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Wer ist aktuell der beste deutsche Fußballer?

Jun 19, 2020, 12:28 PM GMT+2
Joshua Kimmich
Joshua Kimmich (Foto) ist in den Augen von Lothar Matthäus der beste deutsche Fußballer. Hat der Sky-Experte mit seiner Einschätzung recht? / Alexander Hassenstein/Getty Images
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In den vergangenen Jahren ist eine neue Generation im deutschen Profifußball herangewachsen. Viele talentierte Spieler haben den Sprung in die Bundesliga oder eine der übrigen internationalen Top-Ligen geschafft und bringen sich, sofern sie noch nicht für einen Top-Klub spielen, für einen teuren Transfer in Stellung. Laut Lothar Matthäus ist Joshua Kimmich vom FC Bayern aktuell der beste deutsche Fußballer - doch wer steht noch zur Debatte?

Lothar Matthäus muss es wissen. Der frühere Mittelfeldspieler und Libero wurde als erster und einziger deutscher Spieler zum Weltfußballer des Jahres gekürt, feierte den Gewinn Welt- und Europameisterschaft, sieben deutsche Meisterschaften und zwei Mal den Triumph im UEFA Cup. Heute stellt der 59-Jährige seine Expertise bei Pay-TV-Sender Sky unter Beweis und äußert sich während der Top-Spiele am Samstagabend, in seiner Kolumne oder auch in seinem Podcast zum Status Quo der Bundesliga und des deutschen Fußballs.

Auf die Frage, wer aktuell der beste deutsche Fußballer ist, antwortete Matthäus im Sky-Sport-Podcast 'Herz der Mannschaft': "Kai Havertz hat in der Rückrunde ganz sicher sensationell gespielt, Joshua Kimmich auch. Ich würde sagen, wenn man das Gesamtpaket sieht, würde ich Joshua Kimmich sogar noch ein bisschen über ihn stellen."

Der defensive Mittelfeldspieler sei "schon seit Jahren ein Stammspieler bei Bayern, ein Führungsspieler bei Bayern, ein wichtiger Spieler auch bei der Nationalmannschaft. Deswegen würde ich sagen, er ist der beste deutsche Spieler zum jetzigen Zeitpunkt."

Anführer Kimmich

Von den genannten Gesichtspunkten her ist Kimmich immer eine solide Wahl. In dieser Saison hat er sogar noch einen Sprung nach vorne gemacht. Im defensiven Mittelfeld ist er enger im Spiel des FC Bayern eingebunden, kann noch mehr dirigieren und vor allem kommunizieren als auf der rechten Abwehrseite.

Joshua Kimmich, Benjamin Pavard, Kingsley Coman
Joshua Kimmich (Mitte) ist der 'Aggressive Leader' des FC Bayern / Catherine Ivill/Getty Images

Vor der Abwehr geht er resolut in Zweikämpfe, gleichzeitig marschiert er häufig ins letzte Drittel und überspielt die Linien des Gegners mit flachen und hohen Pässen. An der Seite von Leon Goretzka, vielmehr aber neben Thiago weiß Kimmich zu überzeugen und brillieren. Deshalb ist er auch in der Kabine ein immer größerer Faktor. Mehrfach wurde er bereits als zukünftiger Mannschaftskapitän gehandelt; es wäre die logische Schlussfolgerung einer starken Entwicklung.

Wunderkind Havertz

Dass auch Havertz zur Debatte steht, verwundert überhaupt nicht. In der vergangenen Saison erzielte der gebürtige Aachener 20 Tore und lieferte 7 Vorlagen, aktuell steht er trotz einer durchwachsenen Hinrunde bei 16 Toren und 9 Vorlagen. Seit der Rückrunde blüht Havertz auf - völlig unabhängig davon, ob er im offensiven Mittelfeld, auf der rechten Außenbahn oder im Sturmzentrum als falsche Neun agiert. Im Fußballjahr 2020 blieb er erst in fünf Einsätzen ohne Torbeteiligung, der Kampf um die begehrten Champions-League-Plätze wird entscheidend von ihm beeinflusst.

