Darum ist Kovac beim BVB die Gretchenfrage

Der BVB steht am Scheideweg. Im Fokus steht Trainer Niko Kovac, der an seiner Grundidee festhalten und "nicht alles infrage stellen" will.
Niko Kovac hält an seinen Prinzipien fest
Niko Kovac hält an seinen Prinzipien fest / DeFodi Images/GettyImages
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"Wir dürfen jetzt nicht alles infrage stellen", erklärte Niko Kovac auf der Pressekonferenz vor dem Bundesliga-Duell bei Union Berlin am Samstagabend (18:30 Uhr).

Der Chefcoach von Borussia Dortmund wurde einmal mehr auf die Kritik an den Leistungen seiner Mannschaft angesprochen. Schwarzgelb hatte am vergangenen Dienstag bei kriselnden Spurs eine bittere 0:2-Niederlage kassiert, mit der die Chancen auf den direkten Achtelfinal-Einzug in der Champions League erheblich geschwunden sind. Vor allem in Hälfte eins zeigte der BVB in London einen völlig blutleeren Auftritt.

Warum Kovac beim BVB "nicht alles infrage stellen" will

"Wir wissen, was wir verbessern müssen."

Niko Kovac

"Natürlich weiß ich auch, dass wir das ein oder andere zu verbessern haben", gab Kovac zu. Wehrte sich aber gegen die Generalkritik: "Aber ich sehe trotzdem auch, dass sich die Mannschaft im Vergleich zur letzten Saison erheblich gesteigert hat."

Dann sprach Kovac die Pressevertreter direkt an: "Ich glaube, ihr saßt letzte Saison hier und habt nicht die Spielweise in erster Linie kritisiert, sondern die Ergebnisse. Jetzt haben wir die Ergebnisse und man muss sich etwas anderes suchen."

Natürlich verstehe er das auch, schließlich sei er "mit gewissen Situationen auch nicht ganz zufrieden". Und kam dann zu dem eingangs erwähnten Schluss, "nicht alles infrage stellen" zu wollen.

In Sachen Ergebnisse hat Kovac durchaus einen Punkt. In der Königsklasse hat man zwar eine bessere Ausgangsposition verspielt, ist aber immerhin noch auf Kurs K.o.-Phase. In der Bundesliga läuft es dagegen so gut wie seit sieben Jahren nicht mehr. 39 Punkte nach 18 Spieltagen sind sogar zwei mehr als in der letzten Meistersaison 2011/12. Wegen der ultra-dominanten Bayern wird die aktuelle Ausbeute in Dortmund etwas überstrahlt.

"Wir sind selbst auch sehr kritisch untereinander", beteuerte Kovac am Freitag. Der schwache Auftritt gegen Tottenham sei aufgearbeitet worden. "Wir wissen, was wir verbessern müssen", hielt Kovac fest.

Kovac bleibt seinen Prinzipien treu

"Es muss erst einmal der Kampf, die Einsatzbereitschaft, der Wille da sein [...]."

Niko Kovac

Augenscheinlich hat er dabei Einstellung, Wille und Zweikampfverhalten im Blick. Punkte, die den BVB unter Trainer Kovac in dieser Saison auszeichnen. Zum Duell gegen Union Berlin erklärte er: "Egal, wer dorthin kommt: Es muss erst einmal der Kampf, die Einsatzbereitschaft, der Wille da sein, um dieses Spiel von Union anzunehmen. Erst dann kommt der nächste Schritt - und das ist dann der Fußball."

"Das ist das, was ich unseren Jungs immer wieder gesagt habe, was sie auch schon gezeigt haben. Und das, was wir jetzt immer wieder abrufen müssen. [...] Wir dürfen uns nicht ausruhen. Im Gegenteil: Wir müssen jetzt noch mehr machen", betonte Kovac.

Kovac-Ball ohne Kovac-Merkmale: Was bleibt dann noch übrig?

Die große Frage, die man sich in Dortmund stellen muss: Ist diese Kovac-Analyse nicht sogar der Kern des aktuellen Problems? Sky-Experte Didi Hamann meint: Ja.

"Die Niederlage [gegen Tottenham] war eine Folge fehlender Einstellung, sie haben einen verunsicherten Gegner stark gemacht", so Hamann in seiner Sky-Kolumne. Er habe ein Dortmunder Gesicht gesehen, "was ich so von ihnen unter Kovac noch nicht gesehen hatte".

Hamann legte den Finger in die schwarzgelben Wunden: "Um ihre fehlende spielerische Klasse auszugleichen, müssen sie in jedem Spiel an ihren Grenzen gehen. Sie müssen einen unheimlich hohen Aufwand betreiben, um Ergebnisse zu erzielen - und das geht nicht ewig gut."

