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SC Paderborn 07

"Respekt bedeutet auch, sich den Scheiß anzugucken" - Paderborn-Coach Baumgart rastet im Interview aus!

Simon Zimmermann
Feb 3, 2021, 8:39 AM GMT+1
SCP-Coach Steffen Baumgart diskutiert mit Schiedsrichter Tobias Stieler
SCP-Coach Steffen Baumgart diskutiert mit Schiedsrichter Tobias Stieler / Pool/Getty Images
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Es lief die fünfte Minute der Verlängerung im Dortmunder Westfalenstadion. Der SC Paderborn hatte sich zuvor über eineinhalb Stunden tapfer gegen den schwarz-gelben Favoriten gewehrt und einen 0:2-Rückstand aufgeholt. Doch dann schickte Thomas Delaney Erling Haaland auf die Reise - der Norweger erzielte den Siegtreffer. Abseits oder nicht - war die große Frage. Die Paderborns Trainer Steffen Baumgart im Anschluss zum Ausrasten brachte!

Was für ein heißer Pokal-Dienstag! Am frühen Abend sorgte Rot-Weiss Essen in der Verlängerung gegen Leverkusen für eine Sensation, Bayern-Bezwinger Kiel setzte sich gegen Darmstadt erneut in der Verlängerung durch. Richtig heiß wurde es auch beim Duell BVB gegen SCP!

Dabei sah alles nach einem lockeren BVB-Sieg über Bundesliga-Absteiger SC Paderborn aus. Doch der Zweitligist kämpfte sich in letzter Minute doch noch in die Verlängerung - 2:2 nach früher 2:0-Führung der Borussia. Videoschiedsrichter Matthias Jöllenbeck griff in der Nachspielzeit ein und wies Tobias Stieler darauf hin, dass im Zweikampf zwischen Passlack und Schonlau ein Foulspiel im BVB-Strafraum vorlag. Der Referee ging an den Bildschirm und erkannte völlig zurecht auf Strafstoß Paderborn - der eingewechselte Owusu schickte die Partie eiskalt in die Verlängerung.

Dort sorgte Erling Haaland dann für die Entscheidung. Und ließ die Emotionen hochkochen. Der Norweger stand beim Pass von Delaney mit einer Fußspitze im Abseits. Stieler erkannte den Treffer dennoch an. Grund: Nach seiner Wahrnehmung hatte der bewusst grätschenden Svante Ingelsson den Ball leicht touchiert und damit eine neue Spielsituation verursacht.

SCP-Coach Steffen Baumgart sah das völlig anders. Der 49-Jährige stellte sich nach dem Aus seines tapfer kämpfenden Teams den Mikros. Im ARD-Interview redete er sich den Frust von der Seele - und in Rage! Wer konnte es ihm nach den Ereignisse der 120 Minuten zuvor verdenken?

Baumgarts Wut-Interview in voller Länge:

Die wichtigsten Aussagen von SCP-Trainer Baumgart:

"Erst mal muss man sagen, der Schiedsrichter hat es erklärt, aus der Sicht wie er es erklärt. Er hat gesagt, dass er und sein Linienrichter die Wahrnehmung hatten, dass der Svante Ingelsson den Ball gespielt hat, was ich ein bisschen schwierig finde, denn erstens steht der Spieler im Abseits, das ist das eine. Und ich finde, dass man, gerade wenn es um so viel geht und wir in der Situation sind, dass wir uns das im Fernsehen angucken können, habe ich zumindest erwartet, dass er guckt. Unabhängig davon - ich habe es noch nicht gesehen - ob es jetzt richtig oder falsch ist."

"Das ist keine Veränderung des Balles, es ist keine Berührung des Balles und er rutscht durch. Es ist nur eine Vermutung, und da muss ich ganz ehrlich sagen, das finde ich dann schwierig. Das ist eine Frechheit. Das ist eine absolute Frechheit, muss ich ganz ehrlich sagen. Und mir dann zu erklären, er hat eine Wahrnehmung gehabt, wo ich sage, wir haben doch die Bilder, wir haben das, was ich gerade sehe. Das kann er sich 20 Mal angucken. Und so ein Spiel so abzugeben. Noch mal, ich glaube es war ein riesen Spiel und beide Mannschaften haben alles rausgehauen, aber daraus eine Berührung des Balles zu machen, finde ich frech. Muss ich ganz ehrlich sagen. Finde ich eine absolute Frechheit. Das habe ich ihm auch gesagt, dass ich das dann öffentlich mache. Langsam wird's lächerlich. Also ganz ehrlich. Da muss man sich nicht wundern, wenn wir jedes Mal darüber reden. Damit das klar ist, ich finde die Videoschiedsrichter wirklich gut, es bringt viel Fairness rein."

