Wieso es vermessen ist, Pep Guardiola als gescheitert zu betiteln

Florian Bajus
Bester Trainer der Welt oder Quacksalber? Pep Guardiola ist ein kontroverser Trainer
Bester Trainer der Welt oder Quacksalber? Pep Guardiola ist ein kontroverser Trainer / Eurasia Sport Images/Getty Images
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Für Manchester City und Pep Guardiola ist im Viertelfinale der Champions League Schluss. Mal wieder. Zum dritten Mal in Folge. War Guardiolas Startaufstellung unglücklich gewählt? Durchaus. Ist er in Manchester gescheitert? Mitnichten. Das ist er auch nicht beim FC Bayern und erst recht nicht beim FC Barcelona.

Ist die Rede von Pep Guardiola, gehen die Meinungen auseinander. Die einen bezeichnen ihn als besten Trainer der Welt, andere behaupten, er habe bislang nur große Vereine trainiert und noch keine wirkliche Herausforderung gehabt. Dabei war der FC Barcelona im Sommer 2008 ein Wrack, genau wie im Jahr 2020. Altgediente Stars wie Ronaldinho, Gianluca Zambrotta und Deco wurden vom jungen und unerfahrenen Guardiola nach der titellosen Saison 2007/08 aussortiert, sie mussten Platz machen für künftige tragende Säulen wie Dani Alves, Gerard Pique oder Sergio Busquets. Und siehe da: Die Saison 2008/09 beendete Barça mit dem Triple, das Kalenderjahr 2009 gar mit der Klub-WM und insgesamt sechs gewonnenen Pokalen.

Beim FC Bayern übernahm er den Triple-Sieger, der unweigerlich auf seinem Zenit war. Guardiola schaffte es, die Bayern auf ein neues Niveau zu heben, ihnen den dominantesten Fußball in der Geschichte des deutschen Fußballs beizubringen. Auch dank seiner Leistung zogen die Münchner in den Jahren 2010 bis 2016 sechs Mal ins Halbfinale der Champions League ein, der ganz große Wurf sollte ihm allerdings nie gelingen.

Auch bei seinem allerletzten Versuch in München scheiterte Pep Guardiola an der Hürde Halbfinale. 2016 stoppte Atlético Madrid die Bayern.
Auch bei seinem allerletzten Versuch in München scheiterte Pep Guardiola an der Hürde Halbfinale. 2016 stoppte Atlético Madrid die Bayern. / JOHN MACDOUGALL/Getty Images

Wie in München wird Guardiola auch bei Manchester City, einem zuvor chaotisch geführten Verein, der fest in den Händen von Scheich Mansour steckt, an der Königsklasse gemessen. Kein Wunder, in den nationalen Wettbewerben ist der Katalane seit zwölf Jahren das Maß aller Dinge. Acht Meisterschaften und fünf Pokalsiege, fünf Superpokalsiege und drei Ligapokalsiege stehen in seiner Vita. International gewann Guardiola dreimal die Klub-WM, dreimal den UEFA-Supercup sowie zweimal die Champions League, der letzte Titel in der Königsklasse stammt allerdings aus dem Jahr 2011.

Mit Barça und Bayern erreichte er sieben Mal mindestens das Halbfinale, mit City scheiterte er einmal im Achtelfinale und dreimal im Viertelfinale. Nach dem überraschenden Aus gegen Olympique Lyon (1:3) gilt er wieder einmal als gescheitert. Doch es ist vermessen, ihn so zu betiteln.

Fragwürdige Grundformation, kuriose Gegentore

Die Wahl seiner Startaufstellung darf und muss natürlich hinterfragt werden. Vielleicht lebte in Guardiola die Hoffnung, eine Dreier- respektive Fünferkette brechen zu können, indem die Formation des Gegners gespiegelt wird. Denn in der abgelaufenen Saison verlor er beide Premier-League-Spiele gegen die Wolverhampton Wanderers, die bekanntlich in einem 3-5-2 spielen, sowie alle drei Duelle gegen Stadt-Rivale Manchester United, der zweimal auf ein 3-4-1-2 vertraut hat. Das 3-1-4-2 ging gegen Lyon jedoch nicht auf, erst nach der Umstellung auf eine Viererkette im zweiten Durchgang wurde City schlagkräftiger und dominanter.

Seine Aufstellung hinterließ Fragezeichen - und doch war Guardiola nicht an allem schuld
Seine Aufstellung hinterließ Fragezeichen - und doch war Guardiola nicht an allem schuld / Alex Livesey - Danehouse/Getty Images

Gleichzeitig ist aber auch die Wahl des Personals zu bemängeln: Wieso spielte Joao Cancelo als linker Außenverteidiger und nicht Benjamin Mendy? Warum durfte Kyle Walker anstelle von Cancelo den Rechtsverteidiger geben? Die Außenverteidiger waren im ersten Durchgang das größte Manko, keiner von ihnen entfachte Durchschlagskraft. Wenn, dann wurde City über Raheem Sterling gefährlich.

Bei den Gegentoren trifft Guardiola wiederum keine Schuld. Das 0:1 war regulär, weil Walker die Abseitsstellung von Karl Toko Ekambi aufgehoben hatte, das 1:2 resultierte aus einem verheerenden Fehlpass von Aymeric Laporte und beim 1:3 leistete sich Torhüter Ederson einen Patzer, nachdem Sterling unmittelbar zuvor den Ball aus fünf Metern Distanz über das leere Tor von Lyon-Keeper Anthony Lopes beförderte.

Guardiola ist nicht gescheitert

Guardiola und die Champions League - es soll einfach nicht sein. Aber entscheidet allein dieser Wettbewerb, wie gut oder schlecht ein Trainer oder eine Mannschaft wirklich ist? Von 641 Pflichtspielen an der Seitenlinie hat Guardiola 476 gewonnen, nur 77 Mal ist er als Verlierer vom Platz gegangen. Bei keinem seiner Vereine hat er durchschnittlich weniger als 2,3 Punkte pro Spiel gesammelt, das addierte Torverhältnis all seiner trainierten Mannschaften steht bei 1655:519. Das allein sind mehr als exzellente Werte. Diese kommen nicht zustande, wenn die Mannschaft schwachen Fußball spielt. Und sieht man eine Guardiola-Mannschaft auf dem Platz, zieht sie einen mit ihrem Kurzpass- und Kombinationsspiel regelrecht in ihren Bann.

Pep Guardiola hat den modernen Fußball revolutioniert. Das mag eine Weile her sein, aber er zählt immer noch zu den größten und bedeutendsten Trainern seiner Generation, er ist eine absolute Ausnahmeerscheinung. Selbst, wenn er in den nächsten fünf Jahren nicht die Champions League gewinnen würde, wäre er noch immer nicht gescheitert. Oder ist die historische Meisterschaft mit 100 Punkten und 106 erzielten Toren aus dem Jahr 2018 ebenso wertlos wie die darauffolgende Meisterschaft mit 98 Punkten? Ihn dermaßen abzukanzeln, wird ihm nicht gerecht.

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