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90min diskutiert: Verkürzung des WM-Rhythmus - Gute oder schlechte Idee?

Guido Müller
Zur Zeit in Besitz der französischen Nationalmannschaft: der WM-Pokal
Zur Zeit in Besitz der französischen Nationalmannschaft: der WM-Pokal / Anadolu Agency/Getty Images
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Die FIFA sucht gerade Fürsprecher unter den Profi-Fußballern, um die Idee einer Rhythmus-Verkürzung der Fußball-Weltmeisterschaften in die Tat umzusetzen. Statt nur alle vier Jahre soll das größte Fußball-Fest der Welt künftig im zweijährlichen Wechsel ausgetragen werden. Ein Fall für 90min diskutiert.


CONTRA:

Machen wir uns nichts vor: hinter dieser Idee stecken natürlich vor allem finanzielle Gründe. Denn bislang war jede Weltmeisterschaft noch immer ein Riesen-Geschäft für den Weltverband. Mit mehreren hundert Millionen Fans, die die Spiele an den Bildschirmen rund um den Globus fieberhaft mitverfolgen.

Und natürlich mit dem zahlungskräftigen Publikum, das für die nicht gerade preiswerten Stadiontickets mitunter sehr tief in die Tasche zu greifen bereit ist.

Dieser schon seit Jahren fortschreitenden Kommerzialisierung wird man leider wohl kaum noch Einhalt gebieten können. Im Gegenteil: die schlimmsten Exzesse einer von Profitdenken gesteuerten Fußball-Industrie stehen uns wohl erst noch bevor. Die Wahl für jeden einzelnen Fan: love it - or leave it.

Und ich weiß ehrlich gesagt nicht, welcher dieser beiden Optionen ich den Vorrang einräume. Zur Zeit tendiere ich ganz stark zum "leave it".

Denn für mich ist der Vierjahres-Rhythmus eigentlich etwas Unantastbares. Paradoxerweise berufe ich mich in meiner Haltung auf dieselben Argumente, ad contrario sensu sozusagen, wie die Gegenseite.

Zeit kann nie für alle "gerecht" sein

Doch während die FIFA es offensichtlich für angebracht hält, den Spielern die maximale Anzahl von Möglichkeiten, an einer WM teilzunehmen, zu bieten, sage ich: nein.

Natürlich kann es dann immer auch zu Härtefällen kommen. Ein Spieler, der beispielsweise mit 23 oder 24 Jahren zum ersten Mal für sein Nationalteam nominiert wird, verletzt sich kurz vor dem Turnier - und fällt aus.

"Die Bedeutung eines sportlichen Triumphs wird dadurch, nur kraft der verflossenen Zeit, dramatisch erhöht. "

Guido Müller, Autor

Das nächste Welt-Turnier würde für diesen Kicker dann erst wieder auf dem Programm stehen, wenn er 27 oder 28 ist. Beim dann folgenden ist er vielleicht schon gar nicht mehr im Aufgebot. Er hätte dann im Laufe seiner Karriere lediglich einen einzigen World Cup absolviert.

Aber: so ist das nun mal im Leben. Der eine hat Glück, wird mit 18 bereits zum ersten Mal zum WM-Fahrer, bleibt im Laufe seiner Karriere von schweren Verletzungen verschont (oder erleidet selbige im Interim zwischen einem und dem nächsten Turnier) und summiert am Ende dann gar drei, vier oder fünf Endturniere.

Und ein anderer hat dieses Glück eben nicht. Allen kann man es sowieso nicht recht machen. Doch die "Lösung", die die FIFA nun anbieten will, halte ich eher für eine Gefahr denn für eine Chance. Die Gefahr der Übersättigung nämlich.

Die Aura aufgrund der Seltenheit

Alle vier Jahre WM - das ist bislang, und seit jeher, der Rhythmus, bei dem der Fan mit muss. Doch genau dieser im schnelllebigen (Profi-)Fußballgeschäft tatsächlich sehr lang anmutende Zyklus verleiht diesem Turnier doch erst seine magische Aura.

Meist hat man am Eröffnungstag einer jeden Weltmeisterschaft nur noch schemenhaft in Erinnerung, wie das vorherige Turnier verlaufen ist. Die vier Jahre wirken gleichsam wie eine große Zeitkapsel, aus der man dann wieder für vier Wochen entschlüpft.

Die Bedeutung eines sportlichen Triumphs wird dadurch, nur kraft der verflossenen Zeit, dramatisch erhöht. Denn eine vorzeitige Niederlage bedeutet vier lange Jahre des Wartens bis zu einem neuerlichen Anlauf.

Fiele dieses Warten nun weg, würde dem Turnier eine gewisse Beliebigkeit anhaften. In diesem Sinne verweise ich einfach mal auf den Eishockey-Sport. In diesem findet alljährlich eine WM statt. Und mal Hand aufs Herz: wer kann auswendig die letzten drei Titelträger aufsagen? Ich könnte es nicht.

