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Vom Tod eines guten, alten Freundes!

Guido Müller
Leidensgenossen in Liverpool
Leidensgenossen in Liverpool / Clive Brunskill/Getty Images
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Gestern war ein trauriger Tag. Ein sehr trauriger sogar. Vielleicht einer der traurigsten der letzten Jahrzehnte. Denn gestern wurde ein guter alter Freund von mir (einer der ältesten, die ich hatte) zu Grabe getragen. Ein Freund, der immer da war - selbst wenn man ihn mal nicht gebraucht hat. Sein terminales Leiden habe ich in den letzten Monaten und Jahren seines Lebens direkt vom Krankenhausbett mitverfolgt, unfähig Trost zu spenden. Nun ist er fort - und die Lücke, die er hinterlässt, wird wohl nie wieder zu füllen sein.


Dieser Freund ist der Fußball, so wie ich ihn seit den Anfängen meiner Begeisterung für ihn, irgendwann zu Beginn der Achtzigerjahre, kennengelernt habe.

Dieser Fußball, mein Fußball, unser Fußball, der Fußball meiner Väter, war mehrschichtig, aber alle ihn konstituierenden Schichten bedingten einander.

Es gab die nationalen Wettbewerbe bestehend aus Meisterschaft und Pokalturnier, über welche man sich wiederum, bei entsprechendem sportlichen Erfolg, für die höheren Aufgaben, auf internationaler Ebene, qualifizieren konnte.

Und in dem Wissen darum ging man in eine jede neue Spielzeit: wer am Ende oben in der Tabelle landete (oder das k.o.-Turnier gewann) würde mit der Teilnahme am Europapokal, in seiner dreifachen Ausprägung (Landesmeister- und Pokalsieger-Cup, UEFA-Pokal) belohnt werden.

The UEFA Europa League trophy (L) and th
Die beiden verbliebenen Europapokale. Der Pokalsieger-Cup wurde 1999 zum letzten Mal ausgespielt (Sieger: Lazio Rom) / FABRICE COFFRINI/Getty Images

So stand es schon in den Büchern, die mir den Weg in die Faszination dieses Sports geebnet hatten, noch lange bevor ich zum ersten Mal an der Hand meines Vaters in die riesige Betonschüssel des Volksparkstadions eintrat.

Der Fußball vorm Scheideweg

Wenn die Pläne der sezessionistischen Zwölf nun tatsächlich in Fakten münden, war es das für mich. Denn den Fußball, so wie ich ihn kannte und liebte, gibt es dann nicht mehr.

Statt fairer sportlicher Qualifikation wird es Einladungen oder neu deutsch Wild Cards geben. Statt des objektiven Leistungsprinzips herrscht dann subjektive und willkürliche Bewertung. An die Stelle der Tradition tritt die Macht des Geldes.

Ob Bayern München oder Borussia Dortmund (ja, ich fürchte, dass diese Beiden auch noch von den Sirenengesängen der Pérez, Agnelli oder Glazer verhext werden!) in der heimischen Liga nun abschmieren und nicht mal unter den ersten Sechs landen: unerheblich! Denn die Einladung zur elitären geschlossenen Gesellschaft hat permanenten Charakter.

Welch ein Albtraum: Mannschaften, die in ihren heimischen Ligen mit Zweitvertretungen oder besseren Jugendmannschaften auftreten, weil ja nur wenige Tage später das alljährliche (und viel wichtigere, weil lukrativere) Spiel gegen PSG oder Real Madrid ansteht.

Welchen Wert haben da noch Siege gegen die Bayern, welchen Sinn der Schlachtruf, ebendiesen die Hosen auszuziehen - wenn sie doch schon gar keine mehr anhaben, weil sie ihre Paradeuniform für die europäischen Nächte schonen?

Welchen Sinn macht ein Aufstieg des HSV für mich, wenn er dann ab nächstem Jahr in einer Liga landet, deren Wert ausgerechnet von denen in Frage gestellt wird, die aus ihr eine der stärksten der Welt gemacht haben?

Die Fans als letzte Hoffnung

Weil ich ein optimistischer Mensch bin, habe ich die letzte Hoffnung trotzdem noch nicht aufgegeben. Man könnte auch sagen, dass ich mich an einem glühenden Nagel festhalte. Doch wirklich überzeugt davon, dass sich jetzt weltweit mehr als nur ein einmaliger Protestschrei erheben wird und die Fans allerorten tatsächlich auf die Barrikaden gehen, bin ich nicht.

Doch es wäre wohl die einzige Möglichkeit, die zwölf abgehobenen Klub-Chefs aus ihrem Elfenbeinturm zu zerren und sie wieder auf den Boden der Realität (die in den seltensten Fällen nach Wunsch verläuft) zu holen.

Fans aller Länder - vereinigt euch, will man appellieren. Jetzt schlägt eure Stunde. Von eurer Entscheidung, die Mitgliedschaft in "eurem" Klub oder das Pay per view-Abo bei Sender XY zu kündigen (oder halt nicht), könnte es abhängen, ob sich die Abtrünnigen es vielleicht doch noch mal überlegen.

Aber wahrscheinlich ist dies zu romantisch oder - weniger schmeichelhaft formuliert - zu blauäugig von mir gedacht. Denn dass das Geld bereits jetzt schon zu irreversiblen Transformationen in der Menschheit liebstem Spiel gesorgt hat, ist leider genauso unumstritten. Der Vorstoß von Europas selbsternannter Elite war eigentlich nur der logische nächste Schritt.

Man mag diesen Klubs zurufen: das Geld von morgen ist die Armut von übermorgen. Doch sie hören schon gar nicht mehr hin, so weit haben sie sich von der Basis ihrer Anhängerschaft entfernt. Und sehen tun sie vor lauter auf sie herabregnenden Dollar-Scheinen auch nichts mehr.

Und so schnappe ich mir ein letztes Mal das längst zerfledderte Buch über die alten Europapokale - und weine um einen guten Freund.

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