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Vier Jahre kein Volland im DFB-Dress - Seltsame Interpretation des Leistungsprinzips

Nov 21, 2020, 3:08 PM GMT+1
Hamari Traore, Kevin Volland
Zeigt sich auch in Frankreichs Ligue1 treffsicher: Kevin Volland (hier beim Spiel gegen Stade Rennes) | Catherine Steenkeste/Getty Images
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Trotz der nun bis März andauernden Länderspielpause wird die Diskussion um Nationaltrainer Joachim Löw weiter anhalten, ja sogar noch Fahrt aufnehmen. Das liegt an der Natur der Sache. Denn vor allem auf die Leistungen der von Löw ausgebooteten oder gar nicht erst beachteten Spieler werden sich die Berichterstatter allenthalben konzentrieren. Auch ein Langzeit-Geschmähter könnte sich über den Umweg Ligue1 so wieder ins Rampenlicht spielen.

Und jede weitere spektakuläre Abwehraktion (Hummels, Boateng), jeder neue intelligente, womöglich spielentscheidende Pass und jeder hinzukommende Torerfolg (Müller) wird Fragen aufwerfen zur Sinnhaftigkeit der Entscheidung Löws, das Trio nicht mehr zu berücksichtigen. Durchaus nachvollziehbar. Denn der Bundestrainer hat sich schlicht und einfach verzockt.

Hat gehofft, dass die für das Weltmeister-Trio in die Bresche springenden Spieler, über kurz oder lang, diese Dreifach-Personalie einfach dem kollektiven Vergessen anheimstellen würden. Doch das geschah aus einem doppelten Grunde nicht: die Ergebnisse der DFB-Elf - und konkret die in den jeweiligen Spielen gezeigten Leistungen der in der Hierarchie aufgerückten - ließen es schlichtweg nicht zu. Und gleichzeitig führten die drei Aussortierten im Gros ihrer Klubeinsätze das Leistungsprinzip ad absurdum.

Damit wir uns nicht falsch verstehen: ich halte viel von einem Antonio Rüdiger. Und auch ein Mathias Ginter in der Innenverteidigung steht für mich über dem nationalen Durchschnitt. Auch ein Julian Draxler oder dessen Namensvetter Brandt können sicherlich das Blaue vom Himmel zaubern. Nur zeigt er es viel zu selten. Und selbst wenn das Potenzial unbestrittenerweise vorhanden ist: reicht das alleine aus? Heißt es nicht: das Bessere ist der Feind des Guten?

Vergesst bitte Kevin Volland nicht

Dabei wurde ein Name in den ganzen Debatten über personelle Änderungen (bis hin zum Posten des Trainers) im DFB-Team in den letzten Tagen eher selten vorgetragen. Vielleicht weil die meisten Vertreter der schreibenden oder sonst wie kommentierenden Zünfte schon gar nicht mehr mit einer Veränderung des wie einzementiert scheinenden status quo rechnen. Der Spieler selbst tut es ja offensichtlich (und nachvollziehbarerweise) auch nicht mehr.

Ein Typ wie Gerd Müller

Die Rede ist von Kevin Volland. Als ich den Burschen das erste Mal sah, es muss bei einem Spiel der Münchener Löwen von 1860 gewesen sein, war ich begeistert. Der Typ erinnerte mich an Stürmer der Marke Darko Pancev, Iván Zamorano oder gar Geld Müller. Klein - ja, kein Brechertyp, aber mit einer unglaublichen Mobilität und Geschmeidigkeit in den Bewegungsabläufen ausgestattet.

Die soll er sich - abgesehen von einem offensichtlich naturgebenen Talent - in seinen früheren Exkursionen in den Eishockey-Sport erworben haben. Ein Spiel, in dem sich die jeweilige Szenerie ja in Bruchteilen von Sekunden komplett ändert. Im Gegenzug zur, im Vergleich, dann doch etwas trägeren Dynamik eines Fußballspiels.

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Kevin Volland traf in jedem vierten Spiel für die TSG Hoffenheim | PATRIK STOLLARZ/Getty Images

Der Mann, oder vielmehr Junge, denn er war kaum 19 oder 20 Jahre alt, versprach irgendwas. Er war wendig, technisch stark und sehr schnell. Und wusste, wo das Tor stand. Und er hielt dieses Versprechen auch aufrecht, nachdem er seinen ersten großen Karriereschritt (der Wechsel zur TSG Hoffenheim) im Jahr 2012 gemacht hatte.

Zu dieser Zeit war er wohl auch schon auf Löws Schirm, der ihn kaum zwei Jahre später tatsächlich zum ersten Mal in den Kreis der Landesbesten berief. Zwei Kadernominierungen für die WM-Vorbereitungsspiele gegen Polen und Kamerun waren die Folge, doch nur gegen die osteuropäischen Nachbarn kam Volland auch zum Einsatz. Nach 71 Minuten wurde er für Sebastian Jung ausgewechselt.

Löw hatte damals sein Korsett - nachvollziehbarerweise - schon im Kopf und änderte auch nach der Verletzung von Marco Reus im letzten Testspiel gegen Armenien nichts mehr daran. Doch schon damals hätte man skeptisch sein können: statt die fehlende Offensiv-Power eines Reus (für viele damals der beste deutsche Fußballer) mit einer substanziell vergleichbaren, sprich ebenfalls offensiven Variante zu kompensieren, nahm Löw - Shkodran Mustafi mit nach Südamerika!

