Seit dem gestrigen Donnerstag ist er endlich offiziell: Der erste Kader des neuen deutschen Bundestrainers Jürgen Klopp.
Was wie eines der größten Staatsgeheimnisse des Landes gehütet wurde, wurde in den letzten Tagen allerdings auch mit ebenso großer Aufmerksamkeit durch einen Leak nach dem anderen bereits vorzeitig verkündet und nahm damit einen großen Teil der Vorfreude und Überraschung raus. Das ist ein nicht unbedeutender Punkt in der Analyse des ersten DFB-Kaders des 59-Jährigen.
Neben den sportlichen Aspekten und dem von allen so erhofften Umbruch spielt nämlich auch die Schnittstelle zwischen der deutschen Nationalmannschaft und der deutschen Presselandschaft eine nicht unwesentliche Rolle für die Zukunft mit Bundestrainer Jürgen Klopp.
Hier sind unsere vier großen Erkenntnisse zum ersten Klopp-Kader.
Erkenntnis Nummer 1: Klopp hält sein Wort
Jürgen Klopp hatte bei seinem Amtsantritt deutlich gemacht, dass quasi jeder deutsche Fußballer mit gültigem Spielerpass die Chance hat, sich für die deutsche Nationalmannschaft zu empfehlen.
Große Worte, die dennoch mit einem sauren Beigeschmack befangen waren, da der Begriff "Umbruch" in den letzten Jahren beim DFB oft einfach nur bedeutete, dass der jeweilige (neue) Bundestrainer den gleichen Kader wie zuvor lediglich um eine Handvoll Spieler ergänzte, die vorher noch nicht nominiert wurden, oder um das ein oder andere Talent. Doch nicht so bei Klopp.
Beim 59-Jährigen fühlt es sich spätestens jetzt nach einem richtigen Umbruch an.
Klopp nominierte nicht nach Namensliste und Errungenschaften, sondern gab tatsächlich jedem anhand des Leistungsprinzips die Chance, sich zu beweisen. Für diesen Schritt legte der Bundestrainer einen eher ungewöhnlichen XXL-Kader fest, in dem sich nun auch Namen befinden, die für frischen Wind stehen wie kaum jemand sonst.

Blickt man auf Spieler wie etwa Felix Keidel vom Bundesliga-Aufsteiger SV Elversberg, Yannik Engelhardt, Derry Scherhant, Philip Treu und Max Rosenfelder vom SC Freiburg, Bambase Conte von der TSG Hoffenheim, den ehemaligen Paderborn-Star Mika Baur, der erst vor Kurzem zu Celtic Glasgow gewechselt ist, oder den lange ignorierten Vitaly Janelt vom FC Brentford, dann zeigt sich, dass dort zahlreiche Spieler im Aufgebot stehen, die zwar starke Leistungen am Fließband liefern, deren Namen man aber nie im Nationalteam erwartet hätte. Keine Sensationskinder, sondern einfach richtig gute Kicker.
Bestes Beispiel ist Felix Keidel: Der 23-jährige Elversberger hat derzeit einen Mini-Marktwert von 1,2 Millionen Euro und kickte im ersten Halbjahr 2025 noch in der 3. Liga. Vermutlich kannten ihn vor seiner Nominierung noch nicht einmal alle und viele fragten sich verwundert "Felix wer?!".
Klopp gibt auch den vermeintlich kleinen Namen ohne große Strahlkraft eine Chance und belohnt konstante Leistung vor theoretischem Talent oder großem Hype.
In diesem Atemzug ließ der Bundestrainer auch einige verdiente Namen, von denen man eine Nominierung erwartet hatte, zu Hause, da ihre Leistung zum aktuellen Zeitpunkt einfach keine Nominierung rechtfertigten. Siehe Deniz Undav.

