90min diskutiert: Sollte der BVB weiter auf Marco Reus setzen?

Marco Reus: BVB-Kapitän und Leitwolf oder Auslaufmodell?
Marco Reus: BVB-Kapitän und Leitwolf oder Auslaufmodell? /
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Der Capitano spaltet die Meinungen der Fans. Ist Marco Reus weiterhin der Fixpunkt im Spiel von Borussia Dortmund und sollte man bei Schwarz-Gelb auf den 31-Jährigen setzen? Oder ist Reus ein Auslaufmodell, von dem man sich in Dortmund vielleicht sogar trennen sollte?

Fakt ist: Reus polarisiert in der deutschen Fußballgemeinde - weit über die Grenzen Dortmunds hinaus. Fakt ist auch: Reus wird immer wieder von seinem Körper gestoppt. Die zahlreichen Verletzungen der vergangenen Jahre haben eine noch erfolgreichere Karriere verhindert. Fakt ist ebenfalls: Marco Reus ist 31 Jahre alt und beschreitet langsam aber sicher seinen Karriere-Herbst.

Wie sollte man bei Borussia Dortmund mit dem Kapitän planen (Vertrag bis 2023)? Wir haben in der 90min-Redaktion diskutiert. So viel vorab: Auch bei uns polarisiert Marco Reus!


Reus sollte beim BVB in die zweite Reihe treten

"Reus ist kein Anführer, sondern ein Individualist (im positiven Sinne!). Doch beim BVB gibt es mittlerweile leistungsstärkere Individualisten."

Simon Zimmermann, 90min-Redaktion

Ich war schon immer ein Fan von Marco Reus. Nicht nur wegen seiner fußballerischen Klasse, sondern vor allem auch wegen seiner Verbundenheit zum BVB. Es ist immer bemerkenswert, wenn ein Spiele seine "Liebe" den ganz großen Namen (und damit auch dem ganz großen Geld) der europäischen Eliten vorzieht.

Und auch fußballerisch muss man vor dem 31-Jährigen den Hut ziehen. Eine überragende Schusstechnick, eine gewisse Dynamik und das Gespür für den Raum, prägen die Qualitäten des BVB-Kapitäns. Reus ist enorm torgefährlich, kann aber auch immer den letzten "tödlichen" Pass zum Tor spielen.

So viel zum berechtigten Lob - und hin zur Aktualität. Marco Reus kam schleppend aus seiner Verletzungspause. Edin Terzic, der sich öffentlich für seinen Kapitän aussprach, merkte nach dem Sieg in Bremen richtig an:

"Normalerweise ist es Marco gewohnt, nach Verletzungen sofort da zu sein. Das ist im Moment nicht der Fall. Trotzdem hatte er einen wichtigen Anteil am Sieg in Bremen, ist dort auch vorweg gegangen, nicht nur wegen seines Tores. Ich bin mir sicher, dass es nicht mehr lange dauert."

Doch eben daran darf man seine Zweifel hegen. Nach Verletzungen sofort wieder da zu sein, zeichnete den 31-Jährigen in der Vergangenheit aus. Böse Zungen würden behaupten, er ist darin auch wirklich gut geübt. Doch die letzten Wochen - bei aller gebotenen Geduld - haben gezeigt: Reus kann das BVB-Spiel nicht mehr prägen. Zumindest nicht mehr in der Art und Weise, wie er es in der Vergangenheit konnte.

Und ich glaube auch nicht, dass er dies wieder kann. Selbst dann nicht, wenn Terzic das Spielsystem modifiziert und Reus als Achter mehr Ballkontakte verschaffen will. Der einstige "Rolls Reus" ist Geschichte. Vielmehr sollte man den Realitäten ins Auge schauen und vernünftig die Zukunft der Mannschaft planen: Auf der Zehn heißt diese Gio Reyna. Der US-Amerikaner hat im letzten Halbjahr endgültig den Sprung zum Stammspieler geschafft und weißt alle Qualitäten auf, die Marco Reus in seiner Bestform (= vergangenen Form?) auch besitzt.

Warum also nicht eine langsame Rolle rückwärts? Reus kann immer noch entscheidend sein. Nur eben nicht dauerhaft in der Startelf und als "Anführer" der Truppe auf dem Platz. Ein emotionaler Leader war Reus ohnehin noch nicht. Vielmehr ist und bleibt Reus ein Individualist.

Der BVB und Reus sollten sich das so schnell wie möglich eingestehen und das auch öffentlich kommunizieren. Eine Trennung muss das nicht mal nach sich ziehen. Reus könnte in die zweite Reihe treten, einspringen, wenn er wirklich gebraucht wird. In weniger Minuten seine weiter vorhandene Klasse einbringen - und der "nächsten Generation" den Vortritt lassen.

