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Real Madrid

Zinédine Zidane: Vom "Aufsteller" zum Taktik-Genie!

Guido Müller
Besitzt auch als Trainer herausragende Fähigkeiten: Zinédine Zidane
Besitzt auch als Trainer herausragende Fähigkeiten: Zinédine Zidane / Angel Martinez/Getty Images
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In dieser atypischen, von außerhalb des eigentlichen Fußballgeschäfts liegenden Faktoren beeinflussten Saison, hat sich Real Madrids Trainer Zinédine Zidane als weitaus flexibler und taktisch vielseitiger herausgestellt, als man es ihm noch vor einigen Jahren zugetraut hätte. Fast scheint es so, als könne er seinem Status einer absoluten Spielerlegende nun auch einen solchen als Trainer hinzufügen.


Zinédines Zidanes Anfänge als Trainer bei Real Madrid waren alles andere als königlich. In der Saison 2013/14 noch als Co-Trainer (unter Carlo Ancelotti) für den Profi-Kader mitverantwortlich, übernahm er im Folgejahr den in die dritte spanische Liga abgestiegenen Filial-Klub FC Real Madrid Castilla.

Januar 2016: Zidane wird Nachfolger von Rafa Benítez

Eineinhalb Jahre später, im Januar 2016, schrillten beim Klub dann jedoch die Alarmglocken. Rafa Benítez, der Coach der Profi-Mannschaft drang mit seinen verkopften taktischen Ideen nicht mehr zur Mannschaft durch, die jedoch dringend einen neuen Input brauchte.

Und wie bei anderen - weitaus weniger glamourösen - Klubs suchte man auch bei Real erstmal in den eigenen Reihen nach einem geeigneten Feuerlöscher. Man fand ihn in der Person Zinédine Zidanes.

Als Spieler selbst eine Legende und über jeden Zweifel erhaben, versprach man sich vom im Stahlbad der Niederungen des spanischen Fußballs gestärkten Franzosen einen neuen Impuls für die Stars.

Ohne jeglichen Kredit als Trainer im Profigeschäft übernahm Zidane einen Kader, der ihn sich wie ein kleiner Junge im Spielzeugladen fühlen lassen musste. Mit Karim Benzema, Gareth Bale und Cristiano Ronaldo verfügte er über eine der stärksten Sturmreihen Europas.

Und Zidane begann erstmal damit, sich den Gegebenheiten anzupassen. Die BBC-Reihe blieb dabei natürlich unangetastet. Doch schon bald fand er im Mittelfeld ein Arbeitsfeld vor, in dem er seine Ideen einbringen konnte.

Zidanes Plan mit Casemiro

So konnte er den Brasilianer Casemiro davon überzeugen, die Wechselabsichten, die dieser ob fehlender Einsatzzeiten in den ersten Zidane-Wochen ernsthaft mit sich herumtrug, beiseite zu stellen.

Zidane versprach ihm: "Wenn du erstmal spielst, wirst du niemals wieder aus der Mannschaft fallen." Casemiro mochte dies erst gar nicht glauben. Doch dann kam der März, und es hieß: Gesagt - getan.

Casemiro, Zinedine Zidane
Zidane machte Casemiro stark / Soccrates Images/Getty Images

Casemiro entwickelte sich fortan zu einem Schlüsselspieler im System des Franzosen - und der Verein erreichte mit drei Champions-League-Erfolgen in Serie (2016, 2017 und 2018) Höhen wie seit den legendären Fünfzigerjahren nicht mehr, als der Klub fünfmal in Serie den Henkelpott nach Madrid holen konnte.

Zidanes präferiertes System war ein 4-3-3, das er nur gelegentlich in ein 4-4-2 umwandelte, wenn er statt des immer wieder formschwankenden Bale auf den vor allem in den Saisons 2016/17 und 2017/18 sich in guter Form präsentierenden Isco setzte.

Die zweite Amtszeit von Zidane, die im März 2019 nach den glücklosen Experimenten mit Julen Lopetegui und Santiago Solari begann, startete unter stark veränderten Vorzeichen. Die BBC war gesprengt. CR7schoss seine Tore mittlerweile für Juventus, und Bale hatte sich durch zahlreiche Eskapaden immer mehr ins Abseits begeben.

Doch Zidane nahm die Herausforderung an - und verkündete schon wenige Wochen nach seiner zweiten Amtsübernahme als Trainer: "In den ersten Jahren, die ich hier Trainer war, gab es nicht so viele Wechsel, aber das wird sich fortan ändern. Die Liga ist im kommenden Jahr für uns das große Ziel."

