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Bundesliga

Aufholjagden im Fußball: Neue Mode oder bloß subjektiver Eindruck?

Guido Müller
Apr 8, 2021, 5:18 PM GMT+2
Eine der berühmtesten Aufholjagden im Europapokal: Liverpool dreht im Mai 2005 ein 0:3 gegen die AC Mailand
Eine der berühmtesten Aufholjagden im Europapokal: Liverpool dreht im Mai 2005 ein 0:3 gegen die AC Mailand | Etsuo Hara/Getty Images
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Seit etwa 40 Jahren verfolge ich den Fußball. In diesen Jahrzehnten habe ich gefühlt mehrere tausend Fußballspiele verfolgt, sei es im Stadion oder am Bildschirm. Habe Regeländerungen beigewohnt, die das Spiel attraktiver machen sollten (Rückpass zum Torwart) oder Einführungen technischer Neuerungen wie den VAR. Und seit einigen Jahren auch das Phänomen beobachtet, dass das Aufholen hoher Rückstände mittlerweile viel häufiger zu sehen ist, als in der Vergangenheit. Doch stimmt das? Und wenn ja: Woran liegt's?

Ein naheliegendes Argument könnte die Einführung der Rückpass-Regel zur Saison 1992/93 sein, weshalb es sinnvoll erscheint, sich die Spielzeiten vor und nach dieser fundamentalen Änderung des Regelwerkes mal genauer anzuschauen.

Tatsächlich gelang es im 29-jährigen Zeitraum zwischen 1963 (Gründung der Bundesliga) und besagter Spielzeit 1992/93 insgesamt 22-mal, einen Drei-Tore-Vorsprung noch aufzuholen.

Im 28-jährigen Zeitraum ab der Saison 1992/93 bis heute gelang es 20-mal. Ein wirkliches Ungleichgewicht zwischen beiden Epochen ist also nicht wirklich auszumachen.

Auch wenn wir auf die insgesamt 41 Male blicken, in denen eine Mannschaft einen Zwei-Tore-Vorsprung noch aufholen konnte (entweder zum Remis oder zum Sieg), verteilen sich diese relativ paritätisch. 21-mal vor 1992, und 20-mal nach 1992.

Und selbst in der Rubrik "aufgeholte Vier-Tore-Rückstände" gibt es keine Unterschiede. Den Bayern gelang ein solcher Husarenstreich im September 1976 beim wilden 6:5-Sieg beim VfL Bochum. Gut 41 Jahre später schaffte es der FC Schalke gegen den BVB. Es sind die einzigen Beispiele dieser Art in bald 60 Jahren Bundesliga-Geschichte.

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Naldo machte in der Nachspielzeit den Deckel drauf: 4:4 nach 0:4 im Revier-Derby der Hinrunde 2017/18 | NORBERT SCHMIDT/Getty Images

Nur auf die deutsche Eliteklasse bezogen, lässt sich eine Vermehrung von großen Aufholjagden in den letzten drei Jahrzehnten statistisch also nicht belegen.

International gibt es eine Tendenz zu mehr Aufholjagden

Gehen wir also in die Champions League bzw. seinen Vorgänger-Wettbewerb (Europapokal der Landesmeister). Und siehe da: Hier werden wir fündig.

Gelang es bis zur besagten Zäsur der neuen Rückpass-Regel - also im Zeitraum zwischen 1955 und 1992 - insgesamt nur vier Teams (Budapesti VL, Manchester United, Bayern München und Panathinaikos Athen) innerhalb eines Spieles, einen Drei-Tore-Rückstand noch aufzuholen, ist dasselbe Kunststück ab 1992 immerhin schon acht Mannschaften gelungen. Eine Verdoppelung also.

Berühmtestes Beispiel ist sicherlich der FC Liverpool, der im Champions-League-Finale von 2005 gegen den AC Mailand zur Halbzeit hoffnungslos mit 0:3 hinten lag, um am Ende - über den Umweg Elfmeterschießen - doch noch über die Italiener zu triumphieren.

Und auch auf Länderspiel-Ebene finden wir ein mittlerweile historisch gewordenes Spiel (das bereits seinen eigenen Wikipedia-Eintrag hat): am 16. Oktober 2012 verspielte die DFB-Auswahl im WM-Qualifikationsspiel gegen Schweden (im Berliner Olympiastadion) sogar eine 4:0-Führung. Und das binnen einer halben Stunde.

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Wahrhaft historisch: nie zuvor und nie danach gab eine deutsche Elf einen Vier-Tore-Vorsprung noch aus der Hand | KAY NIETFELD/Getty Images

Es ist das bis heute einzige Mal, dass eine deutsche Nationalmannschaft einen solchen Vorsprung verspielte.

Eingedenk der internationalen Vergleiche (ob auf Klub- oder Nationalmannschaftsebene) kann man also tatsächlich eine Mehrung solcher Aufholjagden feststellen.

Als einen der Gründe (neben besagter Regel-Änderung, die das Spiel ungleich schneller gemacht hat) muss man wohl auch den allgemein weitaus besseren Fitness-Zustand der heutigen Fußball-Profis anführen. Ausnahmen bestätigen dabei, wie immer, nur die Regel.

Gab die Physis der Kicker in der Vergangenheit es meist einfach nicht her, ein quasi schon verlorenes Spiel vielleicht doch noch mal zu drehen, sieht das heutzutage aufgrund der verbesserten körperlichen Eigenschaften der Spieler anders aus.

Seit sieben Jahren mindestens einmal pro Saison

Aber vielleicht liegt mein subjektiver Eindruck auch einfach daran, dass es in der Bundesliga in den letzten sieben Jahren (seit der Spielzeit 2013/14) mindestens einmal pro Saison passiert ist, dass ein Team einen Drei-Tore-Rückstand noch aufholen konnte.

In der vergangenen Saison war dies sogar zweimal der Fall. Nur in der laufenden Spielzeit haben wir solch einem Spielverlauf noch nicht beiwohnen dürfen. Aber es sind ja auch noch sieben Spieltage zu spielen.

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