Alonso-Aus: Das Armutszeugnis eines Weltklubs

Das Aus von Xabi Alonso bei Real Madrid spricht stille Bände und die vermeintliche Wahrheit liegt wohl zwischen den Zeilen.
Xabi Alonso
Xabi Alonso / SOPA Images/GettyImages
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Das monatelange Hin und Her hat ein Ende, denn die bereits mehrfach kolpotierten Geschichten rund um Real Madrid und die vermeintliche Trennung von Trainer Xabi Alonso fanden am Montagabend ihren Schluss- und zugleich Tiefpunkt. Der 44-jährige Baske ist nun nicht mehr in der sportlichen Verantwortung der Königlichen und wird zumindest vorübergehend von Álvaro Arbeloa beerbt.

Es ist eine Geschichte um einen der größten, wenn nicht sogar den größten Giganten der Fußballwelt, die einen mehr als faden Beigeschmack hinterlässt.

Xabi scheiterte am Klub

Xabi Alonsos Zeit als Cheftrainer von Real Madrid fand bereits nach 225 Tagen ein jähes und letztlich vorhersehbares Ende. Nicht etwa, weil der ehemalige Bundesligatrainer von Bayer 04 Leverkusen keinen Erfolg gehabt hätte, sondern weil ein Teil der Madrider Mannschaft sich weigerte, der von Alonso neu ausgegebenen Marschroute zu folgen. 20 Siege und drei Unentschieden aus 28 Pflichtspielen waren für einen Trainer, der eine Mannschaft in einem zumindest in vielen Bereichen stattfindenden Umbruch betreut, durchaus keine schlechte Bilanz. Xabi scheiterte aber nicht an den Ergebnissen.

Vielmehr liegt der Grund für das Aus des früheren Weltklasse-Mittelfeldspielers darin, dass sich viele Starspieler offenbar zu fein dafür waren, dem Plan des Trainers zu folgen, der mit einem gewissen Mehraufwand an Arbeit und Disziplin verbunden war und den Fokus aufs Kollektiv anstelle von einzelnen Solisten legte.

Alonso wollte altbekannte Werte des Vereins wieder einbringen und festigen. Stattdessen wollte man innerhalb der Mannschaft - zumindest vereinzelt - den Kuschelkurs von Carlo Ancelotti mit langer Leine weiter fortsetzen und fußballerisch das machen, worauf man selbst am meisten Lust hat.

Seit Monaten hielt sich in der spanischen Hauptstadt deshalb bereits das Gerücht, dass es zwischen Trainer und Teilen der Mannschaft nicht stimme. In der Öffentlichkeit wurden diese Eindrücke durch vereinzelte Eskapaden rund um Starspieler wie Kylian Mbappé und Vinicius Junior - die sich gegenseitig auch noch die Fahnen hielten - untermauert und schlugen sich wie Sargnägel in die Amtszeit Alonsos an der Madrider Seitenlinie.

Vinicius Junior und Xabi Alonso
Vinicius Junior und Xabi Alonso / Diego Souto/GettyImages

Alonso scheiterte - so blöd es klingen mag - letztlich jedoch nicht hauptsächlich an der wenig löblichen Einstellung mancher Madrider Diven, sondern vielmehr daran, dass der Verein seinen teuren Stars den Rücken stärkte, statt dem eigenen Trainer die Oberhand zu schenken. Ein Kurs, der Real Madrid in den Augen vieler massiv schadet und den sonst so schillernden Weltklub zunehmend in ein schmutziges Licht rückt.

"Niemand ist größer als der Verein" gilt in Madrid nicht mehr

Dieser traditionsreiche und überaus erfolgreiche Verein war in den Jahrzehnten zuvor nicht nur eine namhafte Adresse in der Welt des Sports, sondern sein Trikot musste auch stets mit einem gewissen weltmännischen, fast schon übermenschlichen Charakter gefüllt werden.

