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Stanisics Albtraum: Wie Khvicha Kvaratskhelia das Flügelspiel neu erfindet

Khvicha Kvaratskhelia war eine der überragenden Figuren des 5:4-Spektakels zwischen PSG und Bayern. Der Georgier spielte Josip Stanisic schwindelig und sorgte für etwas, das es im modernen Fußball immer seltener gibt: geordnetes Chaos.
Kvaratskhelia erzielte gegen Bayern einen Doppelpack
Kvaratskhelia erzielte gegen Bayern einen Doppelpack | ANNE-CHRISTINE POUJOULAT/GettyImages

Wie Josip Stanisic heute Nacht geschlafen hat ist nicht bekannt. Es ist jedoch nicht unwahrscheinlich, dass der Bayern-Verteidiger auch in seinen Träumen noch einmal das durchleben musste, was er zuvor 90 Minuten auf dem Feld erleben musste: Dribblings von PSG-Star Khvicha Kvaratskhelia.

Der Georgier spielte Stanisic in schöner Regelmäßigkeit beim 5:4-Spektakel im Hinspiel des Champions-League-Halbfinals Knoten in die Beine und ließ ihn mehrmals alt aussehen. Wann immer Kvaradona mit Tempo auf den Kroaten zulief, wusste man, dass es gefährlich wird.


Kvaratskhelias Doppelpack im Video


Stanisic ist kein schlechter Außenverteidiger. Im Gegenteil: Gegen Real Madrid lieferte er eine blitzsaubere Leistung ab und ist generell zu einem der Gewinner der Saison zu zählen. Doch im Duell gegen Kvaratskhelia musste man teilweise von einem Klassenunterschied sprechen. Das hat jedoch vor allem mit der Klasse von PSGs Nummer sieben zu tun.

Das geordnete Chaos

Denn Kvaratskhelia kennt in seinem Spiel nur eine Richtung: nach vorne. Wo viele moderne Flügelspieler mittlerweile lieber abdrehen und den sicheren Pass zurückspielen, geht der Georgier ins Dribbling.

Beim Blick auf seine Heatmap im Spiel gegen die Bayern zeigt sich zudem seine zweite große Fähigkeit: sein Tempo. Der 25-Jährige verbrachte die meiste Zeit im Spiel am Außenrand nahe der Mittellinie. Dort lauerte er immer wieder auf die tiefen Bälle hinter die Kette, die dann auch regelmäßig kamen. In diesen Situationen – von denen es einige gab – konnte er sein Tempo in Kombination mit seinem Dribbling dann perfekt ausspielen.

Einzig Michael Olise und Lamine Yamal beherrschen im aktuell Weltfußball wohl genauso perfekte Cuts nach innen in Arjen-Robben-Manier, um dann sofort abzuschließen. Kvaratskhelia macht das alles in vollem Tempo, womit er für den teilweise etwas hüftsteif wirkenden Stanisic zum Albtraum wurde.

Khvicha Kvaratskhelia
Kvaratskhelia trifft zum zwischenzeitlichen 4:2 | Chris Brunskill/Fantasista/GettyImages

Was ihn in diesen Situationen ebenfalls entgegenkommt: Kvaradona hat keinen wirklichen schwachen Fuß, er ist mit rechts wie links praktisch gleich gefährlich. Das ist enorm wertvoll, da der Verteidiger ihm so im Angriff nur eine Option wegnehmen kann, ihn gänzlich ausschalten kann er aber nicht.

Er ist durch all diese Dinge und die Freiheiten, die ihm sein Trainer Luis Enrique gibt, quasi das geordnete Chaos. Es sieht auf den ersten Blick wild aus, was er tut, doch alle seine Bewegungen, jede Entscheidung, die er trifft, hat Hand und Fuß und dient nur einer Prämisse: den Ball im Tor unterzubringen – und das auf dem direktesten und schnellsten Weg.

Eine neue Art von Flügelstürmer

In gewisser Weise erfindet Kvaratskhelia so – seit er damals bei der SSC Neapel die große Fußballbühne betrat – das Flügelspiel neu. Denn ein Ronaldinho oder auch ein Franck Ribéry oder Eden Hazard vertrauten vor allem auf ihre unfassbaren Dribbling-Fähigkeiten – und das auch völlig zurecht.

Nach dieser Zeit ging der Trend immer mehr in Richtung Sicherheit, viele Teams entdeckten das Konterspiel für sich, wo es vor allem schnelle Spieler brauchte, wie zum Beispiel Kylian Mbappé, Leroy Sané oder Raheem Sterling.

Khvicha Kvaratskhelia, Desire Doue
Desiré Dué und Kvaradona ergänzen sich auf dem Feld perfekt | Mattia Ozbot - UEFA/GettyImages

Seit einiger Zeit ist jedoch ein erneuter Wechsel zu beobachten. Flügelstürmer gehen wieder häufiger ins Dribbling, trauen sich wieder mehr zu. Der Zeitpunkt für diesen Wechsel lässt sich dabei in etwa auf den Wechsel von Kvaratskhelia nach Napoli datieren.

Waren Spieler wie Mohamed Salah zuvor noch eher die Ausnahme als die Regel, schossen plötzlich schnelle, torgefährliche und dribbelstarke Flügelspieler wieder aus dem Boden. Zu ihnen gehören natürlich auch Lamine Yamal und Michael Olise, aber auch Akteure wie Antoine Semenyo oder Kvaratskhelias Teamkollege Desiré Doué.

Der kleine aber feine Unterschied zu Olise

Kvaratskhelia vereint diesen Speed, diesen Zug zum Tor und die Dribblingfähigkeiten jedoch so gut wie kaum ein anderer – aktuell noch höchstens Michael Olise. Der Georgier ist damit der Prototyp des modernen Flügelspielers, weil er nicht nur auf das Dribbling oder nur auf sein Tempo setzen muss: Er ist in beidem überragend.

Gerade der Vergleich zu Olise im Spiel selbst ist hier spannend, der Franzose agierte nämlich den Großteil des Spiels über rund 20 Meter tiefer in der gegnerischen Hälfte. Allerdings konnte er der Partie nicht so sehr den Stempel aufdrücken, wie es Kvaratskhelia tat – trotz seinem Tor.

Michael Olise, Khvicha Kvaratskhelia
Mit Olise und Kvaratskhelia trafen die aktuell besten Flügelstürmer Europas aufeinander | DeFodi Images/GettyImages

Vincent Kompany wird sich für das Rückspiel etwas einfallen lassen müssen. Denn mit seinem offensiven und Pressing-lastigem Stil spielte er PSG und Kvaratskhelia perfekt in die Hände. Und auch Josip Stanisic wird hoffen, dass ihm der Georgier in der kommenden Woche keine erneuten Albträume bereiten kann bzw. wird.


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