"Jetzt muss ich aufpassen, dass die Worte nicht zu doll werden, bevor mir wieder irgendeiner erzählt, wir müssen sauber und respektvoll miteinander umgehen. Weil Respekt bedeutet auch, sich den Scheiß anzugucken und dann eine Entscheidung zu treffen. Das ist respektvoller Umgang mit dem Gegner und nicht mit den Kleinen, die wir wieder in den Arsch getreten haben."

"Da muss sich doch keiner wundern, wenn wir uns darüber aufregen - oder diejenigen, die es dann betrifft. Seien Sie mir nicht böse, aber wie sollen wir denn damit umgehen? Für mich ist das eine ganz klare - der Ball verändert nicht mal die Bewegung, er ist nicht dran. Nicht dran! Und das können wir uns nicht angucken? Also bitte! Wir stehen da sieben Minuten, frieren uns den Arsch ab, und dann so eine Entscheidung? Oh, boah."

"Das geht hier gerade für uns um zwei Millionen! Ich bin keine Aktiengesellschaft, wir kämpfen um jede müde Mark, und dann kommt mir so einer so entgegen? Das finde ich arrogant, muss ich ganz ehrlich sagen."

DFB-Schiedsrichter erklären via Twitter die Entscheidung

Festzuhalten bleibt in jedem Fall, dass Baumgarts Frust klar nachvollziehbar war. Dass Ingelsson den Ball berührt haben soll, ist mehr als zweifelhaft. Auch ARD-Experte Bastian Schweinsteiger sagte im Anschluss, er habe keine Berührung gesehen. Der Ball verändert zudem recht deutlich nicht seine Flugkurve oder Rotation.

Auf dem Twitter-Account der DFB-Schiedsrichter werden seit Neuestem strittige Entscheidungen erklärt. Der VAR habe Stielers Wahrnehmung auf dem Platz nicht korrigiert, weil keine eindeutigen Beweise vorgelegen haben, dass Ingelsson den Ball NICHT berührt habe.

Isoliert betrachtet, hat der VAR tatsächlich nach dem bestehenden Regelwerk gehandelt. Auch, dass Stieler nicht selbst noch einmal auf die Bilder schaute, ist regeltechnisch kein Fehler. Denn er selbst hätte den notwendigen Beweis für eine Nicht-Berührung auch nicht besser sehen können.

Dennoch bleibt die Frage, warum Stieler beim Elfmeter für Paderborn zuvor an den Bildschirm ging. Schweinsteiger erklärte völlig richtig, dass man das Foul schon in der ersten Zeitlupe klar und deutlich erkennt. Wenn Stieler dann bei der nächsten strittigen Aktion, die deutlich undurchsichtiger ist, nicht selbst nachschaut, ist das maximal unglücklich. Allein deshalb - aus emotionaler Sicht, die eben auch zum Fußball gehört - hätte er selbst gucken müssen.

Emre Can hielt im Anschluss fest, dass man die Berührung "bis nach hinten" gehört habe. Demnach sei der Treffer korrekt. Eine Einschätzung, die wohl sehr Schwarz-Gelb gefärbt war. Bei dem - wenn überhaupt - nur minimalen Ballkontakt von Ingelssons Schienbein dürfte man wirklich nicht viel gehört haben. Doch Cans Einschätzung bleibt ohnehin nur ein Nebenschauplatz.

Am Ende gab Schiedsrichter Stieler ein sehr unglückliches Bild ab. Er und der VAR blieben bei der Wahrnehmung auf dem Platz, was per se eigentlich zu begrüßen ist. In der speziellen Szene hätte er aber unbedingt noch einmal selbst nachschauen müssen. Die großen Emotionen hätte das nach Spielschluss vielleicht wenigstens etwas eingeschnürt.

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