Kwasniok unter Druck - Ist die Kritik am Köln-Coach berechtigt?

Lukas Kwasniok hat beim Effzeh nach der Bundesliga-Rückkehr übernommen. Trotz Platz zwölf steht der Cheftrainer der Geißböcke in der Kritik. Zurecht?
Hilft für Lukas Kwasniok nur noch beten?
Hilft für Lukas Kwasniok nur noch beten? / picture alliance/GettyImages
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"Der FC. Spürbar anders." So lautet die Überschrift auf der Homepage des 1. FC Köln, wenn man im Reiter 'Historie und Erfolge' über die Klubgeschichte nachlesen möchte.

Wer Stadt und Verein kennt, würde die Headline wohl als treffend bezeichnen. Der Effzeh ist mit Sicherheit kein Klub von der Stange. Entsprechend unruhig geht es rund um das Geißbockheim meist auch zu. In einem unterscheiden sich die Kölner aber von keinem anderen Profiklub: Wenn die Ergebnisse ausbleiben, dann steht der Cheftrainer in der Kritik.

In dieser Gemengelage hatte Lukas Kwasniok beim Effzeh nach dem Aufstieg übernommen. In der Aufstiegssaison musste Vor-Vorgänger Gerhard Struber zwei Spieltage vor Schluss gehen. Trainer-Ikone Friedhelm Funkel übernahm für die letzten beiden Spiele und führte die Kölner ins Oberhaus. Der mittlerweile zum Sport-Geschäftsführer beförderte Thomas Kessler entschied sich dennoch gegen einen Verbleib von Funkel, der dafür offen gewesen wäre. Stattdessen verpflichtete er Lukas Kwasniok vom SC Paderborn.

"Hinter den Kulissen rumort es vor dem Spiel gegen Hoffenheim gewaltig!"

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Das kurzfristige Ziel für den 44-jährigen Bundesliga-Neuling war klar: der Klassenerhalt. Mit Rang zwölf nach 22 Spieltagen ist der Effzeh tabellarisch voll auf Kurs. Der Trend bei den Geißböcken zeigt aber eher nach unten. Nur zwei der letzten 13 Bundesliga-Duelle konnten die Kölner für sich entscheiden.

Mit Blick auf die Tabelle ist der Vorsprung auf die Abstiegszone alles andere als komfortabel: Lediglich vier Punkte steht Köln vor dem 16. Bremen, immerhin sechs Zähler sind es auf den 17. St. Pauli.

Was sagen die Zahlen?

Ungeachtet der derzeitigen Entwicklungen rund um Kwasniok und den Effzeh lohnt sich zunächst der Blick auf die nackten Zahlen (nur Bundesliga). Unter Kwasniok gelangen dem Effzeh bislang sechs Siege und fünf Remis bei elf Niederlagen. Macht bei 23 Punkten nach 22 Spieltagen einen Schnitt von 1,045 Punkten pro Partie.

Hochgerechnet würden die Geißböcke damit am Saisonende bei gut 35,5 Punkten landen. Würde das für den direkten Klassenerhalt reichen?

Die Erfahrungen der letzten Spielzeiten sagen Ja! Die TSG Hoffenheim wurde 24/25 mit 32 Zählern 15., ein Jahr zuvor reichten Union Berlin 33 Punkte. 22/23 rettete sich der FC Augsburg mit 34 Punkten, beim VfB Stuttgart waren es 21/22 33 Zähler. Mit dieser Punkteanzahl hatte es den Effzeh 20/21 erwischt, Bielefeld landete davor mit 35 Zählern auf Rang 15.

Kwasniok selbst glaubt, dass man "am Ende etwa 32 bis 35 Punkte" für den direkten Klassenerhalt brauche. Diese Einschätzung liegt auch im Bereich der Hochrechnung des Opta-Supercomputers. Demnach sind mindestens 34 Punkte für Platz 15 nötig. In der Simulation des Datenanbieters kommt der Effzeh aktuell auf erwartete 36,11 Punkte - also leicht über dem bisherigen Punkte-Saisonschnitt.

Die Abstiegsgefahr berchnet die KI demnach auch als relativ gering. 9,21 Prozent sind es für den Relegationsrang. Nur 5,07 Prozent für die direkten Abstiegsplätze 17 und 18.

Mit Blick auf die Zahlen bleibt demnach festzuhalten, dass der wachsende Druck und vor allem die Kritik an Kwasniok in Köln derzeit gar nicht so aufbranden müsste, wie sie es bei vielen Anhängern und im Umfeld des Klubs tatsächlich tut.

Was sagt das "Jeföhl"?

Doch Köln ist eben Köln. Also "spürbar anders". Das Jeföhl - oder zu deutsch: Gefühl - spielt eine wichtige Rolle. Und hier liefert der Effzeh-Coach sicher die ein oder andere Angriffsfläche.

