​Es heißt, dass sich wahre Größe in der Niederlage zeigt. Demgemäß müsste der​ HSV eigentlich mit den ganz Großen der Branche konkurrieren. Doch Spaß beiseite: andersrum wird irgendwie auch ein Schuh draus. Denn nur wer im (zwischenzeitlichen) Erfolg nicht ausflippt und weiterhin beharrlich und demütig arbeitet, wird auch langfristig belohnt. Entsprechend drückt HSV-Sportvorstand ​Jonas Boldt im Interview mit der Bild ein wenig auf die Euphoriebremse - und mahnt absolute Konzentration für den (großen) Rest der Spielzeit an.


Gewaltiger HSV-Umbruch - nahezu perfekt moderiert!


Aus der Politik und anderen Bereichen kennt man es: Nach hundert Tagen wird eine Bestandsaufnahme gemacht. 


Zwar ist Jonas Boldt (37) nun schon seit mehr als hundert Tagen (110, um genau zu sein) beim Traditionsklub an der Elbe tätig, aber das steht einem Zwischenfazit nicht entgegen. Im Gegenteil: Viel ist passiert beim HSV nach seiner und Heckings Inthronisierung (die schon von Boldts Vorgänger Ralf Becker in die Wege geleitet worden war). 


19 Spieler sind gegangen, zwölf sind gekommen - ein gewaltiger Umbruch. Doch von den zwölf Neuzugängen haben bereits acht nahezu reibungslos den Sprung in die erste Elf geschafft. 

Mit den beiden Innenverteidigern Timo Letschert und Ewerton, die verletzungsbedingt noch nicht aktiv am Spielgeschehen teilnehmen konnten, sowie dem Perspektivspieler Xavier Amaechi und dem erst vergangene Woche unter Vertrag genommenen Martin Harnik haben nur vier der Zugänge noch keine Liga-Minuten auf ihrem Konto. Amaechi durfte wenigstens beim Pokal-Krimi in Chemnitz für eine gute halbe Stunde ran. 


Das alleine veranschaulicht schon, wie umsichtig der HSV in der diesjährigen Transferperiode vorgegangen ist. Kein Wunder, dass Boldt "recht zufrieden" ist: "Das, was wir geschafft haben, geht im Rahmen unserer Möglichkeiten schon nah an die 100 Prozent ran." 


Boldt warnt davor, sich auszuruhen


Und dennoch warnt der Manager vor allzu großer Euphorie: "Wir haben die Basis geschaffen, um eine erfolgreiche Saison zu bestreiten. Wir haben ambitionierte Ziele, aber der Weg ist lang. Wenn wir uns auf uns konzentrieren, dann werden wir unseren Weg schon gehen." 


Ob es denn am Ende für den großen Wurf, sprich Wiederaufstieg, reicht, will Boldt ebenfalls nicht garantieren: "Das werden wir am Ende sehen. Mit dem, was wir bis Ende August umsetzen konnten, können wir wirklich zufrieden sein. Das heißt nicht, dass wir uns darauf ausruhen können." 


Wie die Mannschaft es im vergangenen Jahr getan hat - und zwar just nach dem Hamburger Derby beim FC St.Pauli. "Damals", so Boldt, "hatte ich den Eindruck, da hat gerade einer die Champions League gewonnen. Was das für Auswirkungen hatte, haben wir alle erlebt." 


"Derby für die Fans ein besonderes Spiel"


Damals wie heute lag die Favoritenrolle beim Klub aus dem Westen der Stadt. Boldt dazu: "Die Favoriten-Rolle zu verlagern, das würde unglaubwürdig wirken. Wir müssen auf uns gucken, das werden wir Montag auch tun. Dann bin ich sehr zuversichtlich, dass wir die drei Punkte auf unserer Seite der Stadt behalten." 


Boldt vergaß in diesem Zusammenhang auch nicht, noch mal lobend auf die ​Aussagen und das Handeln der verantwortlichen Personen im Kiez-Klub rund um die Jatta-Affäre einzugehen: "Ich möchte mich bei Oke Göttlich für seine Aussagen bedanken. Das ist nicht selbstverständlich, dass man sich so klar positioniert. Insbesondere bei der Rivalität. Da muss ich ein großes Kompliment zurückgeben."


Was ich an dieser Stelle auch noch mal tun möchte. Insgesamt zeigte sich Boldt aber bemüht, den Hype um das Stadtderby am kommenden Montag (20.30 Uhr) nicht noch zusätzlich anzufachen: "Ich weiß natürlich um die Bedeutung in der Stadt. Im März war ich als Gast bei dem Spiel. Als Südamerika-Fan habe ich schon einige spektakuläre Derbys gesehen. Natürlich kann ich verstehen, dass es für die Fans ein besonderes Spiel ist. Das ist es für die Spieler auch. Wir sollten aber darauf achten, dass wir das Ganze nicht überhöhen." 


Recht hat er. Bleibt zu hoffen, dass seine Message auch von den Fans (aus beiden Lagern, wohlgemerkt) empfangen wird. Die Bilder von permanent pyrozündelnden "Fans", die die Partie bisweilen an den Rand des vorzeitigen Abbruchs brachten, sind uns alle noch in unschöner Erinnerung.