Wettbewerb der Wahrheit: Warum der DFB-Pokal so wichtig für den FC Bayern ist
Von Oliver Helbig

Mit 20 Titelgewinnen im DFB-Pokal ist der FC Bayern München auch im bedeutendsten deutschen Pokalwettbewerb unangefochtener Rekordsieger, doch der letzte Triumph liegt schon einige Jahre zurück. In der Spielzeit 2019/20 konnten sich die Münchner zuletzt den begehrten Pott nach Hause holen.
Noch schlimmer: Seit diesem erfolgreichen Endspiel am 4. Juli 2020 gegen Bayer 04 Leverkusen hat es der deutsche Klassenprimus nicht mehr über das Viertelfinale hinausgeschafft und ist seitdem sogar schon dreimal sang- und klanglos bereits in der zweiten Runde gescheitert.
Die Pokalsehnsucht ist groß
Die Sehnsucht, endlich wieder zum Endspiel nach Berlin reisen zu dürfen, ist deshalb unfassbar groß. Vermutlich hat dieser Wettbewerb in dieser Saison deshalb sogar einen noch höheren Stellenwert als der deutsche Meistertitel - auch wenn das an der Säbener Straße vermutlich keiner so zugeben würde.
Betrachtet man die beiden wichtigsten nationalen Trophäen Deutschlands, kann man vermutlich behaupten, dass der Gewinn einer Deutschen Meisterschaft weitaus bedeutender ist als der des DFB-Pokals. So mancher Klub, der bereits den Pokal gewonnen hat, würde ihn vermutlich liebend gerne gegen eine Meisterschale eintauschen. Beim FC Bayern könnte genau dieses Empfinden in dieser Spielzeit jedoch ein ganz anderes sein. Aus besonderem Grund.
Die Meisterschaft im Abo
Blickt man auf die Bundesliga, so ist die Meisterschale mit wenigen Ausnahmen quasi per Abo auf den deutschen Rekordmeister gebucht, der alleine seit der Spielzeit 2005/06 satte 14 Mal deutscher Meister wurde und dies im kommenden Sommer vermutlich zum 15. Mal in diesem Zeitraum schaffen wird. Kommt es so, stünden insgesamt bereits 35 Meistertitel auf dem beeindruckenden Briefkopf der Bayern. Die wenigen Ausreißer, in denen es ein anderer Klub an die Spitze des deutschen Oberhauses schafft, sind überschaubar: So war es jüngst Bayer Leverkusen, der die Meisterserie der Münchner nach elf Titeln in Folge in der Saison 2023/24 unterbrachen und ihren ersten eigenen feiern durften.
In der Regel können sich die Bayern in so einem angeblichen Meisterrennen aber den einen oder anderen Ausrutscher leisten, da sie diese aufgrund der Schwäche oder des Unvermögens ihrer vermeintlichen Verfolger meist im Vorfeld oder im Nachgang wieder ausbügeln können. Ein kleiner Stolperer, wie er in der laufenden Spielzeit etwa gegen den FC Augsburg, Union Berlin oder den Hamburger SV passiert ist, macht am Ende einer Saison mit 34 Spieltagen das Kraut nicht fett.
Wie schon gesagt: Ausnahmen bestätigen die Regel. Um die Bayern vom deutschen Fußballthron der Bundesliga zu verdrängen, muss man schon eine gewaltige Schwächephase der Münchner erwischen und in der Lage sein, diese dann auch auszunutzen. Und genau da kommt jetzt die Wichtigkeit des DFB-Pokals für den FC Bayern ins Spiel.
Der DFB-Pokal verlangt dem FC Bayern ein ehrliches Selbstporträt ab
Die Münchner haben im nationalen Ligawettbewerb immer wieder die Chance, kleine Ausrutscher auszubügeln. Solche Patzer können sie sich im Pokal jedoch nicht leisten. Deshalb ist der DFB-Pokal in dieser Saison so wichtig: Das mit Stars besetzte Team von Trainer Vincent Kompany muss nun beweisen, dass es nicht nur in langfristig laufenden Geschichten wie der Bundesliga das beste deutsche Team ist, sondern auch in entscheidenden Momenten, wie in den K.o.-Spielen des Pokals, (wieder) bestehen kann. Dann, wenn es keinen Spielraum für Fehler gibt. Wenn der Killerinstinkt eines wahren Topteams gefragt ist. Auf den Punkt da zu sein, wenn man unbedingt muss.
Scheitern die Bayern nun im Halbfinale oder Finale – wer auch immer dann der Gegner sein wird – ist es eigentlich egal, wann man ausgeschieden oder gescheitert ist. Dann hätte man auch in der zweiten Runde gegen den 1. FC Köln oder bereits in der ersten Runde gegen den Drittligisten SV Wehen Wiesbaden ausscheiden können – es würde am finalen Resultat, der dann mitschwingenden Enttäuschung und der bitteren Wahrheit nichts verändern.
In dieser Saison entscheidet wohl der DFB-Pokal darüber, ob es am Ende eine erfolgreiche war
Die Bayern müssen den Pokal holen - jetzt! In dieser Saison. Für das eigene Gemüt, für die eigenen Ansprüche, für die öffentliche Wahrnehmung und für das eigene Selbstverständnis. Alles andere als am Abend des 23. Mai 2026 den goldenen Pott in den Nachthimmel der Hauptstadt zu recken, ist nicht nur nicht genug, sondern am Ende eine krachende Niederlage und ändert letztlich dann auch nichts an der bitteren Tatsache, dass sich die Münchner selbst und der Welt den Beweis schuldig geblieben wären, dass sie am Ende einer phänomenalen Saison tatsächlich wieder zu alter Stärke, altem Killerinstinkt und dem gefürchteten Mia San Mia gefunden haben.
Der Titel im DFB-Pokal dieser Spielzeit 2025/26 ist zum einen bedeutender als der Meistertitel der vergangenen Saison, mit dem man der Werkself aus Leverkusen die kurze Herrschaft über Fußballdeutschland wieder entreißen konnte und er ist wichtiger als der Meistertitel in dieser Saison.
Ich würde sogar so weit gehen zu sagen, dass der DFB-Pokal in diesem Jahr der wichtigste Titel für den FC Bayern München seit dem Triumph in der Champions League in der Saison 2019/20 ist. Eben weil man es gerade jetzt von diesem Überteam erwartet und weil die Flughöhe national eine andere ist als in der Königsklasse, wo der Leistungsdruck schon anhand der namhaften Gegner auf höchstem Niveau gegeben ist.
Dieser nationale Pokaldruck lastet auf den Spielern und dem Trainer wie ein mit Salz bedeckter bohrender Finger in einer tiefen, offenen Wunde. Am Ende wird er darüber entscheiden, ob die Saison der Münchner erfolgreich war oder nicht. Selbst wenn die Bayern am Ende die Champions League gewinnen sollten, wäre das Verpassen des DFB-Pokals mehr als nur ein Haar in der Suppe.
Weitere FC Bayern-News lesen:
feed