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Bayern München

Bayern-Ehrenpräsident Uli Hoeneß spricht über Katar und die Jahreshauptversammlung

Dominik Hager
Uli Hoeneß verrät spannende Details zur Jahreshauptversammlung
Uli Hoeneß verrät spannende Details zur Jahreshauptversammlung / Alexander Hassenstein/GettyImages
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Ehrenpräsident Uli Hoeneß kämpft unmittelbar vor seinem 70. Geburtstag zwar nicht mehr an vorderster Front mit, ist jedoch weiterhin bestens über die Geschehnisse beim FC Bayern informiert. Im dpa-Interview bezieht das Bayern-Urgestein Stellung zum Thema Katar und verrät, wie schwer ihm das Loslassen von seinem Büro in der Säbener Straße gefallen ist.


Seit dem Rückzug von Uli Hoeneß als Bayern-Präsident sind inzwischen zwei Jahre vergangen. Für einen Menschen, der den Fußball und insbesondere den FC Bayern liebt, war das Loslassen eine recht schwierige Angelegenheit.

"Wenn man so eine Entscheidung trifft, muss man sie konsequent durchziehen. Ich muss zugeben, dass es am Anfang nicht so einfach war. Ich bin zwei-, dreimal wöchentlich hierhergekommen", gibt der 69-Jährige zu.

Hoeneß musste sich selbst bremsen: "Man macht es den handelnden Personen unnötig schwer"

Mit der Zeit hat Hoeneß jedoch eingesehen, dass sich seine häufigen Besuche eher kontraproduktiv auswirken.

"Im Laufe der Zeit habe ich gemerkt, die Nachfolger schwimmen sich frei. Wenn ich mich zu sehr einmische und zu oft sehen lasse, ist das nicht gut. Man macht es dann den neuen handelnden Personen, die ich selbst ausgesucht und forciert habe, unnötig schwerer", erläutert er.

Gänzlich ruhig ist es um den Ehrenpräsidenten jedoch nie geworden. Immerhin sahen wir ihn als Experten für RTL und das ein oder andere Mal im Doppelpass. Zudem ist er auch immer noch ein enger Vertrauter der Münchner Führungsetage.

"Natürlich bin ich zur Stelle, wenn mein Nachfolger Herbert Hainer etwas besprechen möchte. Hasan Salihamidzic lädt mich oft zum Kaffeetrinken ein. Mit Oliver Kahn habe ich aktuell weniger Kontakt, aber das ist normal. Er will einen eigenen Stil kreieren, und das ist gut so. Zudem ist er nicht mein Nachfolger, sondern der von Karl-Heinz Rummenigge. Unser Verhältnis ist ausgezeichnet", berichtet er.

Von technischen Problemen gestoppt: Das wollte Uli Hoeneß bei der Versammlung noch sagen

Selbstredend war Uli Hoeneß auch bei der etwas aus dem Ruder geratenen Jahreshauptversammlung dabei. Dabei trat er am Ende noch mal auf das Rednerpult, sagte aber letztlich nichts mehr. Nun verrät Hoeneß, was in diesem Momenten in ihm vorging.

"Ich hätte Herbert Hainer und Oliver Kahn zur Seite stehen wollen. Ich hätte den Leuten sagen wollen, dass es berechtigt ist, dass man Dinge kritisch sieht. Aber auch sie sind Teil des FC Bayern. Und das Bild, das der FC Bayern an diesem Abend abgegeben hat, kann niemandem von uns gefallen haben", erklärt er. Nicht umsonst bezeichnet der langjährige Manager und Präsident die Versammlung als "schlimmste Veranstaltung, die er je erlebt hat", Als er jedoch zu seinen abschließenden Worten ansetzen wollte, machte das Mikro plötzlich schlapp. Eine Tatsache, über die Hoeneß letztlich sogar "froh" war.

"Wie ich mich kenne, wären meine Worte emotional aus mir herausgekommen - und auch wenn ich es im Sinne des FC Bayern gut gemeint hätte, wäre es in diesem Ambiente vermutlich kontraproduktiv gewesen. In der Zeit, die es dauerte, das Mikrofon wieder anzuschalten, ist in meinem Kopf der Impuls aufgekommen, nein, das passt jetzt nicht", erinnert er sich.

