Frauen-Bundesliga

Kommentar: Kutzmutz-Rücktritt zeigt, dass das Problem bei Potsdam über den Präsidenten hinausgeht

Helene Altgelt
Sofian Chahed durfte trotz einer starken Saison nicht weitermachen
Sofian Chahed durfte trotz einer starken Saison nicht weitermachen / Frederic Scheidemann/GettyImages
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Am gestrigen Mittwoch gab Ralf Kutzmutz überraschend seinen Rücktritt als Präsident von Turbine Potsdam bekannt. Der vielleicht noch überraschendere Teil der Meldung war der Grund für seinen Rücktritt: Kutzmutz erklärte, dass er sich gegen die Trennung von Trainer Sofian Chahed ausgesprochen habe, sich damit aber nicht durchsetzen konnte.


Überraschende Trennung von Chahed trotz starker Saison

Letzte Woche hatte der Bundesligist das "einvernehmliche Ende der Zusammenarbeit" mit Chahed kommuniziert. Nun stellt sich also heraus, dass die Trennung wohl doch nicht so einvernehmlich war, wie es zunächst klang. Unter Chahed hatte Turbine erneut den dritten Platz, der zur Teilnahme an der Champions League berechtigt, verpasst. Trotzdem wäre es fatal, die Saison als eine Enttäuschung zu bezeichnen: Im Sommer 2021 hatte Potsdam noch erklärt, es gebe kein klares Saisonziel, der dritte Platz sei kein Muss. 

Zunächst lag Potsdam trotzdem – oder vielleicht auch deswegen – auf Kurs für die Champions League, hatte über weite Teile der Hinrunde drei Punkte Vorsprung auf Eintracht Frankfurt und dazu die bessere Tordifferenz. Auch Härtetests wie die Spiele gegen Hoffenheim (vier Punkte) bestand das junge Team von Chahed, gegen Bayern wurde in der Hinrunde ein Remis geholt.


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Im Frühling 2022 wendete sich das Blatt, Toptorjägerin Selina Cerci verletzte sich schwer und die Nervosität war Potsdam zunehmend anzumerken. Das entscheidende Spiel gegen Frankfurt, das Saisonfinale gegen Bayern und das Pokalfinale gingen verloren, die letzten beiden auch recht deutlich. Die Chancen auf den internationalen Wettbewerb und das damit verbundene dringend benötigte Geld (300.000 Euro für die Teilnahme an der Gruppenphase) oder auf einen Titel waren dahin. 

Entscheidung scheint von Emotionen und Hysterie geleitet

Dass dieses bittere Saisonende einen schalen Nachgeschmack hinterlässt, ist verständlich. Aber eine Klubführung sollte sich nicht von solchen Emotionen leiten lassen. Es scheint, als wäre das Urteilsvermögen des Potsdamer Vorstands getrübt von den noch frischen Wunden der Niederlagen. Wer aber die Saison als Ganzes betrachtet, wird sich mit der Diagnose von Chahed als Hauptschuldigen schwertun.

Man kommt nicht umhin, eine gewisse Heuchelei darin festzustellen, zunächst die Champions League nicht als Ziel auszugeben, nur um dann den Trainer dafür zu entlassen, dass er nah dran war, aber am Ende gescheitert ist. Dazu kommt, dass noch im Dezember sein Vertrag bis 2025 verlängert wurde. Hätte Chahed bleiben dürfen, wenn Potsdam eine solide Saison gespielt hätte und stets einen Rückstand von einigen Punkten auf den dritten Platz gehabt hätte? In dem Fall hätten Champions-League-Träume wohl kaum eine Form angenommen, die Enttäuschung wäre ausgeblieben. 

Aber dass diese Hoffnung überhaupt entstehen konnte, ist Chahed hoch anzurechnen. Er hatte ein junges Team zur Verfügung, zweifellos talentiert, aber eben auch mit vielen Rohdiamanten ausgestattet. Chahed hat es geschafft, ein schlagkräftiges Ensemble zu formen und das Spiel von Talenten wie Melissa Kössler, Gina Chmielinski oder Sara Agrez auf ein anderes Level zu heben.

Am Ende hat sich gezeigt, dass Frankfurt den erfahreneren und individuell besseren Kader hat, aber Chahed hat die Möglichkeiten von Potsdam maximiert. Der Dank für seine gute Arbeit ist die Entlassung – das wirft kein gutes Licht auf die Klubführung. 