Klopp hat sein Wort in puncto Leistungsbelohnung also gehalten und sorgt damit landesweit dafür, dass diejenigen, die den Sprung gerne schaffen würden, das Gefühl haben, endlich gesehen zu werden. Zudem stachelt der Bundestrainer die vermeintlich verdienten Stars an, sich nicht auf der Vergangenheit auszuruhen. Leistung ist das große Eintrittsticket ins Nationalteam, ohne dass Menschenfänger Klopp dabei auch zwischenmenschliche Aspekte auslässt.
Erkenntnis Nummer 2: Klopp beweist Fingerspitzengefühl
Trotz des Umbruchs machte Klopp aber auch einige bedeutende Ausnahmen. So nominierte er unter anderem Jamal Musiala, der in den letzten Wochen aufgrund einer Erkrankung nicht zu vielen Einsatzminuten kam und noch nach seiner Topform sucht, sowie Nico Schlotterbeck, der erst aus einer langen Verletzungspause zurückgekommen war. Darüber hinaus nominierte er beispielsweise auch Serge Gnabry, der in dieser Saison noch keine einzige Minute absolviert hat.
Darin muss man jedoch keineswegs Ungerechtigkeiten gegenüber anderen nicht nominierten Spielern suchen, die das Leistungsprinzip hinterfragen könnten. Nein, Klopp nimmt bewusst auch Spieler mit, die in der Zukunft eine Rolle spielen sollen und die er nach kleineren Rückschlägen an die Hand nehmen möchte.
"Mit Nico Schlotterbeck, Jamal Musiala und Serge Gnabry haben wir drei Spieler, die eine schwierigere Zeit hinter sich haben. Wenn es irgendwie geht, wollen wir die drei alle zwei Woche dabei behalten, um ihnen Rhythmus zu geben und sie im normalen Mannschaftstraining zu haben."Jürgen Klopp

Auch diese Spieler nimmt Klopp mit und beweist Fingerspitzengefühl bei durchaus brisanten Personalentscheidungen.
Bei Deniz Undav ist die Lage vergleichsweise eine andere: Der Sturmstar des VfB Stuttgart kommt nicht aus einer Verletzungspause, sondern leidet einfach unter einem reinen Leistungstief. Die Nicht-Nominierung des Stuttgarters darf als helfende Hand aus dem Leistungsloch verstanden werden. Aus genau diesem soll Undav sich jetzt herausbeißen und sich von Klopp angestachelt neu empfehlen.
Bei den genannten anderen Spielern, die in der neuen Saison bisher noch nicht wirklich viel vorzeigen konnten, ist die Lage anders. Klopp lässt wichtige Spieler seiner Teamachse nicht außen vor, sondern versucht, sie beim Neuanfang mitzunehmen und sie auf dem Weg zurück zur Top-Leistungen zu unterstützen.
Somit unterteilt der Bundestrainer nicht in Schwarz-Weiß-Denken, sondern schichtet die verschiedenen Facetten seiner Teamfindung auf spannende Art und Weise auf. Die Tür nach außen steht weit offen und die Achse nach innen wird gestärkt.
Ein Neustart und Umbruch, ohne alles einfach auf Null zu setzen. Das beweist auch, dass der Umbruch des neuen Bundestrainers keineswegs nur bedeutete, den Altersdurchschnitt zu senken, sondern der tatsächlichen Leistungsbedeutung – unabhängig vom Alter – eine neue Definition zu verpassen.

Ein Beispiel hierfür ist die Rückkehr von Marc-Andre ter Stegen, ein anderes die Bestätigung von Joshua Kimmich im Kapitänsamt oder eben die erste Berufung des bereits 28-jährigen Vitaly Janelt. Eine vermutlich sehr gesunde Mischung aus Vertrauen, Herausforderung, Chance und Neuaufbau von Hierarchie.
Erkenntnis Nummer 3: Klopp übernimmt das Ruder
Was bei der ersten Kadernominierung des neuen Bundestrainers ebenfalls deutlich wurde und für viele recht erfrischend war, ist der Punkt, dass sich Klopp nicht von der durchaus mächtigen Presselandschaft beeinflussen lassen will, sondern ganz speziellen Vertretern der Szene klar und deutlich, aber gentlemenlike, aufzeigt, wer am längeren Hebel sitzt.
Während in der Vergangenheit immer wieder großes Trara um die Nominierungen von Klopps DFB-Vorgängern gemacht wurde und man stets Unzufriedenheit oder Verbesserungsvorschläge serviert bekam, fokussiert sich zwischen Klopp und den Medien jetzt gerade alles auf die Spitzen des Bundestrainers in Richtung Kader-Leaks und damit unausweichlich verbunden auch auf Sky-Reporter Florian Plettenberg. Plettenberg muss gewissermaßen den Kopf hinhalten und dient als namhaftes Exempel für seine Kollegen aus der Branche.
Ohne den Transferexperten böse niederzumachen, schaffte es Klopp dennoch, wie ein Schulrektor deutlich zu machen, was er von dem "Verhalten" des Berufsleakers hält und welche Auswirkungen die vorherigen Leaks auf die betroffenen Spieler hatten.
Damit setzte Klopp zum einen ein weiteres klares Zeichen, wie schon zuvor bei seiner Antritts-PK, als er den Medien die Grenzen aufzeigte und wo für ihn das Maß voll wäre.
"Mir ist es wurscht, wenn etwas geleakt wird. Ich finde es nur arm, seinen Lebensunterhalt damit verdienen zu müssen, etwas vorher rauszuhauen, als wir es eigentlich wissen müssten"Jürgen Klopp in Richtung Plettenberg

