Kommentar zum Aus von Xabi Alonso: Eine unvermeidbare Explosion
Von Fabian Küpper

Es schien ein Match made in Heaven zu sein. Xabi Alonso, der einst sehr erfolgreich bei Real Madrid spielte, sollte die Königlichen mit einer frischen Spielidee auf den Thron in Spanien und Europa hieven. Schließlich vertraute Real in den Jahren unter Carlo Ancelotti zunehmend auf die Qualität der Einzelspieler wie Vini Jr oder Jude Bellingham, nie aber auf das Kollektiv.
Das sollte unter Alonso anders werden. Der Spanier hatte gerade bei Bayer Leverkusen die erfolgreichste Episode der Vereinsgeschichte gestaltet und nahezu alle dachten sich: Spieler wie Vini, Kylian Mbappé oder Bellingham unter so einem Trainer? Das kann nur funktionieren.
Konnte es nicht. Am Mittwoch schmiss Real seine Vereinslegende nach der 2:3-Niederlage im Supercopa-Finale gegen den FC Barcelona raus – ein Paukenschlag und das abrupte Ende einer Beziehung, die zunächst perfekt schien, schnell jedoch tiefe Risse bekam.
Zwei Philosophien prallen aufeinander
Man wurde während der gesamten knapp sechs Monate das Gefühl nicht los, dass es nicht passte zwischen Alonso und dem spanischen Nobelklub. Gewissermaßen trafen zwei Welten aufeinander: Auf der einen Seite Alonso, der einen großen Wert auf Disziplin legt und strickt nach Leistungsprinzip aufstellt. Auf der anderen Seite Real Madrid, der größte Verein der Welt, gespickt mit Top-Stars und riesigen Egos sowie dem Selbstverständnis, jedes Spiel gewinnen zu müssen. Eine Mischung mit Explosionsgefahr.
Wie fragil dabei das Verhältnis zwischen Mannschaft und Trainer ist, wurde dabei schnell deutlich. Ab September tauchten nahezu täglich Berichte über interne Streitigkeiten auf, insbesondere Vinicius Jr. stand hier im Fokus.
Die Beziehung zum Brasilianer war dabei über Monate Diskussionsthema. Vini war sauer aufgestoßen, dass er seinen Stammplatz verloren hatte und nicht mehr der uneingeschränkte Superstar war. Es wurde so schlimm, dass in der Zwischenzeit sogar seine Zukunft bei den Königlichen unklar war und er Präsident Florentino Perez ein Ultimatum stellte: Entweder Alonso oder ich.
Der 25-Jährige war dabei nicht der Einzige, der mit Alonso ein Problem hatte. Auch Fede Valverde, Jude Bellingham oder Eduardo Camavinga hatten ihre Differenzen mit dem Trainer, der wiederum mit der Einstellung der Spieler nicht einverstanden war – erneut also viel Explosionsgefahr.
Alonso verzweifelt
Mehreren Berichten zufolge soll Alonso am Ende aufgrund der vielen Egos in der Kabine sogar mehr oder weniger freiwillig gegangen sein. Ihm wurde es einfach zu viel: Die laschen Trainingseinheiten, wenig Disziplin und kaum Interesse an Taktik- oder Gymarbeit.
Zwar muss man bei solchen Berichten immer etwas vorsichtig sein, sie zeichnen dennoch ein fatales Bild der Königlichen. Dass die Spieler so genervt von Alonso gewesen sein sollen, nur, weil er anders als sein Vorgänger Carlo Ancelotti auf mehr Disziplin setzte und deutlich strikter war, ist ein Verhalten wie im Kindergarten, ganz nach dem Motto: "Ich mag das nicht, der soll gehen!"
Es macht wirklich den Eindruck, als wollten sich die Spieler ihre Wohlfühloase namens Real Madrid nicht kaputt machen lassen. Den Fehler dabei aber bei sich zu suchen oder sich selbst einmal zu hinterfragen und das Verhalten zu ändern, kam ihnen dabei nie in den Sinn.
Welche Rolle spielte Perez?
Am Ende haben die Spieler ihren Willen bekommen – obwohl sie von der plötzlichen Entlassung überrascht gewesen sein sollen. Laut der Marca habe in der Mannschaft zuletzt sogar das Gefühl geherrscht, dass die Arbeit Alonsos langsam aber sicher Form annimmt.
Das wiederum rückt Florentino Perez in den Blickpunkt. Klar ist: Der Präsident war insbesondere im Dezember mehrmals kurz davor Alonso zu entlassen, doch der 45-Jährige konnte sich immer wieder retten. Die Niederlage gegen Barcelona in der Supercopa soll dann das Fass, das aufgrund der anderen Vorfälle sowieso schon kurz vor der Explosion stand, zum überlaufen gebracht haben.
Real muss sich selbst hinterfragen
Alonsos Nachfolger wird Alvaro Arbeloa, der bisher die zweite Mannschaft der Königlichen trainierte. Er kennt den Verein also auswendig und dürfte aus Perez' Sicht für weniger Drama sorgen als Alonso. Und auch für die Spieler wird einiges vermutlich wieder so werden wie vor Alonso.
Schließlich ist Arbeloas Standing als relativer Trainer-Novize ein komplett anderes als bei Alonso. Er hat nicht die Autorität wie der ehemalige Leverkusen-Coach, dementsprechend wird vermutlich sehr viel wieder so laufen, wie es Vini, Bellingham & Co. wollen.
Die Entlassung von Alonso hat also noch einmal in aller Deutlichkeit aufgezeigt, wer bei Real wirklich bestimmt: die Spieler. Sind sie unzufrieden, dann gibt es Veränderungen. Vielleicht keiner weiß so gut wie die Real-Profis, das der Trainer stets das schwächste Glied in der Kette ist und dementsprechend einfach ausgetauscht werden kann.
Bei Alonso sah man das in Perfektion. Der 45-Jährige stand also ziemlich früh auf verlorenem Posten und so ist es am Ende dann auch kein Wunder, dass das Fass Alonso und Real Madrid explodiert ist – doch daran sind vor allem die Königlichen Schuld, die sich jetzt auch selbst hinterfragen sollten und die Macht und den Einfluss der Spieler beschränken müssen.
Sie haben zu viele Freiheiten und nehemn sich vermutlich auch ein Stück weit wichtiger als sie sind. Vielleicht kann einen Verein wie Real Madrid wirklich nur jemand wie Carlo Ancelotti trainieren, der weiß, wie man mit so vielen Egos umgehen kann. Dennoch: Durch die Alonso-Entlassung hat sich Real den Weg für einen Neustart, der die Alonso-Verpflichtung ja eigentlich sein sollte, grandios verbaut.
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