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Und plötzlich steht die Welt still: Meine beunruhigenden Gedanken zum Eriksen-Schock

Oscar Nolte
Die Fußball-Welt steht unter Schockj
Die Fußball-Welt steht unter Schockj / Carl Recine - Pool/Getty Images
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Die EM hat einen bitteren und allzu traurigen Beigeschmack bekommen. Am Samstag kollabierte im Gruppenspiel zwischen Dänemark und Finnland der Däne Christian Eriksen und versetzte die Fußball-Welt in Schockstarre. Ich habe meine - teilweise beunruhigend widerlichen - Gedanken zu diesem Moment gesammelt.


Selten hatte der Satz "Fußball wird zur Nebensache" so viel Gewicht, wie an diesem Freitagnachmittag. Es herrschte Totenstille im Telia Parken in Kopenhagen und der Zuschauer, der gerade erst einschaltete, wusste: hier ist etwas ganz Schlimmes passiert. Und wenig darauf wurde ihm ganz schummrig.

Es waren erschreckende Bilder, so erschreckend, wie ich sie bei einer Live-Berichterstattung noch nicht gesehen habe. Den Fans, den Zuschauern und allen anderen Beteiligten stand das nackte Entsetzen ins Gesicht geschrieben und es war dieser eine Gedanke, der Millionen Menschen in diesem Augenblick verband: Lebt Christian Eriksen noch?

Christian Eriksen zeigt mir die hässliche Seite meiner Gedankenwelt auf

Es ist die Tragik des Momentes auf der einen und die Absurdität des Umgangs damit auf der anderen Seite, die mich einen Tag später beschäftigen. Die Welt stand still in diesen Sekunden, in denen weinende Spieler einen Kreis um die Mediziner und den bewusstlosen Eriksen bildeten, aus dem immer wieder der Bildausschnitt eines Defibrillators sickerte. Mein erster, verabscheuenswürdiger Gedanke war: warum muss es Eriksen sein, der da liegt und nicht irgendein Spieler, irgendein Mensch, dessen Name ich nicht einmal kenne.

Und damit sind wir bei der Absurdität, zu dem Fußball geworden ist. Dieser Sport, der doch eigentlich unterhalten soll, in solch einem Moment aber versagt. Es waren die Menschen Simon Kjaer oder Thomas Delaney - nicht die Spieler Kjaer und Delaney, die am Samstag Größe zeigten. Es war eine durch und durch verbindende, schreckliche Momentaufnahme, in der klar war: hier geht es nicht mehr um Unterhaltung, sondern um das Leben.

Kasper Hjulmand
Die dänischen Spielern mussten Schreckliches durchleiden / Wolfgang Rattay - Pool/Getty Images

Als die ersten Bilder und Nachrichten publik wurden, die bescheinigten, dass Eriksen noch lebt und (halbwegs) stabil ist, fiel mir und der gesamten Fußball-Welt ein Stein vom Herzen. Und dann mussten wir uns aber doch wieder mit Fußball auseinandersetzen. Ich vermag die Entscheidung der Spieler, anschließend noch weiterzuspielen, nicht zu bewerten. Und doch erwarte ich mir von den Handlungsträgern der UEFA, in diesem Moment den Stecker zu ziehen.

Offenbar standen der dänischen Auswahl zwei Optionen offen: direkt oder am nächsten Tag weiterspielen. In diesem Moment solch eine Entscheidung treffen zu müssen, fühlt sich aus der Ferne falsch an. Dass dieses Turnier, dieses völlig belanglose Rumgekicke, überhaupt noch fortgesetzt werden soll, fühlte sich aus der Ferne falsch an. Dass der Fußball nicht mehr unterhalten, sondern Geldbeutel füllen soll, fühlt sich falsch an.

Dänemark gegen Finnland wurde fortgesetzt - warum?!

Meine Gedanken waren und sind auch jetzt noch bei den Menschen, die unter diesem Grauen zu leiden haben und hatten, das sich am Samstag in Kopenhagen abspielte. Und ich bin weiterhin schockiert über meine unmittelbare Reaktion. Denn offenkundig war mir in der ersten Mikrosekunde der Mensch weniger wichtiger als der Spieler Christian Eriksen. Dafür schäme ich mich und ich werde das Gefühl nicht los, dass ich, dass die UEFA, dass so viele Menschen vergessen haben, worum es im Fußball und auch im Leben eigentlich gehen sollte.

Ich bin froh, dass es Christian Eriksen offenbar in Ordnung geht. Ich bin froh über die Reaktionen seiner Mitspieler und die Mahnung, die sie mir eingeimpft haben: Fußball ist nur eine Nebensache. Es sollte kein Geschäft sein. Und an diesem Samstagabend hätten die Verantwortlichen dies vielleicht anerkennen und sich sagen sollen: 'Heute spielen wir nicht mehr weiter. Heute gehen wir einfach nur nach Hause und lassen den Fußball Fußball sein.'

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