Frauenfußball

Von Arsenal zu Villarreal - Saisonzusammenfassung der großen Frauenligen, Teil 4: Division 1 féminine

Helene Altgelt
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FBL-FRA-DIVISION1-PSG-LYON-WOMEN / FRANCK FIFE/GettyImages
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Im vierten und letzten Teil der 90min-Saisonzusammenfassung der großen Frauenligen geht es um die französische D1. Olympique Lyonnais konnte Paris Saint-Germain wieder den Meistertitel entreißen, während deren Lokalrivale Paris FC zum ersten Mal international spielen wird.


Lyon kehrt zu alter Dominanz zurück

14 Meistertitel hintereinander, von 2007 bis 2020: Olympique Lyonnais hat mehr als eine Dekade lang den französischen Frauenfußball dominiert. Rivale Paris Saint-Germain blieb dabei meist nur der undankbare zweite Platz, insgesamt sieben Mal. 2021 schienen sich dann die Kräfteverhältnisse umzukehren: Paris gewann endlich den ersehnten Division-1-Titel und besiegte auch in der Champions League den ewigen Konkurrenten Lyon. Aber diese Veränderung war nicht dauerhaft: Lyon verpflichtete im Sommer PSG-Torhüterin Endler, vielleicht die Beste auf ihrer Position. Zudem wurde mit Sonia Bompastor eine sehr erfahrene ehemalige Spielerin des Vereins als Trainerin installiert.

UEFA Women's Champions League Final"Barcelona FC - Olympique Lyonnais"
UEFA Women's Champions League Final"Barcelona FC - Olympique Lyonnais" / ANP/GettyImages

Für Bompastor war es die erste Station als Trainerin, Lyon ging mit dem Schritt also durchaus ein Wagnis ein. Und es zahlte sich aus: Unter ihr konnten die "fenottes" den Titel wiedererringen und in der Champions League triumphieren. Die Saison in der D1 war sehr souverän: Nur in einem einzigen Spiel wurden Punkte liegengelassen - gegen wen, das war allerdings recht überraschend: Nicht gegen PSG - die Pariserinnen demütigte Lyon im Hinspiel mit 6:1 und machte im Rückspiel beim 1:0 den Titel klar - sondern im Lokalderby gegen die AS St. Etienne. Dass St.Etienne ausgerechnet gegen Lyon einen ihrer nur sieben Punkte holen würde, war nicht unbedingt so zu erwarten gewesen.

Wie erfolgsverwöhnt die Lyon-Fans sind, zeigten auch die Reaktionen nach dem 1:1 gegen St. Etienne. Die vorigen 15 Siege in Folge hatten schnell an Bedeutung verloren, es wurden gar "Bompastor out" - Rufe laut. Ein Argument für die Kritiker war auch, dass Lyon in der Champions League zweimal verloren hatte: Auswärts gegen Bayern in der Gruppenphase und im Viertelfinale das Hinspiel gegen Juventus. Ein zweiter Aspekt, der die Saison trübt, sind die vielen Verletzungen: Vier Kreuzbandrisse hatte Lyon diese Saison zu beklagen, zuletzt erwischte es Ellie Carpenter im Champions-League-Finale und Mittelfeld-Star Catarina Macario im letzten Spiel der Saison.

Auch angesichts dieser erschwerenden Bedingungen ist Bompastors Leistung beeindruckend. In der Liga kassierte ihr Team in nur sieben von 22 Spielen ein Gegentor und schoss selber 79. Keine Frage: Lyon ist wieder da.

PSG auf und neben dem Platz mit wenig Stabilität

Die zahlreichen Krisen von Paris Saint-Germain, zumeist nicht sportlicher Natur, erleichterten Lyons Rückkehr an die Spitze. Wie im Nachhinein kürzlich bekannt wurde, verhielt sich PSG-Trainer Didier Ollé-Nicolle sich bereits in der Saisonvorbereitung unangemessen gegenüber einer Spielerin und belästigte sie. Teile der sportlichen Führung wussten davon, schützten den Trainer aber. Im November kam dann noch dazu, dass MIttelfeldspielerin Kheira Hamraoui Opfer einer Messerattacke geworden war, eine Mitspielerin wurde zu Unrecht beschuldigt. Diese Turbulenzen hatten auch sportliche Konsequenzen - direkt darauf folgte die 1:6-Klatsche gegen Lyon.