Versäumnisse der Führung: keine langfristige Planung, strukturelle Probleme

Deren Versäumnisse werden durch seine Entlassung und Kutzmutzs Rücktritt überdeckt. Dabei sind die Fehler der Potsdamer Führung offensichtlich und gravierend: Elf Verträge laufen im Sommer aus, darunter die von so gut wie allen Leistungsträgerinnen dieser Saison. Vor diesem Hintergrund muss die Frage gestellt werden, warum eine langfristigere Planung versäumt wurde. Darauf zu setzen, dass Spielerinnen mit der vagen Aussicht auf die Champions League verlängern würden, ist naiv.

Keine Frage, die Bedingungen sind für Potsdam schwierig. Wenig Geld, keine optimalen Trainingsbedingungen und die meisten Spielerinnen arbeiten nebenbei: All das macht Turbine im Vergleich zu Konkurrenten wie Wolfsburg und Hoffenheim wenig attraktiv. Diese Probleme sind aber nicht neu, sie werden schon seit Jahren benannt. Auch Kutzmutz betonte immer wieder, Potsdam brauche bessere Bedingungen und müsse professioneller werden. Geredet wurde viel, verändert hat sich wenig. 

Kemme kritisierte verkrustete Strukturen und Seilschaften

Die Versprechen von Kutzmutz waren groß, als er seinen Posten 2021 gegen Potsdams ehemalige Spielerin Tabea Kemme verteidigen musste. Kemme ging in die Offensive, kritisierte die verkrusteten Strukturen im Verein, wollte vieles umkrempeln, damit der Klub wettbewerbsfähig bleiben würde. Vielen war das zu radikal, sie sahen sich auf einem guten Weg und blickten mit Skepsis bis hin zu Herablassung auf diese Newcomerin, die plötzlich für Veränderung warb. 

Tabea Kemme
Tabea Kemme wollte die verkrusteten Strukturen im Verein aufbrechen / Matthias Hangst/GettyImages

Kemmes mangelnde Erfahrung im Sportmanagement wurde im Wahlkampf heftig kritisiert, ihr wurde vorgeworfen, dass sie nicht genug Expertise für den Posten besitze. Der Wahlkampf artete in eine Schlammschlacht vonseiten der alteingesessenen Kutzmutz-Befürworter aus. In einem Artikel kurz vor der Wahl warfen sie Kemme vor, sie habe eine Zusammenarbeit abgelehnt und würde versuchen, gegen, statt mit dem Klub zu arbeiten. Der Klub verhinderte zudem die Möglichkeit einer Briefwahl, die es mehr Mitgliedern ermöglicht hätte, abzustimmen

Kemme verlor die Wahl knapp und zeigte sich daraufhin enttäuscht und desillusioniert von dem Verein, für den sie zwölf Jahre lang gespielt hatte. Seilschaften, Intransparenz, die Schmutzkampagne: Potsdam ist für Kemme ein Verein mit einem harten Kern an Mitgliedern, die keine Kritik annehmen. Input und Ideen für Veränderungen seien nicht gewollt. 

"Ich war ein rotes Tuch im System", sagt sie rückblickend. Kutzmutz dagegen zeigte sich nach der Wahl erfreut und erklärte, er wolle im Grunde dasselbe wie Kemme und würde den Verein weiter modernisieren. Davon ist heute wenig zu sehen. Potsdam hat offensichtlich nicht langfristig geplant, finanziell steht es schlecht um den Verein, der sich selbst ein neues Maskottchen nicht leisten kann. Die Trainingsbedingungen sind kaum besser geworden, Potsdam fällt immer noch als Verein auf, bei dem übermäßig viele Verletzungen auftreten. Viele ehemalige Spielerinnen – darunter Kemme – haben früh ihre Karriere beendet. All das Indizien dafür, dass die medizinische Abteilung dringend verstärkt werden müsse.

Bei Problemen träge, bei Trainerentlassung überstürzt

Statt sich auf diese drängenden Probleme zu konzentrieren, zerfleischt sich Potsdam in internen Querelen. Wer die Nachfolge von Chahed antritt, ist noch nicht klar, in jedem Fall steht der oder die Neue vor einer Herkulesaufgabe. Der Umbruch muss gemeistert werden, aber nicht nur sportlich scheint der Posten herausfordernd.

Wer bei Potsdam anheuert, hat es mit einem Klub zu tun, bei dem nicht nur ein alter Präsident Veränderungen ablehnte, sondern eine ganze Riege an Funktionären. Die Klubführung war bei dem Anpacken von Potsdams Problemen träge und bei Chaheds Entlassung überstürzt. Der Sieg von Kutzmutz gegen Kemme war, das zeigt sich nun erneut, nur die Spitze des Eisbergs.


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