Nun muss man festhalten, dass Hamann gerne mal mit kontroversen Thesen daherkommt, die einem nur ein müdes Lächeln aufs Gesicht zaubern sollten. Doch auch der ehemalige Nationalspieler hat hier und da mal einen Punkt. Mit seiner BVB-Einschätzung könnte er sogar voll ins Schwarze getroffen haben.

Denn was bleibt dem BVB unter Kovac noch, wenn die Einstellung nicht passt? Spielerisch liegt bei der Borussia schon die gesamte Saison hinweg einiges im Argen. Die Kritik daran ist trotz der - in der Regel - guten Ergebnisse groß. Bei vielen Fans wächst der Frust sogar wöchentlich. Und die Frage darf erlaubt sein: Kann Erfolg mit dem "Kovac-Ball" wirklich nachhaltig sein?

Nachhaltiger Erfolg mit dem Kovac-Ball?

BVB-Ikone Mats Hummels brachte als Amazon-Experte nach der Spurs-Pleite auf den Punkt, was viele Fans aktuell über ihre Borussia denken: "Man kann natürlich vermeintlich attraktiveren Fußball mit der Mannschaft spielen, den Gegner mehr dominieren, weniger 50:50-Spiele haben, die aktuell oft mit dem richtigen Ergebnis ausgehen. BVB-Fans wollen das sehen. Die wollen in Minute fünf das Gefühl haben, die Mannschaft ist so heiß, fußballerisch so gut, es ist klar, dass wir das Spiel gewinnen. Derzeit muss man aber etwa trotz 2:0-Führung gegen St. Pauli zittern."

Attraktiveren Fußball wird man in naher Zukunft vom BVB aber wohl kaum zu Gesicht bekommen. Vermutlich ist es auch gar nicht das, was Kovac im Sinn hat. Nach Jahren der Inkonstanz, in denen auf Gala-Spiele immer wieder unerklärliche Auftritte folgten, will Kovac mit seiner Fußball-Idee auf eine Stabilität setzen, die die Mannschaft immer wieder abrufen kann.

Mentalität im Fokus der Kovac-Idee

"Für mich ist Fußball [...] in erster Linie mal Intensität, ist Aggressivität."

Niko Kovac

Kovac' Analyse auf der PK am Freitag unterstreicht genau das: Einsatz, Wille, Kampfgeist vor spielerischer Klasse. Oder wie man es mit einem Begriff zusammenfassen kann (der in Dortmund lange Jahre auf der schwarzen Liste stand): Mentalität.

"Für mich ist Fußball - auch wenn viele das vielleicht gar nicht hören wollen - in erster Linie mal Intensität, ist Aggressivität. Denn der Fußball hat sich verändert. Der Fußball geht immer mehr über in ein Mann-gegen-Mann-, in ein Zweikampf-Spiel. Und wenn du dieses irgendwo ausgleichst, dann kannst du deine spielerischen Fähigkeiten, die wir ohne Zweifel haben, mit reinbringen. Aber die Basis ist immer die Einsatzbereitschaft und die Laufbereitschaft."

Mangelnde Qualität, wie Hamann es tut, will Kovac seiner Mannschaft derweil nicht attestieren. "Ich bin mit meiner Mannschaft bzw. meinem Kader zufrieden. Wir haben ja auch gezeigt, wozu wir im Stande sind", betonte der BVB-Coach.

Fazit: Kann man damit zufrieden sein, BVB?

Eine weitere Kovac-Aussage fasst das alles eigentlich perfekt zusammen:

"Wenn man Qualität, die wir ohne Zweifel haben, mit einer Körperlichkeit kombiniert über 90 Minuten, dann setzt sich in der Summe am Ende immer die bessere Mannschaft durch."

Mit diesem Plan will Kovac auch in Zukunft den Erfolg nach Dortmund bringen. Die Vereinsführung muss sich fragen, ob man damit zufrieden sein kann. Oder ob man bei Schwarzgelb wieder mehr erwarten darf als bloß konstant ordentliche Ergebnisse.

Klar ist auch, die überragende individuelle Qualität vergangener Jahre sucht man im aktuellen BVB-Kader vergeblich. Zu mehr Erfolg hatte die Strategie mit Spielern wie Jadon Sancho, Jude Bellingham und Erling Haaland in den Vorsaisons aber auch selten mal geführt.

Ich selbst habe eine klare Antwort auf die Gretchenfrage: So weitermachen und an Kovac festhalten - oder einen anderen Weg einschlagen? Der vielleicht mutiger ist, aber auch größere Gefahren birgt. Verraten möchte ich meine Antwort darauf aber nicht. Jeder, der es mit Borussia Dortmund hält, sollte das für sich selbst tun. Allen voran die Personen, die im Klub das Sagen haben.


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