Haaland, Reyna, Sancho (auch, wenn nicht sicher, wie lange noch), Hazard, Brandt - der BVB ist auf Reus' Positionen stark besetzt. Die Notwendigkeit besteht also gar nicht, den Kapitän auf Teufel komm raus wieder zum Mittelpunkt der Offensive zu machen.

Die entscheidende Frage würde dann aber lauten: Ist der BVB und vor allem Reus zu diesem (Rück-)Schritt bereit? Auch daran darf man so seine Zweifel haben.


Marco Reus sollte Option Nummer Eins in der BVB-Offensive bleiben

"Marco Reus ist der Stein, auf dem der BVB seine Kirche errichtet hat."

Oscar Nolte, 90min-Redakteur

Beim BVB ist Marco Reus eine Institution - und das zurecht! Allen Verletzungsproblemen und Rückschlägen zum Trotz zählte Reus konstant zur Weltspitze und war für mich in Top-Form nicht nur Deutschlands bester Fußballer, sondern auch die Nummer Eins in der Bundesliga. Dass, wie oben erwähnt, Reus es gewohnt ist, sich schnell von Verletzungen zu erholen, ist umso beeindruckender - sollte aber kein Standard sein.

Nichtsdestotrotz bleibt der Körper des Capitano die absolute Problemzone. Von einer weiteren schweren Verletzung dürfte sich der mittlerweile 31-Jährige nicht mehr erholen - und in dem Fall bin ich bei meinem Kollegen, sollte Reus ins zweite Glied rücken. Aktuell scheitert der Nationalspieler aber nicht an seinem Körper, sondern an seinem Kopf.

Reus ist fit, das haben die letzten Spiele vor der Winterpause gezeigt. Was fehlt, ist die Selbstverständlichkeit in Reus' Spiel, die so verdammt unwiderstehlich ist. In Top-Form läuft alles, wirklich alles bei Reus und das überträgt sich auf die Mannschaft. Ohne dieses spezielle Reus-Gen, das beim BVB-Kapitän aktuell einfach fehlt, ist der 31-Jährige nicht mehr außergewöhnlich, sondern einfach nur gut.

Das Problem, das ich sehe, ist die völlig überzogene Erwartungshaltung, die seit der goldenen Klopp-Ära an den BVB gerichtet wird. Und viel zu häufig wird die Kritik an Marco Reus festgemacht. Das spricht zum einen für seine Qualität, wird ihm aber kaum gerecht. Es ist ein besonderes Jahr, Corona-geprägt, am Anschlag - wer hat damit nicht zu kämpfen? Der BVB ist im Formloch, nicht (nur) Marco Reus. Also bitte, gebt dem Mann und der Mannschaft Zeit.

Marco Reus ist einer der begnadetsten Fußballer, die ich kenne. Und Formschwäche ist etwas, das man bisher bemerkenswert selten an den Nationalspieler adressieren konnte. Ja, sein Körper zieht ihm immer wieder einen Strich durch die Rechnung. Und dass Reus Verletzungen mit nun über 30 Lenzen nicht mehr so eben abschüttelt, ist doch auch klar. Ihn deswegen fallen zu lassen wäre nicht nur vermessen, sondern eine Majestätsbeleidigung.

Denn schließlich darf bei Marco Reus nicht nur das Leistungsprinzip allein gelten. Dieser Mann hat dem BVB so vieles gegeben, das sich nicht in Zahlen oder Pokalen messen lässt. Marco Reus ist der Stein, auf dem der BVB seine Kirche gebaut hat. Das verdient ein Denkmal und mehr. Und die Loyalität, die der Capitano der Borussia in all den Jahren entgegengebracht hat, verdient er nun zurück - bedingungslos.

Marco Reus ist eine BVB-Institution
Marco Reus ist eine BVB-Institution / Pool/Getty Images

Den Staffelstab wird der 31-Jährige irgendwann übergeben. Die Spritzigkeit und Jugend eines Giovanni Reynas oder Jadon Sanchos bringt Reus nicht mehr mit. Und trotzdem bleibt Marco Reus der Spieler, der einfach besser sein kann, als jeder andere Spieler auf dem Rasen. Dahin kann er wieder kommen; davon bin ich überzeugt.

Der BVB ist ein Verein, der sich über Herzblut und Leidenschaft definiert. Diejenigen von uns, die nicht nur den Glanz, sondern auch die Dunkelheit und den Staub mit den Schwarz-Gelben erlebt haben, werden dies nicht vergessen. In solch einem Verein gibt es Institutionen, die unantastbar sind. Und solange sich Marco Reus noch aufs Spielfeld schleppen kann, bleibt er das für mich.