütländischen Halbinsel entstand, hat nach dem Billy-Beane-Modell einen kometenhaften Aufstieg erlebt. Die Ulvene (Wölfe) haben in den gut 20 Jahren ihres Bestehens drei Meisterschaften gewonnen und sich in dieser Saison erstmals für die Champions League qualifiziert.

Der dänische Klub ist vor dem Duell mit Liverpool am Mittwoch (18.55 Uhr) Tabellenletzter in seiner Gruppe, doch ging es den Skandinaviern vor allem darum, in einer harten Gruppe mit dem englischen Meister, Atalanta und Ajax Amsterdam unschätzbare Erfahrungen auf der größten Bühne des Vereinsfußballs zu sammeln.

Im Mittelpunkt dieser Erfolgsgeschichte steht ein gewisser Rasmus Ankersen, ein ehemaliger Spieler des Vereins, der seine Karriere im Alter von 21 Jahren vorzeitig beenden musste. Seitdem brilliert der 37-Jährige als Geschäftsmann, Autor und Dozent und ist er vor allem für eines der einzigartigsten Projekte in der Welt des Fußballs verantwortlich.

"Wir wollen eine Referenz in Dänemark und schließlich auch in Europa werden. Ich möchte Midtjylland zu mehr als einem Klub machen, zu einem Ort, an dem Menschen voneinander lernen und ihre Talente entwickeln können. "

Rasmus Ankersen

Doch Rasmus Ankersen ist nicht ganz allein für dieses Projekt verantwortlich, auch der britische Unternehmer Matthew Benham, dem auch der Brentford-Klub gehört, hat seinen Anteil zum Erfolg beigetragen, als er 2014 Mehrheitsaktionär des FC Midtjylland wurde.

"Wir haben uns in London auf einer Konferenz getroffen. Er wollte in einen Verein investieren und Midtjylland übernehmen", erinnert sich der Vorsitzende des dänischen Meisters. "Ich erinnere mich, dass Brentford fünf Spiele vor Saisonende Dritter in der League One war, und ich fragte ihn, ob er daran glaubt, in die Championship aufsteigen zu können. Er sagte: 'Ich weiß nicht, aber es besteht eine Chance von 42 Prozent.' Es war unser erstes Treffen und ich war sofort begeistert von der Art und Weise, wie der Buchmacher über Fußball dachte".

Als Absolvent der Universität Oxford machte Benham sein Vermögen nämlich im Sportwettengeschäft. Seine Vision des Fußballs, die hauptsächlich auf Statistik und Wahrscheinlichkeit basiert, wurde schnell zu einer Philosophie, die er seinen Mannschaften aufzwingen wollte.

"Wir glauben an Daten. Sie machen einen großen Teil unseres Rekrutierungsprozesses aus, aber wir verwenden auch viele traditionelle Methoden. Wir verfolgen Fußballspiele live und auf Video, und wir berücksichtigen die Persönlichkeit der Spieler. Ein gutes Rekrutierungssystem ist eine Kombination aus objektiven und subjektiven Daten", betont Ankersen.

"Der erste Spieler, den wir verpflichteten, als Matthew den Klub 2014 kaufte, war ein finnischer Spieler: Tim Sparv. In vielerlei Hinsicht wurde die Entscheidung, ihn zu kaufen, von den Daten diktiert. Er wurde zu einem Schlüsselspieler für uns, und wir haben in seinen sechs Jahren beim Klub drei Meisterschaften gewonnen."

Der Erfolg von Tim Sparv, der damals von Greuther Fürth kam, Kapitän wurde und bis 2020 für Midtjylland auflief, ist ein symptomatisches Beispiel. Ein anderes ist Sory Kaba, der zuvor in Dijon für Aufsehen gesorgt hat und 2019 für drei Millionen Euro verpflichtet wurde; in diesem Jahr steht er bislang bei vier Toren und fünf Assists.

Transfers zu tätigen, die in Bezug zu einer Datenbank zustande kommen, ist in der Welt des Scoutings nicht neu. Everton war beispielsweise der erste Verein, der 2009 als Partner des Videospiels 'Football Manager' Zugang zu dessen Datenbank erhielt. Doch die Abhängigkeit des dänischen Klubs von Daten geht weit über den eigentlichen Transfer hinaus.

Daten werden in allen Bereichen genutzt

"Die Art und Weise, wie wir das Spiel analysieren und unsere Leistung bewerten, ist sehr datengetrieben. Wir überwachen bestimmte zugrunde liegende Leistungsindikatoren kurz- und langfristig und wir sind der festen Überzeugung, dass wir, wenn wir diese Kennzahlen verbessern können, auch die Mehrzahl unserer Spiele gewinnen werden."

Die Festlegung der Kaderzusammensetzung, die Entscheidung, ob an einem Manager festgehalten werden soll oder nicht, die Identifizierung junger Talente im Ausbildungszentrum... alles wird mit Daten begründet.

"Daten sind im Fußball bereits zum Standard geworden. Heute geht es nicht wirklich um Daten, sondern vielmehr darum, was man mit ihnen macht und wie man sie interpretiert. Meiner Meinung nach ist dies die nächste Welle der Analyse."

Rasmus Ankersen

Ein Wagnis für die Wissenschaft im Fußball, das sich auch beim englischen Championship-Klub Brentford auszahlt, wo dasselbe Duo Ankersen-Brenham verantwortlich ist. Der Däne, der bei der englischen Mannschaft als Fußballdirektor fungiert, ist von der Herangehensweise voll überzeugt: "Ich denke, die Transfers in Brentford, wo wir den gleichen Ansatz verfolgen, waren sehr erfolgreich."

Ob Ankersen und Brenham mit Brentford in die Premier League aufsteigen können, darüber lässt sich kaum streiten. Denn wie klug das Duo handelt, zeigt auch die Personalie Said Benrahma, der 2018 für für 1,7 Millionen Euro von Nizza verpflichtet wurde und nun der Rekordverkauf (wechselte für insgesamt 27 Millionen Euro zu West Ham) des Vereins ist.

Said Benrahma brachte einen hübschen Erlös ein
Said Benrahma brachte einen hübschen Erlös ein / Pool/Getty Images

Ein Beweis dafür, dass man auf unerwartete Erfolge bauen kann, wenn man methodisch und pragmatisch vorgeht, ohne vorher mehrere Millionen auszugeben. Eines ist sicher, wir stehen bereits am Rande einer Revolution.

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