Es waren wahre Sportsmänner, echte Kerle, harte Arbeiter und wirklich große Stars, die ihre Leidenschaft wie ein leichtfüßiges Ballett auf die Rasenflächen dieses Planeten zauberten und jedermann ins Staunen brachten. Ein Hand in Hand aus sportlicher Klasse und großem Sportsgeist und Benehmen, das Real so groß werden ließ. Durch Spieler, die überwiegend hohes Ansehen und große Ehrfurcht genossen. Spieler, deren Brust das weiße Trikot ausfüllte und anschwellen ließ und Spieler, die bei Weitem mehr Standing hatten als irgendwer im aktuellen Madrider Kader.

Doch dieses Bild ist spätestens mit dem Alonso-Aus bei vielen zerstört. Der Klub ist in seinem Image und in dem, wofür er jahrzehntelang stand, nachhaltig geschädigt.

Die Galaktischen
Die Galaktischen / Martin Rose/GettyImages

Mit der Trennung vom Trainer am Montag wurde klar, dass die Starspieler und Diven den Takt in Madrid bestimmen und die Regel "Niemand ist größer als der Klub" bei Real nicht mehr zutrifft. Bei Real verendet diese nun zur wertlosen Floskel. Es ist an Peinlichkeit kaum zu überbieten, dass sich der größte Fußballklub der Welt von seinen Spielern derart auf der Nase herumtanzen lässt und sie anschließend auch noch hofiert. Dass ein Klub den Faktor Glamour über den seiner ehrwürdigen Werte stellt.

Doch wie soll es ab diesem Punkt mit den angeblich Königlichen weitergehen, deren Ruf sich immer mehr dem eines niederträchtigen Normalos annähert, der die Kontrolle über essenzielle Dinge in seinem Inneren zu verlieren scheint?

Ist Real Madrid untrainierbar?

Wie kann die Führungsetage des Vereins zulassen, dass Spieler, die bei Weitem nicht das öffentliche Standing und die Aura eines Xabi Alonso im Weltfußball vorweisen können, dafür ausschlaggebend sind, dass einer, der als Spieler und nun als Trainer das bei vielen eingeprägte ursprüngliche Bild von Real Madrid verkörperte, seine Koffer packen muss, damit die Verwöhnten im Verein ihre Ruhe vor unliebsamen Veränderungen haben?

Wie kann man glauben, mit derart schäbigen Signalen wie diesem in Zukunft Herr der Lage bleiben zu können? Es ist ein Aufruf zur vollkommenen Narrenfreiheit. Von nun an kann offenbar jeder, dem ein Furz quer liegt, mit dem Finger auf ein Foto von Xabi Alonso zeigen und dem dann gerade aktuellen Trainer mit frechem Grinsen vermitteln: "Erinner dich, was passiert, wenn es nicht läuft, wie wir es wollen!" Real macht sich selbst untrainierbar.

Viele fragen sich nun: Haben Mbappe und Vini Jr. ihr Ziel erreicht?
Viele fragen sich nun: Haben Mbappe und Vini Jr. ihr Ziel erreicht? / David S. Bustamante/GettyImages

Kurzfristig soll nun Álvaro Arbeloa der Auserkorene sein, der das schwere Erbe von Xabi Alonso antritt und die Diven des Weltklubs milde stimmen soll. Doch wie soll das vonstattengehen? Ein Ex-Real-Profi wie Alonso, der wie sein Vorgänger Wert auf Disziplin und gewisse Standards legt, allerdings weder das weltmännische Standing noch die Trainererfolge eines Alonso vorzuweisen hat, soll nun der starke Mann sein, den die Kabine in Madrid respektiert und fürchtet? Gerade er dürfte nun noch weniger zu melden haben als der Ex-Trainer Alonso.

Macht man Arbeloa also am Ende womöglich sogar nur zum Bauernopfer, bis man eine passende Lösung parat hat, wer das schwere Traineramt in Madrid ausfüllen kann und dessen Erhabenheit über der Nase der eitlen Starspieler schwebt? Welche Kandidaten hält man jetzt noch für holbar?

