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Die Willkür der Emotion: Unbedingt, aber nicht ohne Maßstab!

Oscar Nolte
Leroy Sane ist zur Zielscheibe der Fans geworden
Leroy Sane ist zur Zielscheibe der Fans geworden / Alex Grimm/Getty Images
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Leroy Sane ist wieder obenauf, die Nationalmannschaft macht auch wieder Bock. Aber Timo Werner, der ist ein Chancentod vor dem Herrn, da kann man ja nur Mitleid haben. Wie gut, dass der Junge als Profi-Fußballer zumindest Schmerzensgeld ausgezahlt bekommt.

Emotionen gehören zum Fußball, wie das Fettnäpfchen zu Armin Laschet. Sie sind willkürlich, sprunghaft und bewegen sich immer auf dünnem Eis. Die Verantwortung der Fans ist es, einen vernünftigen Maßstab anzulegen; das gelang in der jüngeren Vergangenheit nur allzu selten. Die Ausrede der Entfremdung des Profifußballs von der Gesellschaft darf als Freibrief nicht mehr zählen.


Ich habe mich köstlich amüsiert, über das Leistungsloch von Leroy Sane, über die verpulverten Millionen des FC Bayern. Als BVB-Fan kann ich doch gar nicht anders. Schadenfreude ist der Stein, auf dem der Fußball von den Fans errichtet wurde. Ist so. Und doch komme ich nicht umher, mich über die Leistungen Sanes im Nationaltrikot zu freuen. Da ist sie dann auch, die Empathie. Und als Mensch, der sich in den vergangenen Wochen viel gefallen lassen musste, gönne ich es Sane einfach, wieder Oberwasser zu haben und etwas aus der Schussliste der Kritiker zu geraten.

Emotionen funktionieren nicht rational. Genauso wenig wie man Gefühle denken kann. Und doch liegt ein schmaler Grat dazwischen. Wann endet Schadenfreude, wann beginnen Hetze, Diskriminierung und Mobbing? Das Maß an Feingefühl, dass hier angelegt werden muss, findet man im Stadion- und Social-Media-Pulk nur herzlich selten. In der Masse erlauben es sich Individuen, Grenzen zu überschreiten. Im Positiven, leider aber auch im Negativen. Diese Erkenntnis kann durchaus gedacht werden.

Digitalisierung öffnet den Raum für Emotionen über die Tore des Stadions hinaus

Der Mensch ist so grausam, wie es ihm erlaubt ist zu sein. Hohn und Spott sind in der deutschen Fußball-Gesellschaft salonfähig - das leben sogar Vereinsverantwortliche vor. Einen Timo Werner sieht man dieser Tage nur noch im Regenmantel, so gnadenlos prasselt das Gelächter auf ihn ein. Da spielt es dann keine Rolle mehr, dass ein Mensch hinter den vergebenen Torchancen steht. Oder dass der Nationalstürmer erst vor wenigen Monaten die Champions League gewonnen hat. Es ist salonfähig, Timo Werner durch den Dreck zu ziehen. Und das ist eine Entwicklung, die mir Sorge bereitet.

Es gab eine Zeit, zu der es Pfiffe und Gelächter aus dem Fanblock setzte und es nach dem Spiel dann aber auch wieder gut war. Vergeben uns vergessen, solange der nächste Ball reingeht. Mit der Digitalisierung kam jedoch auch die Verlängerung der Anfeindungen. Das Spiel mag nach 90 Minuten abgepfiffen werden, das Netz jedoch kennt weder Pause, noch Gnade. Das beste, das man Fußball-Profis noch raten kann, ist sich von den sozialen Netzwerken fern zu halten und möglichst wenig Angriffsfläche zu bieten. Allein: dann - und genau dann, haben wir sie. Die Entfremdung des Profi-Fußballs von der Gesellschaft.

Timo Werner
Timo Werner hat das Pech derzeit gepachtet / Alex Grimm/Getty Images

Ein Problem, das in Fan-Kreisen als Freibrief benutzt wird, um zu wüten und zu toben. Der eine Vorwand, der es dem Fan ermöglicht, in der Masse zu verschwinden und grausam zu sein. Ich erinnere daran: Emotionen sind gefühlt, nicht gedacht. Die Hetze, die wir tagtäglich gegen Fußballer und Personen der Öffentlichkeit erleben, entsteht beileibe nicht mehr nur noch aus dem Affekt. Ich meine: in der Einleitung diesen Textes gehe ich mit Armin Laschet eben solch eine Zielscheibe an und fördere damit das, was ich in diesem Artikel kritisiere. Es ist die Masse, die mir dies erlaubt; es ist salonfähig, sich über Armin Laschet lustig zu machen, also tue ich es. Das ist keine Emotion, sondern Perversion.

Es ist schwierig, ein Maß zu finden. Schadenfreude, Spott, Wut und Enttäuschung: das sind die Emotionen, die den Fußball ausmachen. Und das ist gut und schön, solange sie gemäßigt passieren. Gerne im Stadion, gerne auf einer Ebene, die menschliche Werte nicht untergräbt. Der Rassismus, die Diskriminierung und die Schmähungen, die wir aktuell zu häufig erleben, tun aber genau dies. Und an dieser Stelle werden die Fans ihrer Verantwortung nicht gerecht und tragen ihren Teil zu der Spaltung zwischen Gesellschaft und Profi-Fußball bei.

Natürlich gibt es die Ausnahmen, die du nicht erreichen kannst. Idioten, die den Deckmantel Fußball nutzen, um ihre Grausamkeiten auszuleben. Ohne die breite Masse wäre das nicht möglich. Es liegt also an uns Fans, an Dir, wie auch an mir, ein Maß zu finden, das es uns erlaubt, unsere Emotionen in all ihrer Willkür und Irrationalität auszuleben. Es ist eine Verantwortung, der wir uns erst bewusst werden müssen, bevor wir ihr gerecht werden können.

Der Fußball am Scheideweg: Verantwortung tragen wir alle

Der Fußball steht an einem Scheidepunkt, der zu einem endgültigen Bruch zwischen Gesellschaft und Geschäft führen könnte. Und ja, es ist die Geldgier der Oberen, der Einzug des Kapitalismus in diesen schmutzigen und lebendigen Sport, der dies hauptsächlich bedingt. Und doch ist es mir zu einfach, die Verantwortung in die Hände derjenigen zu legen, die dem Profi-Fußball angehören. Das kann und darf einfach kein Freibrief sein.

Sonst sind wir nur Kinder, die toben und wüten und darauf vertrauen, dass ihre Eltern die Verantwortung übernehmen. So kann keine Gesellschaft funktionieren und so wird die Entfremdung doch nur legitimiert. Es liegt also (auch) an uns, einen gesunden Maßstab zu finden, für die Emotionen und für den Sport, den wir alle so lieben.

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