Zum anderen machte der Bundestrainer aber noch etwas ganz anderes, das in diesem Punkt fast komplett untergeht: Klopp stellte sich im Haifischbecken Profifußball sofort vor seine Spieler und gab sich als deren Beschützer zu erkennen. Spätestens jetzt dürfte auch klar sein: Klopp hat die Kommunikationshoheit.
Und das nicht nur in Bezug auf sportliche Leistung, sondern auch auf emotionale und menschliche Randaspekte, die nicht ganz unwichtig sind. Wer möchte schon aus den sozialen Medien erfahren, dass er ins DFB-Team nominiert wurde? Wenn man auch sah, wie viel Spaß dem Bundestrainer der kleine Fehltritt von Younes Ebnoutalib bereitete, weil dieser sich aus Vorfreude zu einer vorzeitigen Bestätigung seiner Nominierung hinreißen ließ, dann wurde klar, worauf Klopp in diesem Punkt den Fokus setzt.
"Das war sehr, sehr witzig, denn er hat ja allen Leakern ein bisschen in die Suppe gespuckt. Er hat mir das Video direkt geschickt, ich hätte es sonst gar nicht mitbekommen. Ich habe es mir dann angeguckt und was ich da gesehen habe, war einfach ein Junge, der sich wahnsinnig freut, dabei zu sein.“ "Klopp über Ebnoutalib-Fauxpas

Klopp schützt seine Schäfchen und hebt den mahnenden Zeigefinger wie der Pfarrer am Sonntag in der Dorfkirche.
Ein ebenfalls erfrischender neuer Gesichtspunkt beim DFB-Team ist, dass Klopp als stimmgewaltige Institution erscheint, dem es in erster Linie um seine Spieler geht, denen er vor allem als Mensch auf Augenhöhe begegnet und in seinen fast schon väterlichen Schutz nimmt.
Erkenntnis Nummer 4: Klopp schlägt neue Wege ein
Schon im Vorfeld der Kader-Nominierung wurde deutlich, dass Jürgen Klopp einen etwas anderen Ansatz verfolgt als viele seiner Vorgänger und dabei auf für deutsche Verhältnisse neue Arbeitsschritte setzt, die im Ausland auf breiter Fläche üblich sind.
Bundestrainer Jürgen Klopp war heute unser Trainingsgast! 🥰👋#SGE pic.twitter.com/oBSHhENrRG
— Eintracht Frankfurt (@Eintracht) September 2, 2026
In den Wochen zwischen seinem Amtsantritt und der jetzigen Kaderbenennung war der Bundestrainer auf zahlreichen Trainingsplätzen zu finden, um sich im Training der Vereine ein detailliertes Bild von seinen Berufenen zu machen.
Eine etwas andere Sichtweise, die durchaus zu großen Schlüssen führen kann. Zudem ist der Kommunikationsweg nun ein anderer als noch zuvor bei Julian Nagelsmann, dem man in diesem Bereich des Jobs als Bundestrainer so manchen Vorwurf machte. Klopp saß nicht nur am Spieltag auf der Tribüne, sondern stand auch unter der Woche neben den Hütchen und suchte bewusst den Austausch mit den Spielern, um sein Bild zu erweitern und zu wissen, mit wem er es zu tun hat.
Star-Kommentator Wolff Fuss brachte es aus dieser Hinsicht auf den Punkt: "Warum ist nicht vorher schon mal einer auf die Idee gekommen, das so zu machen?"
Fazit:
Der von vielen erhoffte Umbruch unter Jürgen Klopp scheint tatsächlich stattzufinden, ohne jedoch alles einzureißen und auf null zu setzen, was bisher galt und gegeben war. Klopp richtet vielmehr viele Dinge neu aus, wählt erfrischende Ansätze, rückt näher an die Spieler heran, zeigt Grenzen auf und nimmt seine Schützlinge unter seinen väterlichen Schutz.

Mit seiner Kaderbenennung hat der Bundestrainer für weitere Euphoriewellen und große Hoffnungen gesorgt, die er nun mit sportlichen Aspekten weiter ausschmücken muss.
Auch bei Klopp gilt schließlich das alte Fußballgesetz: "Die Wahrheit liegt auf dem Platz."
Und genau diese wird sich nun in der ersten anstehenden Länderspielpause unter dem neuen Bundeshoffnungsträger ins grelle Rampenlicht stellen müssen.
Weitere News zur Nationalmannschaft lesen:
