Nach zwei Siegen in den ersten beiden Gruppenspielen steht die deutsche Nationalmannschaft um Bundestrainer Julian Nagelsmann bereits als Gruppensieger und vorzeitig feststehender Teilnehmer der K.-o.-Runde der WM-Endrunde 2026 fest. Allein diese Tatsache darf nach den zweimaligen Vorrundenaus bei den Weltmeisterschaften 2018 und 2022 als erfreulicher Erfolg verbucht werden. Am Ende der großen Träume ist man damit aber noch lange nicht angelangt.
Doch vollends überzeugend war das Auftreten der DFB-Auswahl trotz zweier Siege ehrlicherweise noch nicht. Der Gegner aus dem ersten Gruppenspiel, Curaçao, war kein wirklicher Gradmesser - höchstens ein Aufbaugegner für die Stimmung im Team, und gegen die Elfenbeinküste tat sich die Nagelsmann-Elf über weite Strecken schwer ins Spiel zu finden.
Am Ende sorgte ein Doppelpack von Joker Deniz Undav und die offenbar bessere Fitness der DFB-Elf für die Kehrtwende und den späten 2:1-Sieg nach einem 0:1-Rückstand.
Undav-Form bringt Nagelsmann unter Druck - oder?
Nach dem zweiten deutschen Gruppenspiel stand Undav mit fünf Scorerpunkten (drei Tore, zwei Vorlagen) als bisheriger WM-Topscorer an der Spitze dieser Statistik. Auch bei zahlreichen Experten und Fans ist der Angreifer des VfB Stuttgart derzeit hoch im Kurs und genau die würden ihn künftig gerne in der DFB-Startelf sehen. Eine Zwickmühle für Julian Nagelsmann.

Bislang setzte Nagelsmann auf Kai Havertz als Sturmspitze und Jamal Musiala auf der Zehn. Doch dem Starspieler des FC Bayern München ist seine lange Verletzungsauszeit noch immer anzumerken, und Musiala fehlt neben der altbekannten Leichtigkeit offenbar auch noch das volle Vertrauen in den eigenen Körper.
Nagelsmann stützt Musiala - aber wie lange noch?
Nagelsmann will dem 23-Jährigen dabei helfen, alle Bedenken auszuschalten und wieder zu alter Topform zu finden. Doch viele fragen sich, ob eine WM-Endrunde als Aufbauturnier herhalten kann.
Eine Frage, die eine ganze Fußballnation beschäftigt, weil man von einem Musiala in Topform träumt, den Knoten aber nicht einfach so herbeireden kann. Nagelsmanns Ansatz, dem Dribbelkünstler den Rücken zu stärken und ihm reichlich Einsatzzeit zu geben, ist dabei ein vernünftiger Weg, möglicherweise jedoch zur falschen Zeit.

Die Meinungen zu diesem Thema gehen dabei teils meilenweit auseinander: Während viele wie Nagelsmann Musiala das Vertrauen aussprechen und auf den Befreiungsschlag warten, pochen andere darauf, Deniz Undav anstelle des Münchners in die Startelf zu werfen, da dieser ganz offensichtlich in absoluter Topform ist und seine starken Leistungen aus der Bundesliga auch unbeschwert auf die WM-Bühne mitnehmen konnte. Zu den größten Fürsprechern des Stuttgarters zählt dabei unter anderem Rekordnationalspieler Lothar Matthäus.
Das Nagelsmann-Dilemma
Julian Nagelsmann ist in seiner Aufgabe keineswegs zu beneiden, denn das drohende Dilemma drückt von allen Seiten. Wenn Nagelsmann Jamal Musiala nun nicht mehr in der Startformation aufstellt, könnte das einen neuen Knick beim Münchner geben, der ihm weiteres Selbstvertrauen und Selbstverständnis raubt.
Auf der anderen Seite funktioniert Deniz Undav als Joker bislang herausragend – doch was, wenn Nagelsmann mit einer eventuellen Startelfentscheidung letztlich den grandiosen Lauf von Undav beenden würde? Auf dem Papier sind solche Überlegungen recht einfach zu formulieren doch der Fußball ist auch auf mentaler Ebene vielschichtig und kleinteilig gestrickt.

Eine andere Überlegung wäre, Havertz für den formstarken Undav zu opfern. Doch auch dieser Schritt beim ebenfalls lange verletzt ausgefallenen Angreifer des FC Arsenal birgt Gefahren, da sich Havertz zuletzt ebenfalls in ordentlicher Form befand und eine ebenfalls zentrale Rolle in den Überlegungen des Bundestrainers spielt.
Aus diesem Gesichtspunkt wäre eine Doppellösung aus Havertz und Undav also die vermeintlich logischste Konsequenz. Doch Musiala bleibt dabei der Schattenmann dieser Überlegungen.
Nicht zu vergessen ist dabei vielleicht auch Leroy Sane. Nagelsmann steht zwar auch ihm zur Seite, doch Sane könnte auf dem Flügel möglicherweise auch von Musiala ersetzt werden, wodurch Platz für Undav UND Musiala in einer Formation frei machen würde. Dennoch erscheint diese Überlegung derzeit ebenfalls unwahrscheinlich, da eine Herausnahme Sanes auf lange Sicht auch dessen Selbstvertrauen beeinträchtigen könnte und Musiala aus seinem gewohnten Umfeld hinter den Spitzen reißen würde. Und was Musiala aktuell braucht sind Sicherheit und Automatismen die ihn weiter in seinem Selbst bestätigen.

Sowohl bei Musiala als auch bei Sane scheint die fehlende Leichtigkeit der große Stein im Schuh zu sein. Leichtigkeit, die ein Lennart Karl gebracht hätte, doch dessen WM-Aus erstickt jeden Gedanken dazu im Keim.
Es wirkt fast so, als würde Nagelsmann bei jeder möglichen personellen Entscheidung in dieser Überlegung das Risiko eingehen, bei einem Spieler einen tiefen Knick zu hinterlassen. Es ist auch menschlich ein Ritt auf der Rasierklinge, das jede Menge Fingerspitzengefühl und Einfühlungsvermögen abverlangt.
Ecuador-Spiel als Chance für neue Ansätze?
Julian Nagelsmann wird in puncto Startelf irgendeinen Tod sterben müssen. Lässt er Undav weiter auf der Bank sitzen, vertraut auf ein Anhalten des Jokerlaufs und hofft dabei zeitgleich auf den ersehnten Durchbruch von Musiala? Vertraut er weiterhin der bisherigen Marschroute oder beugt er sich der öffentlichen Meinung? Verzettelt sich der Bundestrainer in seinen Überlegungen oder wird Nagelsmann für seine Standhaftigkeit belohnt?
Stand jetzt hat Nagelsmann vor dem Duell mit Ecuador am Donnerstag zwar noch keinen großen Druck, denn das dritte Gruppenspiel könnte unter dem Vorwand der Belastungssteuerung als Test für eine Umstellung betrachtet werden. Doch wäre das überhaupt ratsam?
Matthäus rät von Ecuador-Experimenten ab
Für die DFB-Elf ist es in puncto K.-o.-Runde bedeutungslos. Anders sieht es aber möglicherweise mit dem Flow im Team aus. Auch Lothar Matthäus rät vor Experimenten gegen die Südamerikaner ab.
"Wenn man jetzt aber denkt, man könne ein bisschen mehr rotieren und mal Ersatzspieler spielen lassen, weil man Gruppenerster ist - nein. Du kannst mal einen angeschlagenen Spieler weglassen. Du kannst mal einen Spieler weglassen, der vielleicht eine Überbelastung hat", schrieb Matthäus in seiner Sky-Kolumne.
Doch der deutsche Rekordnationalspieler mahnte auch: "Man sollte einen Rhythmus und Kern beibehalten. Jetzt im Spiel gegen Ecuador keine Experimente machen. Das wäre der falsche Ansatz."
Nagelsmann muss schwierige Entscheidungen treffen
Unabhängig aller öffentlichen Meinungen ist aber eines klar: Spätestens ab dem Sechzehntelfinale muss Nagelsmann sicher sein, was er von Beginn an aufs Feld schickt, denn dann gibt es keinen Spielraum mehr für Ausrutscher, Ausreden oder gut gemeinte Gesten. Die Entscheidungsfindung bis dorthin dürfte auch das Nervenkostüm des Bundestrainers keinesfalls kalt lassen. Schlauer ist man ohnehin immer erst hinterher.

Die Augen Fußball-Deutschlands sind aber mit Spannung auf den Bundestrainer und seine Entscheidungen gerichtet - nicht zuletzt auch gewürzt mit brisanten Klopp-Aussagen. Ob sie nun ernst gemeint waren oder nicht.
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