Weil sich die Turniere in dieser Häufung schlichtweg aus der konkreten Erinnerung verlieren. Mit den Fußball-Weltmeisterschaften passiert das nicht. Da könnte ich auch nachts um drei sämtliche Turniere, von 1930 bis heute, runterleiern: Austragungsort, Finalpaarung und Ergebnis. Eben wegen ihres Wertes aus ihrer Seltenheit heraus.

Große Spieler bleiben große Spieler - auch ohne WM

Genau deshalb hat dieses Turnier seinen herausragenden Rang in der Gunst der meisten Fans (wage ich einfach mal zu behaupten!). Und genau deshalb sollte am Vierjahres-Rhythmus auch nicht rumexperimentiert werden.

Großartige Spieler bleiben die Haalands, Weahs, Shevchenkos oder di Stefanos, die allesamt keine oder nur eine WM gespielt haben, ja trotzdem.


PRO:

Im Grunde sind sich alle einig, dass die angesprochenen Argumente gegen eine alle zwei Jahre stattfindende Weltmeisterschaft durchaus nachvollziehbar sind. 

Übersättigung der Fans, Überbelastung der Spieler, Kommerz über Liebe zum Sport - alles mögliche Folgen eines jährlich stattfindenden Groß-Turniers. Denn genau das ist geplant. 

"Stellen Sie sich das so vor: 2026 die Weltmeisterschaft in den USA, Mexiko und Kanada; 2027 eine Europameisterschaft und die anderen Kontinental-Turniere. 2028 wieder eine Weltmeisterschaft - und so weiter", erklärte mit Trainer-Legende Arséne Wenger ein prominenter Befürworter den angestrebten Zeitplan (via Kicker). 

Und Wenger steht mit seinen Träumen keinesfalls allein im Regen der Romantiker.

Globale Interesse vs. europäische Tradition - Unterstützung aus allen Ecken der Welt

Die FIFA gab unlängst eine Machbarkeitsstudie in Auftrag, um die Frage zu klären, ob sich eine alle zwei Jahre stattfindende Weltmeisterschaft realisieren ließe. 

Satte 166 von den 209 Verbänden der FIFA stimmten für diese Studie, nur 22 von ihnen stimmten dagegen - bei 21 Enthaltungen (Quelle: Sportschau.de).

Der afrikanische Verband CAF steht geschlossen hinter der Idee, mit Saudi-Arabien gibt es einen zugkräftigen asiatischen Vertreter. Die Verbände Nord- und Mittel-, sowie Süd-Amerikas werden ebenso nahezu vereint eine Verkürzung der Wartezeit auf ein globales Turnier anstreben. 

"Für all diese Nationen und Kontinental-Verbände könnte eine alle zwei Jahre stattfindende WM einen Aufbruch in ein neues, konkurrenzfähigeres Zeitalter bedeuten"

Christian Gaul, 90min-Autor

Und ja: Der Grund dafür ist hauptsächlich ein finanzieller. Denn die Kontinental-Turniere abseits der Europameisterschaft werden im Vergleich zu einer WM global wenig beachtet - vielleicht mit Ausnahme der Südamerikameisterschaft, der Copa América. 

Doch die Nationen-Turniere Asiens, Afrikas und Mittelamerikas ziehen auf den jeweils anderen Kontinenten wenig. Nur eingefleischte Europäer drücken Usbekistan, Martinique oder Burkina Faso die Daumen. 

Dementsprechend wenig lukrativ sind diese Veranstaltungen für die teilnehmenden Landesauswahlen. Nicht selten finden die Turniere ohne die großen Stars statt, Prämien-Zoff zwischen Spielern und Verbänden ist beim African Cup of Nations seit jeher ein Dauerbrenner.  

Für all diese Nationen und Kontinental-Verbände könnte eine alle zwei Jahre stattfindende WM einen Aufbruch in ein neues, konkurrenzfähigeres Zeitalter bedeuten. Neue Strukturen im Bereich der Jugendarbeit oder professionellere Ausstattungen wären eine mögliche Folge der dann erhöhten Einnahmen.

Mit dem Ivorer Yaya Touré brachte es ein weiterer Weltstar auf den Punkt. "Es würde Afrika helfen, sich zu entwickeln. Es ist für die afrikanischen Spieler von zentraler Bedeutung, sich auf dem höchsten Level zu beweisen und wertvolle Erfahrungen zu sammeln", so der 97-fache Nationalspieler der Elfenbeinküste via Twitter. 

Auch wenn Touré den finanziellen Reiz geschickt umschifft, beschreibt er nicht weniger einen wahren Kern. 

Auch wenn es vielen - besonders europäischen - Gewohnheitstieren fremd erscheint, sollte man hier einen weltoffeneren Blick auf die Möglichkeiten einer alle zwei Jahre stattfindenden Weltmeisterschaft richten. 

Und wenn es für den bequemen Erstweltler nur den positiven Nebeneffekt haben wird, dass diese unsägliche Nations League dabei wieder in der Versenkung verschwinden wird.

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