Frauen-Bundesliga

Das Ende einer Ära? Potsdam-Exodus geht weiter - Sorgen für die neue Saison wachsen

Helene Altgelt
Denmark v Finland: Group B - UEFA Women's EURO 2022
Denmark v Finland: Group B - UEFA Women's EURO 2022 / Eurasia Sport Images/GettyImages
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Nach Torjägerin Selina Cerci, Topscorerin Melissa Kössler, Kapitänin Sara Agrez und Mittelfeldmotor Gina Chmielinski verlässt ein weiteres Duo Turbine Potsdam, dessen Abgang schmerzen könnte. Die Zwillinge Sara und Karen Holmgaard wechseln zum englischen WSL-Klub Everton, mit dem Wechsel der Linksverteidigerin und defensiven Mittelfeldspielerin verliert der Verein weitere Leistungsträgerinnen. Für die nächste Saison werden die Ziele angepasst werden müssen.


Mit den Holmgaard-Zwillingen nun 14 Abgänge, dazu Verletzungssorgen

Wie der englische Klub heute bekanntgab, unterschrieben die beiden einen Zweijahresvertrag auf der Insel, Sara Holmgaard wird zunächst an Fortuna Hjørring ausgeliehen. Von dem dänischen Verein waren die 23-Jährigen in der Winterpause 2021 auch nach Potsdam gewechselt und hatten sich schnell etabliert. Linksverteidigerin Sara Holmgaard war 28 Mal für Turbine aufgelaufen und hatte drei Tore erzielt, ihre Schwester kam auf 36 Einsätze und zwei Treffer.

Die beiden waren bereits die Abgänge Nummer 13 und 14 von Potsdam, der Verein steht nun vor der Herkulesaufgabe, erneut eine gute Platzierung zu erreichen. Die elf Neuzugänge werden sicherlich Zeit brauchen, um als Team zusammenzuwachsen, einen Qualitätsverlust konnte Turbine nicht verhindern. Noch dazu sind die altbekannten Verletzungssorgens des Traditionsvereins immer noch da: Fünf Spielerinnen des Kaders sind aktuell verletzt, darunter wichtige Akteurinnen wie Teninsoun Sissoko und Maria Plattner.

Abrutsch in der Tabelle wird befürchtet

All das sorgt für Sorgenfalten auf der Stirn der Turbine-Fans, die für ihr Engagement und ihre Lautstärke bekannt sind. Beide Spielerinnen bedankten sich zum Abschied nochmal:

"Jede Woche mit den Fans hinter uns in das Karli einzulaufen war unglaublich und etwas Besonderes. Ich wünsche den Mädels und allen im und um den Club viel Glück für die Zukunft!"

Sara Holmgaard

Das Glück könnte Turbine in der nächsten Saison auch nötig haben. An einen vierten vierten Platz in Folge glauben wenige, die Champions League wird diese Saison wohl kaum als Ziel ausgerufen werden. Angesichts der Anzahl an Abgängen muss die Frage gestellt werden, warum Turbine es versäumt hat, längerfristig zu planen und frühzeitig Verträge zu verlängern. Offensichtlich gelingt es dem Traditionsklub nicht, anders als etwa Frankfurt, Spielerinnen langfristig zu binden. Das hat sicherlich finanzielle Gründe, aber vermutlich nicht nur.

Massenexodus die Folge von langjährigen Versäumnissen?

Schon länger wird bemängelt, dass die Trainings-Standards von Turbine hinter denen der Konkurrenz zurückbleiben. Auch, was das Team hinter dem Team angeht, sind Teams wie Hoffenheim deutlich besser aufgestellt, von einer eigenen Sportpsychologin, wie die Kraichgauer sie mit Birgit Prinz haben, können sie in Potsdam nur träumen. Das erschwert natürlich die Überzeugungsarbeit bei neuen Spielerinnen, wirft aber auch die Frage auf, ob nicht in der Vergangenheit andere Prioritäten hätten gesetzt werden müssen.

Neben dem Spielfeld im Karl-Liebknecht-Stadion läuft es ebenfalls nicht rund, wegen Differenzen mit dem Vorstand um die Entlassung von Sofian Chahed hat der umstrittene Präsident Rolf Kutzmutz sein Amt niedergelegt. Wer den vakanten Posten erhalten soll oder wann eine Wahl stattfindet, dazu herrscht bisher noch Stillschweigen. Der neue Trainer Sebastian Middeke, vom SV Meppen geholt, hätte einfachere Bedingungen zum Start vorfinden können.

Besonders Bundesliga-Abgänge tun weh

Die Abgänge von Turbine hatte es zu verschiedenen Vereinen gezogen, ob nach Schottland (Gina Orschmann), Schweden (Gina Chmielinski), England, Spanien, in die Schweiz oder zu einem anderen Bundesliga-Club. Die Wechsel in das Ausland schmerzen die Bundesliga allgemein sicherlich, die Wechsel innerhalb der Liga dagegen tun Turbine besonders weh.

Allen voran der Transfer von Top-Torjägerin Selina Cerci, die sich mit dem 1.FC Köln einem Klub anschließt, der die letzte Saison drei Tabellenplätze hinter Potsdam beendete. Aber während Köln Ambitionen zeigt und nach einer gelungenen ersten Saison nach dem Aufstieg nun angreifen will, scheint Potsdam eher den Ruf eines sinkenden Schiffs zu haben. Das ist vielleicht die größte Aufgabe, vor der der neue Präsident oder die neue Präsidentin stehen wird.

Zum Großteil junge Spielerinnen geholt, wenig Bundesliga-Erfahrung

In der Zwischenzeit müssen die neuen Spielerinnen integriert werden. Zu den elf externen Zugängen kommen vier Spielerinnen, bei denen das nicht ganz so schwierig wird: Sie kommen aus Turbines zweiter Mannschaft - und sind dementsprechend größtenteils jung. Auch viele der anderen Neuzugänge sind eher in der Kategorie "Talent" einzustufen, von den 15 neuen Spielerinnen in Turbines erstem Team sind neun 22 Jahre alt oder jünger.

Mit Amber Barrett (vorher Köln), Noemi Gentile und Adrienne Jordan (beide vorher SC Sand) kommen nur drei Spielerinnen von Klubs, die letzte Saison in der Bundesliga gespielt haben. Die anderen kommen aus den unteren Spielklassen oder auch aus der Serie A oder der japanischen oder polnischen Liga. Es ist ein bunter Mix, von dem wenig erwartet wird - vielleicht können sie trotzdem oder gerade deswegen für eine Überraschung sorgen.

Radikaler Umbruch ein Ende und ein Anfang zugleich

Angesichts der finanziellen Lage und der Bedingungen wird sich Turbine vermutlich aber langfristig damit abfinden müssen, nicht mehr zur Spitze zu gehören. Wenn die Professionalisierung weiter voranschreitet, mehr Geld in die Bundesliga kommt, wie so oft gefordert, und vielleicht auch, wie in der englischen Liga, höhere Hürden für die Teilnahme an der ersten Liga gestellt werden, dann wird es Turbine nicht leichter haben.

Eins ist wahrscheinlich: Dass dieser Sommer im Rückblick als endgültiger Endpunkt der Turbine-Hochzeit gesehen werden wird, das Ende einer Ära und der Anfang einer neuen, wie auch immer sie aussehen mag.


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