Schwächephase kostet Tabellenführung: Deshalb tut sich Schalke zurzeit schwer
Von Yannik Möller

Seit dem Jahreswechsel hat der FC Schalke lediglich drei von zwölf möglichen Punkten geholt. Der Start ins neue Jahr ist mit drei Unentschieden und einer Niederlage sehr ernüchternd ausgefallen. Theoretisch kann sogar noch die Niederlage bei Eintracht Braunschweig zum Abschluss der Hinrunde dazugezählt werden, denn die Wahrheit lautet: Inzwischen ist Königsblau seit fünf Spielen sieglos.
Diese anhaltende Schwächephase hat am vergangenen Wochenende auch erstmals wieder die Tabellenführung gekostet. Nun grüßt Darmstadt 98 von der Spitze der 2. Bundesliga, während der S04 nur noch ein einziges Pünktchen an Vorsprung auf den Relegationsplatz hat, zwei Punkte bis zu Rang fünf.
Doch wieso hat ausgerechnet Schalke, die in der Hinrunde so stabil aufgetrenene Mannschaft, jetzt diese Schwächephase? Bereits auf den ersten Blick ergeben sich verschiedene Ansätze.
S04 kassiert zurzeit zu viele Gegentore
Nach dem 2:2-Remis gegen Dynamo Dresden hatte es auch Edin Dzeko angesprochen: Zuletzt hat Schalke vergleichsweise viele Gegentore hinnehmen müssen. In der gesamten Hinrunde und somit auf 17 Spieltage, gab es gerade einmal zehn Gegentreffer - in den vergangenen drei Partien waren es bereits sechs Stück.
Auch hier gilt: Wird die Auswärtsniederlage in Braunschweig noch dazu gezählt, ergibt sich ein noch deutlicheres Bild: Fünf Spiele mit acht Gegentoren, was einem Schnitt von 1,6 Gegentoren pro Spiel ergibt. Zum Vergleich: Die Hinrunde hatte S04 mit einem Schnitt von aufgerundet 0,6 abgeschlossen - und selbst da zählt das Braunschweig-Spiel ja auch dazu.
Die vielen Siege aus der Hinrunde kamen für die Mannschaft von Miron Muslic auch deshalb zustande, weil eben oftmals ein oder zwei eigene Treffer für einen Dreier reichten. In den vergangenen Wochen war das nicht mehr der Fall. Die Anzahl der Gegentore ist einfach zu hoch für ein Team, dem es sichtbar schwerfällt, auch mal drei oder gar mehr eigene Tore zu erzielen. Das ist in der gesamten Saison mit dem 3:0-Sieg über Hannover 96 auch nur ein einziges Mal gelungen.
Zu wenig spielerischer Esprit (und Mut)
Bis auf ein, zwei einzelne Aktionen hatte Schalke gegen Dresden wieder einmal große Mühe, sich klare Torchancen zu erspielen. Stattdessen gab es sogar Phasen, etwa die letzte Viertelstunde bis zur Halbzeitpause, in denen fast ausschließlich in der eigenen Platzhälfte verteidigt werden musste.
Die Spielkontrolle gibt Königsblau nur selten ab, wenngleich zuletzt etwas häufiger. Trotzdem tut sich die Muslic-Truppe zumeist sehr schwer, aus dem eigenen Ballbesitz heraus nennenswerte Offensivaktionen zu erspielen, die über Standardsituationen hinausgehen. Auch diese anhaltende Schwäche hat seit dem Jahreswechsel für Probleme gesorgt. Zu häufig war man auf Einzelaktionen angewiesen, um überhaupt Torerfolge feiern zu können.
Dahingehend gab es mit der Einwechslung von Adil Aouchiche und der Phase zu Beginn der zweiten Halbzeit gegen Dresden immerhin einen Hoffnungsschimmer. Auch Moussa N'Diaye sowie ein zur zweiten Hälfte verbesserter Dejan Ljubicic trugen dazu bei, dass Schalke teilweise gut zu kombinieren wusste - und dabei auch Dzeko einbezog. Die zwischenzeitliche 2:0-Führung war ein zu diesem Zeitpunkt verdienter Zwischenerfolg dieses Fortschritts, der wohl vorrangig am neuen Personal aus dem Transfer-Winter festzumachen war.
In diesem einzelnen Fall passte es aber nicht wirklich zum angepriesenen und tatsächlich auch der Spielphilosophie zugeordneten Leitsatz "mutig, intensiv, aggressiv", dass Muslic noch vor dem ersten Dynamo-Treffer den bereits vierten Innenverteidiger auf das Feld schickte - und später sogar noch den fünften. Hätte es nicht eher zum heraufbeschworenen Mut gepasst, als Tabellenführer, beim Heimspiel gegen den Tabellen-17., den Schwung mitzunehmen und auf das 3:0 zu spielen?
Führungsspieler sind teilweise außer Form
In der sehr erfolgreichen Hinrunde fußte die Schalke-Stärke auch auf beständig aufspielenden Führungsspielern. Doch zuletzt konnten sie kaum mehr überzeugen.
Timo Becker etwa ist seit seiner Rückkehr kaum noch wiederzuerkennen. Ihm scheint die Spritzigkeit zu fehlen, die Klarheit in seinen Aktionen, die Sauberkeit am Ball. Doch anstatt etwa Mertcan Ayhan als Rechtsverteidiger aufspielen und Hasan Kurucay wieder in die Startelf rücken zu lassen, hielt Muslic erneut an Becker fest. Vermutlich in der Hoffnung, dass er wieder in die Spur findet.
Auch Kenan Karaman sorgte zuletzt häufig für Frust. Dass er im Muslic-Spielstil eher selten selbst zu Torchancen kommt, ist nicht mehr neu. Dafür organisiert er mehr, aktiviert das Pressing, sorgt für Balleroberungen. Doch hat auch sein allgemeines Spiel mit dem Ball zuletzt kaum mehr den Flair gehabt, der ihn zuweilen zu einem der wichtigsten Einzelspieler der Liga und für Schalke in der Vorsaison de facto unverzichtbar gemacht hat.
Ron Schallenberg ist ein weiteres Beispiel. Von seiner ruhigen Spielstärke aus der Hinrunde war zuletzt nur noch in Ansätzen etwas zu sehen. Gegen Dresden gewann er beispielsweise gerade einmal zwei seiner sieben Bodenzweikämpfe. Angesichts der jüngsten Winter-Verstärkungen müsste eigentlich auch er um seinen bislang unumstrittenen Stammplatz bangen.
Es wird spannend zu beobachten sein, ob Muslic das viel beschworene Leistungsprinzip auch bei seinen als sehr wichtig anerkannten Führungsspielern anwendet und sie im Sinne einer Trendwende auch mal außen vor lässt. Bei Becker und Schallenberg wäre das in personeller Hinsicht gut umsetzbar, bei Karaman angesichts tendenziell fehlender formstärkerer Alternativen eher schwierig.
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