Frauen-Champions-League

Analyse vom UWCL-Finale: So konnte Lyon Barcelona in Schach halten

Helene Altgelt
Barcelona v Olympique Lyonnais Women Champions League football final match
Barcelona v Olympique Lyonnais Women Champions League football final match / Anadolu Agency/GettyImages
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Der 3:1-Triumph von Olympique Lyonnais über den Titelverteidiger FC Barcelona im Finale der Frauen-Champions-League war in mehrerer Hinsicht historisch. Lyons Trainerin Sonia Bompastor avancierte mit dem Sieg zur ersten Person, die sowohl als Spielerin als auch von der Seitenlinie aus den Henkelpott gewinnen konnte. Die norwegische Stürmerin Ada Hegerberg, vor Kurzem erst von einer langen Verletzungspause zurückgekehrt, traf als erste Person seit Alfredo di Stéfano in vier Endspielen des höchsten europäischen Wettbewerbs. Und wie bereits im Finale 2019 hatte Lyon die Partie nach nicht einmal 40 Minuten fast schon entschieden.

All das gegen ein Team, das von den meisten als Favorit angesehen worden war. Der FC Barcelona hatte zuvor in der Liga kein einziges Spiel verloren oder auch nur Unentschieden gespielt. Die einzige Saisonniederlage zu dem Zeitpunkt war das 0:2 gegen den deutschen Meister VfL Wolfsburg. Das hochgelobte Team um die Ballon d'or-Gewinnerin Alexia Putellas hat in dem gesamten Wettbewerb die meisten Tore erzielt, die meisten Schüsse gehabt und zudem die beste Passgenauigkeit und den höchsten Anteil an Ballbesitz verzeichnet.

In Turin war davon jedoch wenig zu sehen. Gerade in der ersten Hälfte wirkte Barcelona überfordert, kam nicht in die Zweikämpfe und wirkte vom frühen Rückstand geschockt. Wie ist es Lyon gelungen, gegen das Tiki-Taka der Katalaninnen dagegenzuhalten?

Aggressiv und zugleich kompakt defensiv

Lyon ist es gelungen, zugleich Barcelona mit Pressing unter Druck zu setzen, als auch defensiv kompakt zu stehen. Von der ersten Minute an setzte Lyons Sturm Barcelonas Innenverteidigerinnen unter Druck. In vorherigen Spielen waren flache, lange Pässe von der Verteidigung in das Mittelfeld oft der Startpunkt für direkte Angriffe von Barcelona gewesen. Diese Lücken versuchte Lyon zu schließen, um Barça zu langen Bällen zu zwingen.

Falls einer dieser langen Bälle gespielt wurde, war Lyon stark darin, die zweiten Bälle zu gewinnen. Dank eines kompakten 4-5-1 hatten sie viele Spielerinnen im Mittelfeld und konnten so viele Überzahlsituationen in der Mitte des Spielfeldes kreieren. Das war auch eine Reaktion auf ein Problem, welches vielen Gegnern Barcelonas begegnet war: Direkt nach einem Ballbesitz im Mittelfeld attackieren zwei Spielerinnen Barcelonas die Gegnerin mit dem Ball, während die dritte bereits auf einen Lauf in die Tiefe lauert. So konnte das Team von Jonatan Giraldez viele Chancen herausspielen, ließ aber dadurch auch Lücken.

Frühe Führung spielt Lyon in die Karten

Lyon konnte diese Lücken mit den zwei schnellen Flügelspielerinnen Melvine Malard und Delphine Cascarino, die im Ballbesitz weiter vorne positioniert waren, ausnutzen. Lyons Trainerin Sonia Bompastor spielte dabei die frühe Führung natürlich in die Karten: Bereits in der sechsten Minute ging ihr Team durch ein Traumtor von Amandine Henry in Führung.

Lyon konnte mit der Führung im Rücken den Plan noch besser umsetzen, da Barcelona jetzt noch mehr aufpassen musste, hinten keine Lücken zu lassen. Trotzdem verlegte sich OL in der ersten Hälfte noch nicht aufs Kontern und sie hatten immerhin 44% Ballbesitz. Im Ballbesitz wollten sich die Seriensiegerinnen der Champions League nicht nur auf lange Bälle verlassen, sondern griffen systematisch die Schwachpunkte von Barcelonas System an.