Bayer Leverkusen will Havertz um jeden Preis halten, trotz der Corona-Krise fordern die Verantwortlichen eine dreistellige Millionensumme. Es gibt keinen internationalen Top-Verein, der sich nicht um seine Dienste bemüht. Schon mit 21 Jahren zählt er zu den besten deutschen Fußballern, dabei liegt seine Blütezeit erst vor ihm.

Havertz hat erst in der abgelaufenen Saison dieses Niveau erreicht, dementsprechend ist er gefordert, über mehrere Jahre konstant zu liefern, wenn er in dieser Kategorie allein an der Spitze stehen will. Daran gibt es aber keine Zweifel mehr.

Timo Werner: Auf Vereinsebene der beste deutsche Stürmer seit Klose

Zweifelsohne gehört auch Timo Werner zu den besten Fußballern, die Deutschland derzeit zu bieten hat. Mit ihm wird die Bundesliga aber auch einen Torjäger verlieren: Wie am Donnerstag offiziell wurde, wechselt der 24-Jährige von RB Leipzig zum FC Chelsea.

Aus der Tiefe heraus überragt Werner mit Tempo und einer ungeheuren Kaltschnäuzigkeit vor dem gegnerischen Tor. In 157 Pflichtspielen für RB hat er 93 Tore erzielt, zudem 40 Treffer aufgelegt. Mit 26 Toren hat er unter Julian Nagelsmann eine neue persönliche Bestmarke in der Bundesliga aufgestellt, in den beiden übrigen Spielen kann diese theoretisch noch auf 30 Tore ausgebaut werden. Ob er auch in England so erfolgreich knipsen wird, wird sich in der neuen Saison zeigen; doch mit Leistungen wie in Leipzig zählt Werner ohne Wenn und Aber zu den vielversprechendsten Stürmern Europas.

Konstante Kroos

Matthäus lobt Kimmich für seine Konstanz, doch in diesem Punkt ist Toni Kroos seinem Nationalmannschaftskollegen ein paar Schritte voraus. Der 30-Jährige ist seit vielen Jahren der Mittelfeld-Dirigent von Real Madrid, auch in dieser Saison ist er nicht aus der Startelf wegzudenken. Kroos ist Weltmeister, vierfacher Champions-League-Sieger, und hat in seiner Laufbahn bereits 521 Pflichtspiele auf Klub- und 96 Spiele auf Nationalmannschaftsebene absolviert.

Im Gesamtbild dürfte er eher zu den besten deutschen Fußballer aller Zeiten gehören, doch auch wenn es darum geht, den aktuell besten Spieler zu finden, wird er immer ganz oben auf der Liste stehen.

Goretzka, Gnabry, Brandt: Auf gutem Wege, aber noch nicht angekommen

In Reichweite, aber noch nicht oben dran, sind Leon Goretzka, Serge Gnabry und Julian Brandt; dafür sind ihre Leistungen nicht konstant genug. So blüht Goretzka beim FC Bayern erst seit dem Re-Start auf, Gnabry ist dagegen in einem Formtief und lässt seine Spielstärke und Torgefahr auf dem Flügel vermissen.

Genau wie Goretzka kehrte auch Brandt mit voller Elan aus der Corona-Zwangspause zurück, allerdings flachten seine Leistungen in den vergangenen Partien wieder ab. In seinem ersten Jahr bei Borussia Dortmund hat er keinen festen Platz gefunden, wenngleich aufgefallen ist, dass er sich auf der Doppelsechs oder den offensiven Halbpositionen deutlich wohler fühlt als in der Spitze, in der er Erling Haaland zuletzt vertreten musste. Insgesamt ist das Trio ein wichtiger Eckpfeiler auf Vereins- und Nationalmannschaftsebene. Bis zur Spitze reicht es allerdings noch nicht.

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