Frauenfußball

100 Wolfsburg-Tore für Ewa Pajor: The Underrated One

Helene Altgelt
VfL Wolfsburg v SKN St.Pölten Frauen: Group B - UEFA Women's Champions League
VfL Wolfsburg v SKN St.Pölten Frauen: Group B - UEFA Women's Champions League / Cathrin Mueller/GettyImages
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Ganze 100 Mal netzte Ewa Pajor für Wolfsburg bereits im DFB-Pokal und in der Bundesliga ein. Trotzdem ist die 25-Jährige international eher weniger bekannt – wenn es um die besten Stürmerinnen geht, fällt ihr Name selten. Dabei bringt kaum eine andere Fußballerin Pajors Mischung aus Athletik, Technik und Schnelligkeit mit. 


2015 ein Nachwuchstalent, jetzt absolute Leistungsträgerin

"Polnisches Nachwuchstalent verstärkt VfL-Angriff": Das meldete der VfL Wolfsburg am 25. Juli 2015 und gab damit die Verpflichtung der damals 18-jährigen Ewa Pajor bekannt. Pajor war damals in Polen bereits als Ausnahmespielerin bekannt, gab mit nur 15 Jahren ihr Debüt und erzielte prompt einen Doppelpack. Der Schritt nach Wolfsburg war folgerichtig, aber auch groß: Zum dominanten Team in der Frauen-Bundesliga und Champions-League-Halbfinalisten.

Pajor kam zunächst wenig zum Einsatz, zwei Verletzungen machten die Sache nicht einfacher. Vor allem, was die Physis angeht, war der Sprung groß, wie sie es 2019 in einem Interview sagte: "Am Anfang war ich noch nicht für das robuste Spiel in der Bundesliga bereit – und beim VfL hat man mir viel Zeit gegeben, dafür bin ich dankbar."

Aber ihr Mut und Wolfsburgs Vertrauen sollten sich auszahlen, und 2018/19 gelang ihr der endgültige Durchbruch: Sensationelle 24 Tore hatte Pajor nach 19 Bundesliga-Spielen erzielt. Das Zusammenspiel von ihr, Pernille Harder und Caroline Graham Hansen: Ein Traum für Wolfsburgs damaligen Trainer Stephan Lerch, ein Albtraum für alle Bundesliga-Gegner. Die Wege des technisch beschlagenen Trios sollten sich schon bald trennen, Graham Hansen verließ Wolfsburg zum Ende der Saison und Harder wechselte ein Jahr später zu Chelsea. Pajor aber blieb beim VfL. 

Trotz aller Erfolge nicht der ganz große Star

Längst ist Pajor nicht mehr nur ein Versprechen für die Zukunft, sondern steht auf Platz fünf der besten Torschützinnen in Wolfsburgs Geschichte. Pernille Harder (104 Tore) und Zsanett Jakabfi (108) wird die Polin auch bald überholen, denn aktuell ist Pajor in Topform: Fünf Tore und drei Vorlagen hat sie nach fünf Spielen bereits auf dem Konto. Zu wünschen ist es ihr, dass sie diese Saison vom Verletzungspech verschont bleibt, das sie in den letzten Jahren um einige Einsätze brachte. 

Auch dieses Verletzungspech spielt wohl eine Rolle dabei, dass Pajor trotz ihrer hervorragenden Statistiken – in der Bundesliga sind es 71 Tore und 30 Vorlagen in 88 Spielen – zwar von Bundesliga-Fans als eine der besten Spielerinnen anerkannt wird, international aber oft nicht zum engsten Kreis der Topstürmerinnen gezählt wird. Dort fallen erst andere Namen: Katoto, Hegerberg, Kerr, Miedema…

Ewa Pajor of Poland gestures during the women's football...
Ewa Pajor im polnischen Nationaltrikot / SOPA Images/GettyImages

Pajors Staatsangehörigkeit dürfte ebenfalls ein Faktor sein, war sie doch mit Polen noch nie bei einem großen Turnier dabei. Ein weiterer Punkt: die weniger starke Mediatisierung der Frauen-Bundesliga, etwa im Vergleich zur englischen WSL. Es wird eben nicht jede gute Szene, jede Ballannahme, jede geschickte Drehung, zu einem Highlight-Video verarbeitet und geteilt.

Pajors Stärken: Im Strafraum eine Wucht, für Konter perfekt

Dabei gäbe es einiges zu zeigen: Pajors Athletik, Technik und Schnelligkeit, kombiniert mit einem hervorragenden Gefühl für die Räume, machen sie zu einer brandgefährlichen Stürmerin. 