Der 44-Jährige sollte eigentlich gut zu Klub und Stadt passen. Auch Kwasniok ist kein Typ von der Stange, extrovertiert und eckt gerne mal an.

Das tut er beim Effzeh an mehreren Stellen. Viele System- und Personalwechsel prägen die Saison der Geißböcke. Für die meisten Fans und Beobachter ist das deutlich zu viel. Jüngster Höhepunkt: Beim 1:3 in Stuttgart nahm Kwasniok beim 0:1-Rückstand zwei offensive Wechsel vor und ließ ohne gelernten Innenverteidiger spielen. Nach dem zwischenzeitlichen Ausgleich folgten noch zwei Gegentore, die die Pleite besiegelten.

Wer Kwasniok kennt, weiß, dass er gerne mal unkonventionell denkt und entscheidet. In seiner bisherigen Trainerlaufbahn war das häufig von Erfolg gekrönt. Auf der großen Bundesliga-Bühne und erst recht beim Effzeh, kann das aber auch schnell mal um die Ohren fliegen.

Ein großes Ärgernis rund um den Klub ist zudem Kwasnioks Umgang mit Shootingstar Said El Mala. Der kommt für den Geschmack der Fans zu häufig nur als Joker zum Einsatz. Laut Sportbild ist das Verhältnis zwischen Trainer und Jungstar mindestens mal unterkühlt. Kwasniok sei demnach auch ein Grund, warum sich El Mala einen schnellen Abschied aus Köln gut vorstellen könne.

Was sagt der Blick in die Zukunft?

"Fakt: Die Lage wird immer brisanter. Damit die Stimmung nicht vollends kippt, müssen schnell Erfolge her."

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Auf der einen Seite sind die Kölner also faktisch weiter auf einem guten Weg in Richtung Klassenerhalt. Auf der anderen Seite waren die letzten Ergebnisse überwiegend schwach und die Stimmungslage scheint sich immer weiter gegen den Trainer zu richten. Wir erinnern uns an das Fan-Plakat beim Auswärtsspiel in Heidenheim am 16. Spieltag.

"KWASNI YOK" war in der Auswärtskurve zu lesen. Das Wort "YOK" ist türkisch und bedeutet "Nein".

Einen leichten Stand hat der 44-Jährige bei den Anhängern also definitiv nicht. Helfen, das zu verbessern, können nur gute Ergebnisse - und vielleicht El Mala regelmäßig in der Startelf.

Der Blick voraus auf den Saisonendspurt zeigt eine Tatsache, die Kwasniok auf der einen Seite noch sehr gefährlich werden, auf der anderen Seite aber sehr helfen könnte: der Rest-Spielplan.

Die Kölner müssen zwar noch gegen fünf der neun Teams aus der oberen Tabellenhälfte ran: TSG Hoffenheim (3.), den BVB (2.), den HSV (9.), Eintracht Frankfurt (7.) und den FC Bayern (1.). Den Klassenerhalt hat man in den zahlreichen noch ausstehenden Duellen gegen die direkte Konkurrenz aber in der eigenen Hand.

Für den Effzeh geht es unter anderem noch gegen den 16. Bremen, 17. St. Pauli und 18. Heidenheim. Werder und Schlusslicht FCH müssen dabei nach Köln reisen. Dass die Geißböcke solche direkten Duelle im eigenen Stadion können, haben sie Mitte Januar beim 2:1-Sieg über Mainz 05 bewiesen.

Diesen Beweis muss Kwasniok mit seiner Truppe aber wohl noch ein-, besser zweimal erbringen, damit der Klassenerhalt sicher gelingt. Ob ein neuer Standard-Trainer da hilft? Unruhe gab es rund um Karneval im Klub auch, weil Standard-Coach Hannes Dold von seinen Aufgaben entbunden wurde. Mit schon 14 Gegentreffern nach ruhenden Bällen sind die Kölner in dieser Statistik Ligaschlusslicht.

Kwasniok hatte sich über die Standard-Schwäche schon mehrfach öffentlich aufgeregt. "Das macht mich fuchsteufelswild. Wenn man als Aufsteiger in der Liga bestehen will, muss man sich bei Standards besser anstellen", meckerte er kürzlich.

Et hätt noch immer jot jejange - oder Lukas Kwasniok?

Gemeckert wird zwangsläufig auch bei Hennes. Genauer gesagt, seit August 2019 bei Hennes dem IX. Ob DER Kölner Geißbock künftig weiterhin neben Lukas Kwasniok meckern kann, werden die kommenden Wochen zeigen. Die Zahlen sollten noch dafür sprechen, das Jeföhl neigt sich eher in die andere Richtung.

Wir dürfen gespannt sein, ob ein Kölner Sprichwort bis Saisonende auch für Kwasniok gilt: "Et hätt noch immer jot jejange"...


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