Bei den Katalaninnen stehen die Verteidigerinnen sehr hoch, oft ist Torhüterin Sandra Paños die einzige Spielerin in der eigenen Hälfte. Besonders die Außenverteidigerinnen bringen sich sehr in der Offensive ein, sodass Barcelona oft in 2-gegen-1-Situationen über außen angreifen kann. Auch hier entstehen bei schnellen Vorstößen natürlich Lücken, die Lyon durch das Spiel in die Halbräume zwischen Innenverteidigerin und Außenverteidigerin ausnutzte. Oft schien die Zuordnung in Barcelonas Defensive nicht ganz klar, wie bei Hegerbergs Kopfball zum 2:0. Lyon war vorne sehr effizient und nutzte Barcelonas Fehler gnadenlos aus.

Lyons Verteidigerinnen glänzen

Den Assist zu dem Treffer steuerte mit einer guten Flanke die 21-jährige Selma Bacha bei, die im Finale mit einer herausragenden Leistung erheblich zu Lyons Sieg beitrug. Die Französin schlug viele gute Flanken, war auf der linken Seite sehr aktiv und hatte auch defensiv gegen eine der besten Flügelspielerinnen der Welt, Caroline Graham Hansen, alles im Griff. Mit abgeklärtem Zweikampfverhalten sorgte sie dafür, dass deren gefährliche Läufe in den Strafraum an diesem Abend kein Problem waren und klärte zudem beim Stand von 1:1 einen gefährlichen Ball im letzten Moment. Über die gesamte Champions-League-Saison hat sie die meisten Assists (9), ein beachtlicher Wert für eine Linksverteidigerin.

Auch die anderen Verteidigerinnen von Lyon zeigten starke Leistungen. Die taktische Ausrichtung sorgte auch dafür, dass die Schwächen der Verteidigung nicht exponiert waren. So ist beispielsweise Innenverteidigerin Wendie Renard nicht die Schnellste, aber indem Lyon das Spiel breit machte, fanden Laufduelle eher auf außen statt, wo Bacha und M'Bock oft die Nase vorne hatten.

Barcelona offensiv zu ideenlos

Barcelonas Spielerinnen waren das intensive Pressing sichtbar nicht gewohnt und verloren in der Vorwärtsbewegung ungewohnt oft den Ball. Lyon zwang sie zu Fehlern, indem sie eng an der Spielerin verteidigten, oft auch zu zweit, und Barcelona nur sehr wenig Zeit am Ball ließen. Individuelle Aktionen wie Dribblings wurden dadurch recht effektiv verhindert und die Offensivspielerinnen der Blaugrana blieben oft hängen.

So kam es gerade in der zweiten Hälfte oft zu Situationen, wo Barcelona um den Strafraum herumspielte, ohne wirklich zwingend zu werden. Wenn es doch mal brenzlig wurde für Lyon, lag es meist daran, dass die Verteidigerinnen einen Steilpass nicht konsequent antizipierten oder in der Rückwärtsbewegung zu langsam waren und daher Barcelona zu viel Platz gaben. Dann bekamen die Französinnen öfters Schwierigkeiten, aus einer solchen Situation resultierte auch der Anschlusstreffer zum 1:3.

Insgesamt gelang es Barcelona aber zu selten, diese Schwächen auszunutzen. Nach der Pause tauschte Jonatan Giraldez die falsche Neun, Jenni Hermoso, die kaum in Erscheinung treten konnte, durch die schnellere Asisat Oshoala aus, wodurch Barcelona weniger statisch auftrat. Auch in der zweiten Hälfte verteidigte Lyon aber diszipliniert, und Barcelona schoss oft aus ungünstigen Situationen: Von zehn Schüssen in der zweiten Hälfte ging nur einer aufs Tor, aus vielen Szenen hätte Barça mehr machen können.

Lyon hat aufgrund einer soliden defensiven Leistung verdient die Champions League gewonnen. Mit einem kompakten Mittelfeld und hohem Pressing gelang es ihnen, Barcelonas Angriffen die Wucht zu nehmen. Besonders hervorheben kann man dabei die Verteidigerinnen Selma Bacha und Griedge M'Bock. Barcelona leistete sich defensiv einige Abstimmungsfehler und konnte offensiv nicht genug Chancen herausspielen.


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