Hoeneß rechtfertigt Katar-Deal: "Elementares Thema für die Zukunft des Vereins"

Uli Hoeneß war bereits in seiner Zeit als Präsident ein Verteidiger des heiß diskutierten Katar-Sponsorings. Daran hat sich auch bis heue nichts geändert.

"Das ist ein ganz elementares Thema auch für die Zukunft des Vereins. Ich habe neulich mit einem der größten deutschen Wirtschaftsbosse gesprochen, dessen Konzern eine Studie erstellt hat, laut der in nur sieben Prozent der Länder auf der Welt die Menschenrechte tatsächlich so sind, wie es sich die meisten vorstellen. Man muss das realistisch sehen, wie klein die Welt allein nach diesen Maßstäben wäre. Aber dann würde es sehr schwer werden", so Uli Hoeneß.

Sportlich betrachtet hält Hoeneß solche zweifelhaften Deals ohnehin fast als unabdingbar. "Wir haben in Deutschland gravierende wirtschaftliche Nachteile gegenüber den von Investoren und Staatsfonds finanzierten internationalen Vereinen, in die Geld ohne Ende gepumpt wird. Irgendwann könnte der Punkt kommen, an dem unsere Fans - und übrigens auch die Medien - akzeptieren müssten, dass die deutschen Fußballmannschaften international keine Rolle mehr spielen", erklärt der Ehrenpräsident.

Dazu will es der FC Bayern jedoch nicht kommen lassen - und genau hierin liegt der wesentliche Grund, warum die Münchner Geschäfte mit Katar machen.

Hoeneß plädiert für "Veränderung durch Annäherung"

Darüber hinaus ist man seit Jahren bemüht darum, den Sponsoren-Deal und die regelmäßig stattfindenden Trainingslager im Wüstenstaat auch moralisch zu rechtfertigen.

"Ich glaube nicht, dass die Tatsache, dass der FC Bayern in Katar ein Trainingslager abhält, so wie zum Beispiel jetzt im Winter unsere Frauen-Mannschaft, dazu führt, dass es dort schlechter wird. Im Gegenteil. Der Besuch unserer FC Bayern Frauen treibt den Prozess der Gleichberechtigung voran", ist er sich sicher - und baut auf die Devise "Veränderung durch Annäherung".

Wegsehen würde die Problematik eben auch nicht besser machen.
"Wenn der FC Bayern eines Tages vielleicht nicht mehr nach Katar fährt und auch die Fußball-WM vorbei ist, geht es dort weiterhin um die Menschen. Die Menschenrechte werden nur besser, wenn man im Dialog immer wieder auf die Missstände hinweist. Nur das führt dazu, dass sich die Dinge verbessern. Meine Überzeugung ist, man muss dort präsent sein", zeigt er sich von seinen Ansichten überzeugt.

Katar-Sponsoring läuft bis 2023: "Würde zu einer Verlängerung tendieren, wenn..."

Zwar ist in seiner Argumentation viel Wahrheit dabei, jedoch hat man immer ein wenig den Eindruck, dass sich die Bayern ihre Argumente zurechtschustern und die Kehrseite der Medaille vergessen. Wenn man als Team nach Katar reist, hinterlässt man schon ungewollt die Botschaft, dass man die Verhältnisse dort akzeptiert und sich ungeachtet von Menschenrechtsverletzungen am gegebenen Luxus erfreut. Diesen Eindruck wird man nie so ganz ausschalten können. In Bezug auf die WM ist zudem anzumerken, dass alleine die Erbauung der Stadien zahlreiche Menschenleben gekostet und ein wichtiges Thema wie Nachhaltigkeit mit Füßen getreten hat.

Uli Hoeneß wäre jedoch weiterhin bereit, die Zusammensetzung unter bestimmten Bedingungen weiterlaufen zu lassen.

"Das habe nicht ich zu entscheiden. Ich persönlich würde zu einer Verlängerung tendieren, wenn wir das Gefühl haben, dass wir mit dieser Partnerschaft einen Beitrag leisten können, dass sich die Dinge vor Ort verbessern und weiter verbessern werden", erläutert er.

Stand jetzt läuft der Sponsoren-Vertrag mit Qatar Airways bis 2023.

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