Tatsächlich kam er in der heimischen Liga nicht mehr an den enteilten Erzrivalen aus Barcelona heran, der die Liga am Ende mit elf Punkten Vorsprung auf Atlético (und deren 19 (!) auf Real) gewann. Auch in der Champions League konnte Zidane die durch die ständigen Führungswechsel verunsicherte Mannschaft nicht mehr rechtzeitig auf Kurs bringen.

Zidanes Vertrauen in Valverde

Doch zu diesem Zeitpunkt hatte Zidane sowie schon die folgende Saison (2019/20) im Fokus. Und einen Spieler, der bis dahin nur eine Mitläuferrolle innehatte: Federico Valverde.

Federico Valverde
Auch der Uruguayer Valverde gewann unter Zidane stetig an Bedeutung für das Team / Quality Sport Images/Getty Images

Der Uruguayer entpuppte sich ab der Saison 2019/20 als idealer "Springer" - wo immer sich im Mittelfeld der Blancos (meist zusammengesetzt aus Toni Kroos, Luca Modric und Casemiro) Schwachstellen (aufgrund von Überlastungen, Sperren, Formtiefs) auftaten - in Valverde fand Zidane einen fähigen Reparateur. Gegenüber der Vorsaison konnte der Südamerikaner seine Einsatzzeiten mehr als verdoppeln.

Im spanischen Supercup-Finale im Januar vergangenen Jahres wagte Zidane dann das Experiment, Isco und Valverde gemeinsam aufzustellen. Mit gelungenem Ausgang: Valencia blieb beim damaligen 3:1 für Real über 90 Minuten hinweg chancenlos - und das einstige Sorgenkind Isco konnte sich sogar in die Torschützenliste eintragen.

Dann kam Corona. Und erstmal eine Saisonunterbrechung, in die die Königlichen als Tabellenzweiter (hinter dem FC Barcelona) gingen. In der sogenannten "Blase" demonstrierte Zidane dann auch seine psychologischen Stärken. Er schaffte es, die Gruppe auf das von ihm vorgegebene Ziel (Meisterschaft) einzuschwören.

Von den elf Spielen nach der Corona-Zwangspause gewann Real die ersten zehn - und stand bereits vor dem letzten Spieltag als Meister fest. Balsam für die Klubseele, die drei Jahre lang auf den höchsten nationalen Titel gewartet hatte.

Und eine kleine Entschädigung für die abermalige Enttäuschung in der Königsklasse, aus der man sich - wie schon im Vorjahr - im Achtelfinale verabschiedet hatte.

Zidanes Idee mit Vázquez und die Re-Aktivierung von Vinicius

Auch in der laufenden Saison hat Zidane bewiesen, nicht nur Dienst nach Vorschrift zu machen. Die Lösung Lucas Vázquez für die als Schwachstelle ausgemachte rechte Defensivseite wurde von vielen Beobachtern als genial bezeichnet - schließlich ist Vázquez als Stürmer groß geworden.

Bisweilen ließ Zidane sogar den brasilianische Stürmer Vinicius Defensivarbeit auf der linken Seite leisten, um sein gesetztes Mittelfeld-Trio etwas zu entlasten. Denn das Dreieck Modric-Kroos-Casemiro will er weiterhin nur ungern sprengen.

Ein sich somit immer wichtiger für die Mannschaft sehender Vinicius zahlt nun doppelt und dreifach zurück. Vergessen die unschöne Episode aus dem vergangenen Herbst, als Karim Benzema seinem Landsmann Ferland Mendy empfahl, nicht mehr mit Vinicius zu spielen, da dieser - in Augen des Torjägers - gegen die Mannschaft spiele.

Vor allem in der Königsklasse, wo ihm in den letzten beiden Spielen (im Achtelfinal-Rückspiel gegen Atalanta und im Viertelfinal-Hinspiel gegen die Reds) drei Scorerpunkte gelangen, blühte Vinicius zuletzt förmlich auf.

Vinicius Junior
Zahlt das in ihn gesetzte Vertrauen Zidanes nun immer häufiger zurück: Vinicius Jr / Gonzalo Arroyo Moreno/Getty Images

Die Klopp-Elf erledigte der 20-Jährige am vergangenen Dienstag mit zwei blitzsauberen Toren quasi im Alleingang.

In der Gesamtschau stehen wir also vor einer klaren Entwicklung Zinédine Zidanes als Trainer. Zu Beginn seiner Profi-Trainerlaufbahn noch misstrauisch beäugt, bisweilen sogar als bloßer "Aufsteller" definiert, hat sich der 48-Jährige mittlerweile auch als Stratege und Taktik-Fuchs profilieren können.

Nicht zuletzt dank seiner Person hegen Klubverantwortlich und Fans weiterhin die Hoffnung, dass diese Saison noch zu einer richtig erfolgreichen werden kann.

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