Königlicher Affenzirkus

Einen wie den so heiß geliebten Carlo Ancelotti, der es schafft, alleine mit seinem Standing als Verwalter zu glänzen und somit unliebsame Eskapaden zu vermeiden, gibt es auf dem Markt nicht gerade wie Sand am Meer. Neben dem Italiener, der mittlerweile Nationaltrainer Brasiliens ist, gibt es von diesem Schlag nur noch Zinedine Zidane, der wohl im Sommer französischer Nationaltrainer wird. Pep Guardiola, der aufgrund seiner tiefen Verbundenheit zum FC Barcelona niemals zu Real Madrid wechseln dürfte. Der Portugiese José Mourinho, dessen ganz große Zeiten vorbei zu sein scheinen. Und Jürgen Klopp.

Zwei Kandidaten denen man den Madrider Trainerstuhl zutrauen würde: Jürgen Klopp und Mikel Arteta
Zwei Kandidaten denen man den Madrider Trainerstuhl zutrauen würde: Jürgen Klopp und Mikel Arteta / PAUL ELLIS/GettyImages

Somit dürfte die Hoffnung der Madrider Bosse dann wohl künftig allein auf dem ehemaligen Liverpool-Coach Klopp liegen, denn außer ihm scheint es im Weltfußball aktuell keinen großen Trainer mehr zu geben, der gegenüber den Real-Stars einen festen Stand haben dürfte. Einzig Mikel Arteta, Cheftrainer des FC Arsenal, würde man als Trainer der Neuzeit vermutlich noch halbwegs zutrauen, mit seinem Stil zum Verein zu passen und sich durchsetzen zu können - doch die großen Errungenschaften fehlen dem Spanier bisher in seiner Laufbahn, was auch ihn zu einem brisanten Experiment machen würde und damit auch angreifbar.

Das Alonso-Aus vermittelt den Eindruck, dass Real Madrid aufgrund des Stellenwerts seiner eigensinnigen Starspieler innerhalb der Vereinsführung untrainierbar scheint. Wenn der ein oder anderen Diva nicht in den Kram passt, was der Trainer vorgibt, dann folgt das, was Xabi Alonso nun erlebt hat. Wochenlang wurde Alonso gefühlt wie die Sau durchs Dorf getrieben, obwohl er weder an seiner Qualität noch an den Ergebnissen scheiterte, sondern an einem vollkommen aus den Fugen geratenen Machtverhältnis in Madrid und einer nicht nachvollziehbaren Werteauslegung der Bosse.

Xabi Alonso
Xabi Alonso / FADEL SENNA/GettyImages

Neben den zahlreichen Fehlverhalten dieser wohl auch für das Alonso-Aus verantwortlichen Diven ist dies ein neuer Tiefpunkt in der jüngeren Vereinsgeschichte. Statt mit "weißem Ballett" und "königlichem Fußball" zu überzeugen und zu begeistern, wirkt Real Madrid wie ein trauriger Schatten seiner selbst.

Der Verein nervt die Welt mittlerweile in weiten Teilen mit seinem peinlichen Umgang mit Schiedsrichtern, seiner ständigen selbst auferlegten Opferrolle, seinem unsportlichen Verhalten, seinen Peinlichkeiten und dem nun vollkommenen Verlust einer Romantik, die diesen großen Verein über Jahrzehnte umgab. Mittlerweile wirft das weiße Ballett eher das Bild eines königlichen Affenstalls von sich und offensichtlich ist man sich aufgrund von großer Selbstverliebtheit der Folgen für die eigene Tradition und dem über mehrere Dekaden aufgebauten Ruf nicht bewusst.

Das Alonso-Aus ist kein notwendiger oder unausweichlicher Schachzug eines kriselnden Vereins - es ist ein Armutszeugnis, das mehr über Real Madrid aussagt, als über Xabi Alonso. Auch wenn es aktuell noch nicht den Anschein hat, ist am Ende wohl doch Xabi Alonso der wahre Gewinner dieses Trauerspiels, der mit erhobenem Haupt gehen kann und sich trotz des großen Gegenwinds treu blieb.


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