Wir erinnern uns: das war der Spieler, dessen Verletzung im Achtelfinale gegen Algerien uns vielleicht erst die Türen zum späteren Titel öffnete. Selbst zum im Nachhinein alles - aus Löws Sicht - rechtfertigenden WM-Triumph 2014 bedurfte es der Zufälle, musste der Bundestrainer zu seinem späteren Glück quasi gezwungen werden.

Alibi-Einsätze und keine EM 2016

Ein Volland war in der Folge erstmal außen vor. Auch seinen Einsätzen in der U-21 geschuldet, kam der gebürtige Allgäuer erst wieder zum Ende des Länderspieljahres 2014 zu zwei Einsätzen. Dabei wurden Gibraltar (in der EM-Qualifikation) und Spanien (Freundschaftsspiel) mit 4:0 und 1:0 geschlagen.

Zur EM 2016 durfte Volland dennoch nicht reisen. Und das, obwohl er für die TSG Hoffenheim in 33 Spielen auf starke 18 Scorerpunkte (8 Treffer, 10 Vorlagen) kam. Und die Kraichgauer galten schon damals nicht als absolutes Top-Team in der Bundesliga. Will heißen: wie hätte der gute Volland wohl performt, wenn er noch bessere Mitspieler um sich gehabt hätte?

Kevin Volland
Bei Bayer Leverkusen konnte Volland seine Tor-Quote noch verbessern | DeFodi Images/Getty Images

So wie in Leverkusen, wohin er im Sommer 2016 wechselte. Vielleicht war es ja Löws Vorgänger auf der DFB-Trainerbank, Rudi Völler, der dem Freiburger Übungsleiter ab und zu nochmal den Namen Volland ins Gedächtnis rief. So kam Volland, nach der unnötig vergeigten EM (ja, ich nenne es trotz des Erreichen des Halbfinales "vergeigt"!) zu vier weiteren Einsätzen im DFB-Dress.

Vollands letztes Länderspiel vier Jahre (!) her

Doch auch hier ist schon ein klarer Trend erkennbar: in einem Freundschaftsspiel gegen die Finnen durfte der Neu-Leverkusener noch neunzig Minuten auf dem Feld verweilen, in den anschließenden WM-Qualifikationsspielen gegen Nordirland und San Marino war er nur noch testimonial dabei (9 und 19 Minuten). Am 15.11.2016 machte Kevin Volland dann im Testspiel gegen Italien (0:0) sein bisher letztes Länderspiel.

Jonathan Tah, Kevin Volland
Volland bei seinem letzten Länderspiel (gegen Italien) im November 2016 | TF-Images/Getty Images

Das war also fast auf die Woche genau vor vier Jahren. Eigentlich unglaublich. Sowohl wenn man sich die meisten Offensiv-Darbietungen der DFB-Elf seitdem anguckt. Als auch wenn man die persönlichen Bilanzen des Kevin Volland analysiert.

Saison 2016/17: 9 Tore, 2 Assists in 31 Spielen für Bayer in Bundesliga, DFB-Pokal und Champions League; Saison 2017/18: 14 Tore, 4 Vorlagen in 34 Spielen (keine Champions League, weil nicht vertreten), Saison 2018/19: 15 Treffer, 16 Vorlagen in 42 Spielen, Saison 2019/20: 12 Tore, 10 Assists in 40 Spielen.

Kriegt Volland nochmal eine verdiente Chance?

Doch es gibt keinen Blinderen, als den, der nicht sehen will. Und so hat sich Volland mittlerweile entschlossen, nicht nur der Bundesliga den Rücken zu kehren, sondern gleich dem ganzen Land. Was soll es auch bringen, sich sozusagen direkt vor Löws Nase Woche für Woche vorzustellen (und zu empfehlen), wenn sich am anderen Ende der Leitung sowieso ein von seinen Ideen nicht abrückender Adressat der Bewerbungen (um den Begriff Sturkopf zu vermeiden) befindet?

Ach, übrigens: gestern schoss Kevin Volland den letztjährigen Champions League-Finalisten Paris St. Germain praktisch im Alleingang aus dem Stade Louis II zu Monaco. Zwei Tore und ein an ihm verursachter Elfmeter drehten am Ende das Spiel auf 3:2 (nach 0:2). Und fast zeitgleich lamentieren wir in Fußball-Deutschland über fehlende Kaltschnäuzigkeit vorm Tor und Chancenwucher.

Volland steht in der französischen Liga nach neun Spieltagen bei 4 Treffern und 3 Vorlagen (also bei vergleichbaren Werten wie in den letzten vier Jahren), ist mittlerweile 28 Jahre alt (also eigentlich im perfekten Fußballeralter, weil es die Balance zwischen immer noch jugendlicher Kraft und einem gerüttelt Maß an Erfahrung bedeutet) - und wird wohl dennoch auch auf weiteres nicht für die DFB-Elf nominiert werden. Jedenfalls solange Löw "an der Macht" ist. Und allmählich werden sich wohl auch unsere französischen Nachbarn fragen, warum in Deutschland das Leistungsprinzip nicht angewendet wird. Oder sie lachen sich einfach nur kaputt.

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