Vor dem Champions-League-Duell gegen Lyon folgte dann auch noch eine Auseinandersetzung von Hamraoui und einer weiteren Spielerin. Berichten zufolge stellten sich große Teile der Kabine gegen sie. Medial, aber auch intern überdeckten diese Vorfälle das sportliche Geschehen. PSG hat zweifellos ein sehr talentiertes Team, besonders in der Offensive.

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Marie-Antoinette Katode / FRANCK FIFE/GettyImages

Torschützenkönigin Marie-Antoinette Katoto und die schnellen Flügelspielerinnen Kadidiatou Diani und Sandy Baltimore bilden ein Trio, das fast jede Defensive der Welt in Angst und Schrecken versetzen könnte. Und auch defensiv ist Paris mit Ashley Lawrence, Amanda Ilestedt und Sakina Karchaoui überaus gut besetzt. Der inzwischen beurlaubte Ollé-Nicolle schaffte es nicht, das Starensemble zu einem schlagkräftigen Team zu formen.

Offensiv konnte die individuelle Klasse der Spielerinnen allein für viele Tore sorgen, gegen gut gestaffelte Defensiven fanden sie aber wenige Lösungen. Defensiv war die Zuordnung offensichtlich unklar, mehrmals kam es zu Abstimmungsfehlern und großen Lücken, weil die Außenverteidigerinnen hoch aufgerückt waren und die Innenverteidigerinnen 1-gegen-1 Situationen schlecht lösten. Dementsprechend hatte PSG am Ende elf Punkte weniger als Lyon, womit der Drittplatzierte deutlich näher am ihnen dran war als Paris am Meister.

FC Paris und Fleury machen viel aus wenig, Bordeaux und Montpellier wenig aus viel

Das Überraschungsteam FC Paris hatte nur drei Punkte weniger als PSG und konnte die Lücke zwischen den beiden Topteams und dem Rest erheblich verkleinern. Zwar zeigt diese sich noch immer in der Tordifferenz (PSG: +56, FC Paris: +28), aber das Team von Trainerin Sandrine Soubeyrand machte alles aus seinen Möglichkeiten. Mit einer jungen Mannschaft, überwiegend bestehend aus französischen Talenten, setzte Soubeyrand auf direkte Angriffe und maximale Effizienz. Dabei stellte sich Paris trotzdem nicht nur hinten rein, sondern versuchte, das Spiel zu machen. Für diese erfolgreiche Spielweise wurde sie als beste Trainerin ausgezeichnet.

Zwei Schlüsselspielerinnen zum Erfolg waren Mittelfeldspielerin Clara Mateo mit elf Toren und sieben Assists und Ouleymata Sarr mit acht Toren. Beide wurden von Nationaltrainerin Corinne Diacre auch in den vorläufigen Kader für die EM 2022 berufen. Etwas weniger Aufmerksamkeit zog Stürmerin Mathilde Bourdieu auf sich, die besonders mit ihrer physischen Robustheit und Schnelligkeit überzeugte und zudem aus schwierigen Winkeln treffen kann. Für Paris wird es diesen Sommer darum gehen, die aufstrebenden Spielerinnen zu halten und sich wegen der Dreifachbelastung sinnvoll zu verstärken.

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Clara Mateo / FRANCK FIFE/GettyImages

Hinter Paris folgte Fleury, ebenfalls ein Überraschungsteam. Vor der Saison waren eigentlich Bordeaux und Montpellier in der Pole Position für den dritten Platz gesehen worden. Die Girondins aus Bordeaux hatten sich in der Saison davor für das internationale Geschäft qualifiziert, scheiterte dann nur knapp an Wolfsburg im Elfmeterschießen. Dass sie in der Liga dann nur einen enttäuschenden sechsten Platz belegten, kann man als ihre Schwäche auslegen, es spricht aber auch für die Qualität der Liga, die ebenso wie die Bundesliga diese Saison einen engeren Wettbewerb zu bieten hatte.

