90min
facebooktwitterinstagramyoutuberss

Michael Zorcs Vize-Ansage offenbart, was BVB und FC Bayern wirklich voneinander unterscheidet

Roman Buerki
Es ist keine sportliche, sondern eine mentale Komponente, die Dortmund und Bayern unterscheidet | Pool/Getty Images

Während die Meisterschaft aller Voraussicht nach wieder an den FC Bayern geht, muss sich Borussia Dortmund zum wiederholten Male nur mit Platz zwei begnügen. Im direkten Aufeinandertreffen am Dienstag entschieden Nuancen über Sieg oder Niederlage, an diesem Wochenende wurde dagegen deutlich, wieso es für den BVB wieder nur zum Vize-Titel reicht. Es ist keine sportliche, sondern eine mentale Komponente.

Schon unmittelbar nach der 0:1-Pleite gegen die Bayern waren die Hoffnungen auf die erste Meisterschaft seit 2012 dahin. Sowohl Abwehrchef Mats Hummels als auch Mittelfeldspieler Emre Can, der wenige Tage vor dem wichtigsten Saisonspiel betonte, er sei nicht nach Dortmund gekommen, um Zweiter zu werden, waren sich bewusst, dass sieben Punkte Rückstand auf einen Gegner, der sich in einer herausragenden Verfassung befindet, wohl kaum aufzuholen sind.

Vor dem Auswärtsspiel beim SC Paderborn, das der BVB dank einer Leistungssteigerung nach dem Seitenwechsel klar mit 6:1 gewann, wich auch Sportdirektor Michael Zorc in der Meister-Frage aus. Im Gespräch mit Sky sagte er (zitiert via reviersport): "Wir stehen auf Platz zwei und werden alles daran setzen, diesen Platz zu verteidigen und so schnell wie möglich die Qualifikation für die Champions League zu erreichen. Wir wollen am Ende auf Platz zwei stehen."

Das Warten auf große Taten

Dortmund gibt sich mal wieder mit der Vizemeisterschaft zufrieden. Dabei wurde nach der vergangenen Saison zur Attacke geblasen. Es könne nur das Ziel sein, um den Titel zu spielen, sagte Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke. Nachdruck verliehen wurde dieser Kampfansage mit den Transfers von Thorgan Hazard, Julian Brandt und Nico Schulz. Und trotz einer wackeligen Hinrunde war man auch wieder dran am Branchenprimus aus München, auf den man bis auf einen Zähler hätte heranrücken können - wenn da nicht das Tor von Joshua Kimmich gewesen wäre. Gegen abgezockte Bayern machte Schwarz-Gelb aus den gebotenen Räumen insgesamt zu wenig, ernsthaft wurde Manuel Neuer kaum geprüft. Wieder musste man sich dem Rivalen beugen.

FBL-GER-BUNDESLIGA-DORTMUND-BAYERN MUNICH
Der BVB lässt in wichtigen Momenten zu oft nach | FEDERICO GAMBARINI/Getty Images

Sportlich befinden sich beide Mannschaften auf einem ähnlichen Niveau. Allerdings leidet der BVB seit Jahren an einem Kopfproblem. Vor und während einer Saison sowie vor den Spitzenspielen gegen Bayern folgen große Worte. Man könne den Gegner schlagen, man habe die Qualität, um Meister zu werden, man brauche aber auch den Mut. Doch genau das ist das eigentliche Problem: Wenn es ernst wird, knickt die Mannschaft ein.

Die Bilanz seit 2015 ist erschreckend: Dortmund gewann nur zwei von zehn Bundesliga-Duellen gegen die Münchner, die ihrerseits sieben Mal als Sieger vom Platz gingen. Eine noch eindeutigere Sprache spricht das Torverhältnis von 30:7. Besonders pikant: In den letzten drei Begegnungen blieb Dortmund torlos und kassierte zehn Gegentore.

Der FC Bayern macht vor, wie es geht

Auch der Rekordmeister hat keine überragende Saison gespielt. Nach der 1:2-Niederlage am 14. Spieltag gegen den damaligen Tabellenführer Borussia Mönchengladbach betrug der Rückstand sieben Punkte. Nach diesem 29. Spieltag sind es allerdings die Bayern, die die Tabelle mit sieben Zählern Vorsprung anführen. Das Erfolgsgeheimnis: Trotz der brutalen nationalen Dominanz lassen die Spieler nie nach, sie geben immer 100 Prozent, getrieben von dem unbändigen Willen, den maximalen Erfolg herauszuholen - in jedem Spiel wie in jeder Saison.

Joshua Kimmich
Der FC Bayern macht in diesem Jahr wieder einmal vor, wie Meisterkampf geht | Pool/Getty Images

"Weiter, immer weiter" lautet ein Grundsatz, der von Oliver Kahn im Meisterschaftsfinale 2001 geprägt wurde. Genau diese Einstellung war auch am Samstag gegen Fortuna Düsseldorf zu spüren. Gegen einen Abstiegskandidaten spielten die Bayern über 90 Minuten so druckvoll, als stünden sie am letzten Spieltag mit dem Rücken zur Wand. Die Mannschaft ist extrem konzentriert und eilt von Sieg zu Sieg, bis ihr der Titel nicht mehr zu nehmen ist. Dortmund hingegen lässt nach dem ersten Rückschlag die Köpfe hängen und nimmt sich selbst aus dem Rennen.

Der BVB muss das Klopp-Trauma überwinden

Selbstverständlich ist es wichtig, einen Blick in den Rückspiegel zu werfen, solange Gladbach, Leverkusen und Leipzig dicht dran sind und zu dritt um die übrigen beiden Champions-League-Plätze kämpfen. Aber wenn die Bundesliga wieder spannend werden soll, muss der BVB den Mut, der immer angepriesen wird, auch auf den Platz bringen. Große Worte führen nicht zum Erfolg. Es sind Taten. Die Mannschaft muss in jedem Spiel kämpfen und Ehrgeiz, Leidenschaft sowie den absoluten Siegeswillen ausstrahlen.

Man wird nicht Meister, wenn man mal die Bayern schlägt. Man muss ihnen im Fernduell die Stirn bieten, man darf sich keine Ausrutscher gegen kleine Mannschaften erlauben, und man muss im direkten Aufeinandertreffen alles in die Waagschale werfen. Doch es ist genau diese Mentalität, die seit dem Weggang von Jürgen Klopp fehlt. Das Trauma, das mit der Trennung vor mittlerweile fünf Jahren einherging, muss überwunden werden. Sonst wird man bald endgültig als der ewige Zweite abgestempelt.