Außergewöhnliche Athletik: Pajor bekommt fast jeden Ball aufs Tor

Ihre Athletik ist einer der spektakulärsten Aspekte von Pajors Spiel, denn sie erlaubt es ihr, aus so gut wie allen Positionen den Ball noch aufs Tor zu bekommen. Dabei kommen mehrere Dinge zusammen: Die 25-Jährige hat den natürlichen Stürmerinnen-Riecher dafür, wo sie stehen muss, aber erst durch ihre Ballannahme und -verarbeitung wird sie so richtig gefährlich. Ob zentral oder halbrechts, allein auf weiter Flur oder mit dem Rücken zum Tor: Pajor ist, was die Schusspositionen angeht, sehr vielseitig.

An dieser Stelle muss auch erwähnt werden, dass ihr Kopfballspiel nicht das stärkste ist – bei einer Größe von 1,67 Metern auch wenig verwunderlich. Trotzdem gelingt es Pajor noch, 42,3 Prozent der Luftduelle zu gewinnen (alle Statistiken von fbref.com), kein schlechter Wert gegen die meist weitaus größeren Gegenspielerinnen. Manche Spielerinnen sind auch beidfüßiger als Pajor, die von ihren 88 Bundesligatoren sechs nur mit ihrem linken Fuß erzielte. Aber das macht sie mit links – oder eher gesagt, mit rechts – wieder wett. Pajor kann den Ball gefühlvoll ins Tor befördern oder hart draufhalten, beides führt oft zum Erfolg. Oder aber sie macht sich ihre Athletik zunutze, dann können auch mal Tore wie dieser Fallrückzieher entstehen, der 2018 zum Tor des Monats nominiert wurde: 

Eine Strafraumspielerin, aber nicht nur

Natürlich sind solche Traumtore mehr die Ausnahme als die Regel, aber Pajor versucht solche Schüsse öfters mal, und meist segelt der Ball auch nur knapp daneben. Dem Dank dafür gebührt ihre ebenfalls gute Technik, die Ralf Kellermann, damals Wolfsburgs Trainer und jetzt sportlicher Leiter, schon 2015 bei ihrer Verpflichtung lobte. Nicht nur beim Abschluss, sondern besonders auch beim Einleiten von Angriffen hilft Pajor das.

Wie ihr Wert an Vorlagen schon zeigt, ist sie keine reine Boxstürmerin, sondern kommt auch gerne aus dem Mittelfeld – gerade in der jetzigen Saison, wo Wolfsburg mit Waßmuth, Roord, Popp und Huth oft einige Spielerinnen auf dem Platz hat, die mehrere Positionen spielen können. Damit trägt sie zur Wolfsburger Flexibilität bei, die das Team von Tommy Stroot schwer ausrechenbar macht. Von ihren Ballberührungen waren diese Saison mehr als die Hälfte in der mittleren Hälfte des Felds. Dabei ist sie in der Lage, ihre Mitspielerinnen gedankenschnell in Szene zu setzen, aber besonders, selber Raum für andere zu schaffen. Das macht Pajor etwa in der Form von Dribblings, von denen sie bisher 62,5 Prozent diese Saison gewonnen hat, oder Läufen in die Tiefe.

Enorme Geschwindigkeit - nur eine größere Schwäche gibt es noch

Auch ohne den Ball sind diese Läufe eine von Pajors großen Stärken, die sie zu einer Konterspielerin machen, die sich wohl viele Trainer wünschen würden. Wenn Pajor einmal den Turbo zündet, wird es für die allermeisten Verteidigerinnen schwer, mitzuhalten. Wird ihr dann ein Steilpass in die Füße gespielt, ist die Großchance schon kaum mehr zu vermeiden. Pajor kommt so zu enorm vielen Schussmöglichkeiten, im Durchschnitt mehr als sieben bisher pro 90 Minuten. 

Ein unglaublicher Wert, aber hier ist auch noch Luft nach oben, denn nur 2,8 dieser Schüsse bringt sie dann auf den Kasten. Bei den allermeisten von Wolfsburgs Spielen macht das nichts aus – aber mehr Kaltschnäuzigkeit wäre noch ein Schritt nach vorne für die ehrgeizige Pajor. Wegen der schieren Anzahl an Schüssen, auf die sie es pro Spiel meist bringt, ist trotzdem in vielen Begegnungen ein Pajor-Tor vorprogrammiert. Mit ihrem Gespür für die Räume schafft sie es eben auch, nicht ganz saubere Pässe noch anzunehmen und zu verwerten, oder sich wieder aus dem Rücken der Abwehr zu schleichen.

All das ist das Ergebnis von Talent, aber vor allem von Arbeit, viel harter Arbeit, wie es Pajor immer wieder betont. "Es ist aber immer Luft nach oben und ich möchte mich auch noch weiterentwickeln. Daran arbeite ich weiter", sagte sie auch nach dem Sieg gegen Slavia Prag. Pajor ist vom Nachwuchstalent zur absoluten Leistungsträgerin beim VfL gereift - vielleicht folgt diese Saison mit Erfolg auf der größten Bühne ja auch mehr internationale Anerkennung.


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