Bordeaux hat Spielerinnen internationaler Klasse wie die Stürmerin Katja Snoejis, Außenverteidigerin Eve Perisset oder Claire Lagogez, aber diese Saison lief wenig zusammen, Trainer Patrice Lair, ehemals bei Lyon und PSG tätig, erwies sich als teure Fehlverpflichtung und schaffte es nicht, das Team zu einem kohärenten Spielstil zu führen. Dazu kommen gravierende Fehler im Management des Klubs: Mehr als zehn Spielerinnen werden diese Saison gehen, es wurde versäumt, nach dem Erreichen des dritten Platzes weiter zu investieren und die Position zu festigen. Mit dem Abstieg der Männer in die zweite Liga wird das Budget nochmal gekürzt und Bordeaux treibt einer ungewissen Zukunft entgegen.

Eine der abgewanderten Spielerinnen, Mittelfeldspielerin Charlotte Bilbault, wird sich dem Konkurrenten Montpellier anschließen, der eine ähnlich durchwachsene Saison hinter sich hat. Ebenfalls mit hohen Erwartungen in die Saison gestartet, konnte das Team mit den beiden Deutschen Lena Petermann und Johanna Elsig dem FC Paris den dritten Platz nicht strittig machen. Erstere spielte dabei aber eine sehr gute Saison und war mit zehn Toren die wichtigste Spielerin in der Offensive. Ansonsten waren die Blau-Orangenen aber zu ideenlos, gerade auf den Flügeln fehlt es auch an individueller Klasse. Mit Verpflichtungen, wie der von der erfahrenen Bilbault, zeigt der Verein aber, dass es nicht an Ambition mangelt und kann der Zukunft zuversichtlicher entgegenblicken als Bordeaux.

Abstiegskampf zwischen fünf Teams

Im Keller der Tabelle landeten die bereits erwähnte AS St-Etienne und Issy, die sich mit Soyaux, Dijon und Guingamps einen harten Kampf um den Klassenerhalt lieferten. Zwischen diesen Klubs und einer zweiten Gruppe um Montpellier, Bordeaux, Reims, Fleury und FC Paris klafft eine erhebliche Lücke in puncto Investment, Grad der Professionalisierung und Gehältern. So konnte etwa Reims vor der Saison das haitanische Top-Talent Melchie Dumornay verpflichten, die mit 14 Scorerpunkten eine herausragende Spielzeit hinter sich hat. Für Vereine wie Issy oder Dijon wäre das undenkbar. Der Unterschied zeigt sich auch in den Tordifferenzen - die fünf letzten haben -30 oder mehr, die darüber eine bessere als -10.

Issy war einer von nur zwei reinen Frauenvereinen in der D1, womit sich ein Trend ähnlich zu dem in der Bundesliga zeigt. Die Probleme sind weitestgehend ähnlich: Schwierigkeiten, Sponsoren zu finden, mangelnde Professionalisierung aufgrund von Geldmangel und zu wenig Personal. Die Amerikanerin Samantha Johnson, im Sommer vom zweiten Frauenverein Soyaux verpflichtet, hat diese Missstände öffentlich gemacht und etwa erzählt, dass Gehälter zu spät gezahlt wurden, der Verein keinen Physiotherapeuten hat und sie aus ihrer Wohnung vom Klub rausgeschmissen wurde.

Der französische Verband tut wenig gegen diese Missstände, und so haben viele Vereine weiterhin sehr wenig Geld und Spielerinnen sind solchen Umständen ausgesetzt. Natürlich ist dies nicht bei jedem Verein der Fall, ein strukturelles Problem ist es aber auf jeden Fall.

Sportlich gesehen war es trotzdem ein spannender Abstiegskampf, der deutlich offener als in vielen anderen Ligen war. Die fünf letzten Vereine bewegten sich etwa auf einem Niveau, auch St. Etienne war nicht chancenlos. Die acht Punkte Abstand zum rettenden Ufer scheinen dies nahezulegen, allerdings hielten sie oft, wie gegen Lyon, gut mit und haderten in vielen Spielen zurecht mit Schiedsrichterentscheidungen oder belohnten sich nicht für die gute Leistung.


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