Nach dem WM-Aus im Sechzehntelfinale gegen Paraguay liegt Fußball-Deutschland in Scherben. Nach dem dritten verpatzten WM-Turnier in Serie herrscht Rat- und Fassungslosigkeit. Die erfolgreichen Zeiten scheinen lange vorbei zu sein. "Aktuell habe ich keine große Hoffnung, wir sind Mittelmaß, das ist die nackte Wahrheit", wollte sich Bastian Schweinsteiger keine großen Illusionen auf eine schnelle Wende machen.
Doch ist die Lage wirklich so verheerend, wie die meisten Experten derzeit prophezeien? Kein Zweifel, die WM 2026 war eine Enttäuschung, doch ist dies eine solch große Überraschung? Die Probleme waren eigentlich vorher schon absehbar. Die beiden Golden Boys, Jamal Musiala und Florian Wirtz, waren aus unterschiedlichen Gründen nicht in Form. Selbiges galt für Nick Woltemade. Zudem wusste man, dass mit Aleksandar Pavlovic und Felix Nmecha ein unerfahrenes und vor allem unerprobtes Mittelfeld-Duo auf dem Platz steht.
Hinzu käme noch die Problematik, dass nach den Verletzungen von Lennart Karl und Serge Gnabry sowie einigen fragwürdigen Nichtnominierungen auf dem Flügel ein Engpass besteht. Dass Manuel Neuer mit seinen 40 Jahren nicht mehr in seiner Prime ist, war ebenfalls hinlänglich bekannt.
WM 2026 kam zum falschen Zeitpunkt: Voraussetzungen für die Wende gegeben
Es ist also eigentlich sonnenklar: Die WM 2026 kam für Deutschland zum völlig falschen Zeitpunkt. Gegen Paraguay hätte es trotzdem reichen müssen, ein Sieg gegen Frankreich wäre hingegen eine der größten Sensationen der neueren Fußball-Geschichte gewesen.
Und doch gibt es keinen Grund, warum man nicht positiv in die Zukunft blicken kann. Das Kapitel Nagelsmann, der sowohl auf taktischer als auch auf menschlicher Ebene zu große Fehler gemacht hat, ist beendet. Als Nachfolger steht Jürgen Klopp bereit. Wenn einer das DFB-Team wieder nach vorne bringen kann, dann ist es der Ex-Dortmund- und Liverpool-Coach. Klopp kann Euphorie entfachen, hat in Sachen Menschenführung und Taktik alles drauf und versteht es auch, weniger herausragende Spieler so einzusetzen, dass sie in einem Team funktionieren. Die Zeit ist reif für einen Umbruch und Deutschland hat alle Bausteine in der Hand.
Blickt man auf das Spielerpersonal, deutet alles darauf hin, dass Deutschland bei den kommenden Großereignissen wieder deutlich besser abschneiden kann. Es gibt zahlreiche junge Spieler hierzulande, die über ein großes Potenzial verfügen, bei der WM aber gar nicht erst dabei waren oder noch keine große Rolle übernehmen konnten.
Deutschland hat starke Talente im Tor und in der Abwehr
Dies beginnt schon auf der Torhüter-Position. Jonas Urbig war nur als Nummer vier mit dabei, besitzt aber das Potenzial, zu den Großen der Torhüter-Zunft aufzusteigen. Doch selbst wenn Urbig das nicht gelingt, bleiben mit Noah Atubolu und Dennis Seimen zwei weitere starke Talente.
In der Innenverteidigung sind die Sorgen ohnehin nicht groß, zumal man mit Jonathan Tah und Nico Schlotterbeck ein etabliertes Duo hat. Neben Malick Thiaw, der bei der WM schon dabei war, dürfte auch Yann Aurel Bisseck zukünftig eine größere Rolle spielen. Dieser ist bei Inter Mailand Stammspieler, hätte leistungstechnisch auch schon zur WM 2026 mitfahren müssen und kann sogar rechts hinten verteidigen. Mit Finn Jeltsch und Karim Coulibaly lauern in der U21-Nationalmannschaft zwei 19-Jährige, die in der Bundesliga schon etabliert sind.
Wichtig ist zudem, dass mit Nathaniel Brown zumindest ein Außenverteidiger zur Verfügung steht, der in den nächsten zehn Jahren eine absolute Top-Besetzung sein kann.
Enorm viel Entwicklungspotenzial im zentralen Mittelfeld
Im zentralen Mittelfeld klingt das Duo Nmecha & Pavlovic fürs Erste gut, jedoch haben die beiden im Vorfeld der WM kaum zusammengespielt und auch überhaupt keine Turniererfahrung mitgebracht. Beide sind aber feste Größen bei Bayern und Dortmund und sollten dieses Niveau auch bald in der Nationalelf liefern können. Fürs Erste sollten beide auch noch die Unterstützung von Joshua Kimmich bekommen, der fortan nur noch im Mittelfeld eingesetzt werden könnte. Doch auch für die Zeit nach Kimmich ist man bestens gerüstet. Tom Bischof ist jetzt schon ein klasse Spieler und dürfte eine tragende Säule für die Zukunft werden.
Mit Noël Aséko steht außerdem ein starker Balleroberer mit reichlich Dynamik in den Startlöchern. Auch diese Komponente dürfte für die Zukunft wichtig werden. Gespannt darf man auch auf die Entwicklung von Assan Ouédraogo sein. Der Leipziger hat unfassbare Anlagen und muss eigentlich nur verletzungsfrei bleiben. Ist das der Fall, könnte er mit seiner Physis, Technik und Dynamik ein großartiger Achter oder Zehner werden. Nicht außer Acht zu lassen ist zudem der erst 16 Jahre alte Kennet Eichhorn, der künftig in Leverkusen spielen und als ganz großes Talent gehandelt wird.
Musiala und Wirtz weiterhin Hoffnungsträger: El Mala und Karl kommen dazu
Im Offensivbereich liegen die Hoffnungen weiterhin auf Jamal Musiala und Florian Wirtz. Beide sind erst 23 Jahre alt und haben noch vieles vor sich. Es müsste schon mit dem Teufel zugehen, wenn beide auch bei den nächsten Turnieren in einer solch mäßigen Verfassung sind. Bei Musiala spielt hierbei die körperliche Komponente mit rein.
Ziemlich sicher darf man sich außerdem sein, dass die Probleme auf dem Flügel bald behoben sind. Lennart Karl und Said El Mala sind zwei Ausnahmetalente, die Deutschland auch bei dieser WM schon sehr gut getan hätten. Hinzu kommen Akteure wie Kevin Schade, Jamie Leweling und Karim Adeyemi, die noch jung genug sind, um einen Leistungssprung zu machen.
Selbst auf der oft mit Sorgen behafteten Mittelstürmer-Position sieht es nicht schlecht aus. Kai Havertz hat keine optimale WM gespielt, bei Arsenal nach seinen vielen Verletzungen aber schon wieder recht gut funktioniert. Auf den Gunner kann man auf jeden Fall noch bei den nächsten Turnieren bauen. Selbiges gilt für Nick Woltemade, der leider eine Torkrise zum falschen Zeitpunkt hatte, grundsätzlich aber tolle Veranlagungen besitzt. Mit Nicolo Tresoldi befindet sich zudem noch ein echter Torjäger und Stoßstürmer in der Warteschleife.
Deutschland vielversprechend besetzt: Bischof, El Mala, Karl und Co. sind große Verstärkungen
Abgesehen von der Rechtsverteidiger-Position hat Deutschland auf jeder Position ausreichend Potenzial. Insbesondere mit Urbig, Bischof, Ouédraogo, El Mala und Karl verfügt der DFB über fünf Spieler, die das Vermögen zur Top-Klasse besitzen, aber noch keine WM-Minute gespielt haben. Zahlreiche weitere Talente könnten auf den Sprung aufsteigen. Man darf sich auch sicher sein, dass Spieler wie Brown, Pavlovic und Nmecha, die ihre erste WM hinter sich haben, noch stärker werden. Gemeinsam mit Wirtz, Musiala, Schlotterbeck, Havertz und Woltemade dürften sie das Gesicht der Deutschen Nationalmannschaft von morgen darstellen.
Mit Jonathan Tah und Joshua Kimmich gibt es eigentlich nur zwei Ü30-Spieler, die noch zur Mannschaft gehören sollten. Andere Ü30-Spieler wie Rüdiger, Sané, Goretzka oder Groß hätte es schon jetzt nicht mehr gebraucht.
Das Deutschland der Zukunft dürfte deutlich besser als das Deutschland der Gegenwart werden. Erfolge im Junioren-Bereich, wie der Vize-EM-Titel der U21 2025 deuten das an. Es benötigt nur einen Trainerwechsel und einen klaren Umbruch – und schon werden auch die Erfolge zurückkehren.
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