Fernando Hierro im 90min-Interview: "Über Zidane-Kritik muss ich echt lachen"

Aitor Alcalde/Getty Images
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Fernando Hierro ist mit seinen 439 Liga-Spielen, die er zwischen 1989 und 2003 für Real Madrid absolviert hat, eine absolute Klub-Legende der Blancos. 90min stand er nun im Schlussspurt der Saison Rede und Antwort bezüglich des Ausscheidens in der Champions League, der Situation seines legitimen Nachfolgers im Real-Trikot und der Zukunft des Trainers.


Als Fernando Hierro selbst, in der Saison 2002/03, sein letztes Champions-League-Spiel für Real Madrid bestritt, war Zinédine Zidane noch sein Mitspieler.

Doch auch mit dem französischen Genie auf dem Platz konnten die Blancos damals den dünnen 2:1-Vorsprung aus dem Hinspiel nicht verteidigen und verloren das Rückspiel bei Juventus Turin mit 1:3. Genau wie in diesem Jahr kam auch damals das Aus im Halbfinale.

Ein Jahr zuvor noch, im Mai 2002, war die Glücksgöttin Hierro und seinem Team weitaus gewogener gewesen - als Real nämlich gegen Bayer Leverkusen eine 2:1-Führung im Finale von Glasgow dank eines Teufelskerls namens Iker Casillas im Tor (und mit viel Glück obendrein!) über die Zeit retten konnte.

Vielleicht auch aus diesen Erfahrungen heraus, dass im Fußball mitunter Kleinigkeiten darüber entscheiden, ob eine Saison am Ende nun als "erfolgreich" oder "desaströs" bewertet wird (denn zwischen diesen beiden Polen pendelt auch in Spanien zumeist die mediale Aufarbeitung), zeigt sich Hierro bezüglich des Champions-League-Ausscheidens gegen den FC Chelsea wohlwollend mit der Mannschaft.

Hierro verweist auf die "speziellen Bedingungen" des Corona-Jahres

"Die Champions League", so der langjährige Kapitän der Königlichen zu 90min, "ist ein sehr spezieller Wettbewerb. Vor allem sehr kurz. Die mentale Verfassung variiert abhängig davon, wie jedes einzelne Team drauf ist. Chelsea kam z. B. auf einem hohen Level, sowohl was die Physis als auch den Spielrhythmus betrifft. Wenn man dann analysiert, womit Real in diesem Jahr, durch Corona und viele Verletzungen, fertig werden musste, war das schon sehr speziell, unter welchen Bedingungen die Spieler in dieses Halbfinale gingen."

Es seien dann, auf diesem Level, die "kleinen Dinge, die den Unterschied ausmachen". Für Hierro war die physische Differenz zwischen beiden Teams letztlich die Ursache für das Ausscheiden seines Ex-Klubs. Was jedoch nicht unvereinbar ist mit der entsprechenden Anerkennung der Leistung des Rivalen. "Chelsea ist der verdiente Sieger. Sie sind durch eigene Meriten weitergekommen."

Natürlich konnte die Frage nach Sergio Ramos, seinem legitimen Nachfolger als Abwehrchef der Blancos, und dessen eventuell verfrühtem Einsatz gegen die Londoner nicht fehlen.

Sergio Ramos, Kai Havertz
Hierro lobt Sergio Ramos für dessen Einsatz gegen Chelsea / James Williamson - AMA/Getty Images

"Im Fußball dominiert bisweilen der pure Opportunismus", klagt der 53-Jährige. "Wir analysieren die Ergebnisse, und zwar nach den Ereignissen auf dem Rasen. Keiner spricht jetzt davon, wie mutig die Entscheidung (Ramos spielen zu lassen, die Red.) von ihm und seinem Trainer war. Ich spreche hier auch von der Kraftanstrengung, nicht nur von der von Ramos, sondern auch von Mendy oder von anderen Spielern, die mit noch weniger Vorbereitungszeit auskommen mussten. Man kann diesen Mut nur lobend hervorheben."

Eine bestimmte Szene, mit Eden Hazard als Protagonisten, hat die Real-Anhängerschaft nach dem Schlusspfiff an der Stamford Bridge fast noch mehr erzürnt als das Ausscheiden selbst. Für Hierro ist diese Aufregung viel zu hoch gehängt.

"Ich sehe das ganz simpel: im Fußball gibt es, sowohl im Triumph als auch in der Niederlage, verschiedene Arten, damit umzugehen. Und dann sind heutzutage auch noch überall Kameras installiert, sodass dem Zuschauer wirklich nichts mehr verborgen bleibt. Das war zu unserer Zeit noch etwas anders. Zudem wird alles vom Endergebnis her betrachtet. Aber das heißt nicht, dass ein Spieler deswegen mehr oder weniger von einer Niederlage getroffen ist. Am Ende sitzen nach einer Niederlage alle im gleichen Boot."

Hierro kann über Zidane-Kritik nur lachen

Ähnlich klar bewertet Hierro die sich nun intensivierende Trainer-Diskussion um Zinédine Zidane. "Da muss ich echt lachen. Es soll mir doch bitte jemand einen Trainer präsentieren, der drei Champions-League-Titel in Folge gewinnt. Das hat bisher nämlich noch keiner geschafft. Und in den Jahren, wo er keine Champions gewonnen hat, hat er dafür die Liga gewonnen. Ich glaube, Zizou ist nach Titeln mittlerweile der zweiterfolgreichste Trainer der Geschichte. Es gibt Trainer, die sich nach Siegen in den Vordergrund spielen, aber über ihn wird immer nur geredet, wenn es dem Team schlecht geht."

Zinedine Zidane
Hat in Hierros Augen einen "perfekten Job" gemacht: Zinédine Zidane / Soccrates Images/Getty Images

"Abgesehen davon, dass ich ihn schätze und bewundere, hat er in meinen Augen einen perfekten Job gemacht und ist der passende Mann, um die Philosophie des Klubs zu verstehen. Nicht jeder Trainer ist dafür gemacht, die Philosophie eines Barcelona oder Real oder Atlético oder Boca oder River Plate zu verstehen. Jeder Klub hat seine ganz spezifischen Eigenarten. Wenn wir die Trainer durchgehen, die mit Real die Champions League gewonnen haben, sehen wir, dass sie sich alle ähnlich sind."

"Sie alle sind ruhige Vertreter, dem Klub verpflichtet, und spielen für die Spieler eine enorm wichtige Rolle. Im Zweifel stehen sie lieber einen Schritt hinter ihnen und beanspruchen im Erfolg die Glorie nicht für sich. Wenn wir also genau draufschauen, haben Miguel Muñoz, Jupp Heynckes, Vicente del Bosque, Carlo Ancelotti und Zinédine Zidane alle ein sehr ähnliches Profil."

Hierros Appell, Erfolg und Misserfolg neu zu definieren

Gefragt, ob für einen neuerlichen Triumph in der Königsklasse die Präsenz eines Torjägers wie Cristiano Ronaldo unabdingbar sei, antwortet Hierro kategorisch: "Wenn eine Mannschaft drei Champions-League-Titel gewinnt, im letzten Jahr Meister wird, in diesem Jahr bis ins Halbfinale der Champions League kommt und immer noch Meister werden kann, und wir trotzdem von "Misserfolg" sprechen, dann frag ich mich: Wohin sind wir mittlerweile gekommen?"

Man müsse, so Hierro, einfach die Ansprüche wieder etwas runterschrauben. "In der Champions League spielt man gegen die Besten Europas. In der heimischen Liga gegen die Besten von Spanien. Man zeige mir den Trainer, der so viele Champions-League-Titel in Serie gewonnen und die letztjährige Meisterschaft geholt hat. Ich hätte vor der Saison jedenfalls unterschrieben, wenn mir einer gesagt hätte, dass wir bis ins Halbfinale kommen und in der Liga vier Spieltage vor Schluss noch Optionen auf den Titel haben."