Frauen-EM

Das Medienecho der EM in den Teilnehmerländern: Underdogs, lachende und weinende Augen, Enttäuschung

Helene Altgelt
Germany - Press Conference And Training Session: Final - UEFA Women's EURO 2022
Germany - Press Conference And Training Session: Final - UEFA Women's EURO 2022 / Naomi Baker/GettyImages
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"Es ist ein Team mit vielen Stars und doch keinen" - das war laut Guardian einer der Gründe für den vielumjubelten englischen Finalsieg. Aber wie sieht es in einigen anderen Teilnehmerländern aus, wie wurden die Leistungen des Nationalteams bewertet?

Die Underdogs

Nordirland

Nordirland ging als größter Underdog von allen in das Turnier: Erste EM-Teilnahme, niedrigster Weltranglistenplatz, wenige Spielerinnen, die den Fußball professionell betreiben. Dementsprechend tief waren die sportlichen Erwartungen, aber Nordirland gelang das historische erste Tor - die Presse war begeistert davon und auch von den nordirischen Fans, die über die drei Spiele der Gruppenphase ihre volle Unterstützung zeigten. Von dem Turnier wird sich auch ein längerer Effekt versprochen:

"Auch wenn die Sonne über der nordirischen EM-Odyssee bereits untergegangen ist, ist der Traum noch nicht ausgeträumt; das Nachleben dieses Turniers wird noch jahrelang weitergehen."

Irish News

Portugal

Auch in Portugal waren die Medien nach der 0:5-Niederlage gegen Schweden, die das Aus in der Gruppenphase besiegelte, optimistisch. Die Klatsche zum Ende des Turniers überschattete nicht die starken Leistungen, die Portugal in den beiden Gruppenspielen zuvor gezeigt hatte. Und da das Team erst später nachgerückt war, glaubten viele, es sei noch mehr möglich gewesen.

"Die von Portugal gezeigte Qualität unterstreicht die Gewissheit, dass der Abstand zu den europäischen und den Weltmächten in den kommenden Jahren immer kleiner wird. Portugal verlässt das Land in Ehren, und es gibt eine Garantie: Die Nationalmannschaft wird weiterhin auf den großen Bühnen zu sehen sein. "

A Bola

Die Enttäuschten

Norwegen

Keine Frage: Norwegen war die Enttäuschung der EM, und das nicht nur wegen des 0:8 gegen die späteren Europameisterinnen. Auch in den anderen Spielen wurden die Hoffnungen auf eine Leistungssteigerung gerade rechtzeitig zum Turnier nicht erfüllt, Ada Hegerbergs Rückkehr konnte wenig verwunderlich nicht alle Probleme lösen. Die norwegischen Medien gingen mit Team und vor allem Trainer hart ins Gericht:

"Die norwegischen Spielerinnen tun mir so leid. Ich habe noch nie einen Trainer erlebt, der das Potenzial einer Mannschaft stärker hemmt als das, was wir hier sehen. Ein vorhergesagtes Desaster."

Carl-Erik Torp (NRK)

Italien

Auch für Italien, vor dem Turnier als Geheimfavorit gehandelt, war die EM eine Enttäuschung. Die Gruppe wäre eigentlich machbar gewesen, aber mit nur einem Punkt fuhr die Squadra Azzurra wieder nach Hause. Als einen Grund dafür machten die italienischen Medien die 1:5-Klatsche gegen Frankreich aus:

"Das Spiel ist vorbei. Die Europameisterschaft der Frauennationalmannschaft ist bereits vorbei (...) Das größte Bedauern ist, dass diese von Frankreich dominierte Gruppe in Reichweite Italiens lag, das stattdessen in England mit zu vielen Spielern ankam, die nicht 100%ig fit waren und für eine mentale Schwäche bezahlten, die wahrscheinlich durch das albtraumhafte Debüt mit Frankreich verursacht wurde."

Gazzetta dello Sport

Die mit dem lachenden und dem weinenden Auge

Frankreich

Frankreich scheiterte im Halbfinale erneut daran, endlich das erste Finale in der Geschichte zu erreichen. Bemängelt wurde von den französischen Medien besonders die Chancenverwertung, aber da Stürmerin Marie-Antoinette Katoto sich in der Vorrunde verletzt hatte, wurde das als verständlich bewertet. Zudem wurde der bessere Trainingsstil von Trainerin Diacre gelobt und spielerisch zeigten sich Les Bleues verbessert im Vergleich zur WM 2019, sodass das Medienecho mild ausfiel, aber auch von einer verpassten Chance gesprochen wurde.

"Die französische Nationalmannschaft wird zwar keinen ersten Titel in ihrem Koffer mit nach Hause nehmen, aber sie hat dennoch einen Meilenstein erreicht. Zum ersten Mal seit den Olympischen Spielen 2012 in London hat sie die gläserne Decke des Viertelfinales durchbrochen. Nun sind alle Augen auf die Weltmeisterschaft 2023 (20. Juli bis 20. August) gerichtet, die in Australien und Neuseeland ausgetragen wird."

Le Monde

Belgien

Bei Belgien war das lachende Auge vermutlich noch größer als das Weinende - denn allein das Erreichen des Viertelfinals gegen Schweden war ein großer Erfolg. In dem Spiel waren sie dann unterlegen, die Art und Weise der Niederlage - ein Tor nach Verwirrung im Strafraum in der Nachspielzeit - war dennoch unglücklich. Nach dem Ausscheiden war vor allem die Professionalisierung des belgischen Fußballs ein Thema, die starke Torhüterin Nicky Evrard sagte nach dem Ausscheiden: "Schweden ist eine Mannschaft voller Profis, und nicht jeder in unserer Mannschaft ist ein Profi. Stellen Sie sich vor, wir wären es. Ich hoffe, sie machen die nächsten Schritte, um den Frauenfußball in Belgien zu verbessern.". Die Medien bedauerten, dass ein Halbfinale nicht zustandekam, waren aber voller Lob für die Mannschaft.

"In der Schlussphase fiel der Vorhang für die Flames. Logisch, wenn man das Kräfteverhältnis bedenkt, aber brutal, wenn man den Zeitpunkt bedenkt. Ein Halbfinale gegen England wäre möglich gewesen. Belgien kann auf jeden Fall auf eine erfolgreiche Europameisterschaft zurückblicken."

De Standaard

Die Sieger

Deutschland: Sieger der Herzen

Dass Deutschland zwar nicht mit einer Goldmedaille heimgefahren ist, aber trotzdem Sieger der Herzen ist, wurde der Moderator bei der anschließenden Feier am Frankfurter Römer nicht müde zu betonen. So sahen es auch die meisten deutschen Medien, die das Team für ihre aufopferungsvollen Leistungen und gleichzeitige spielerische Klasse lobten. Das Finale sei verloren, auch wegen der Ausfälle von Bühl und Popp, aber Deutschland könne mit erhobenem Kopf nach Hause fahren und optimistisch in die Zukunft blicken, so der Tenor.

"Es war deshalb so emotional, weil alles auch ganz anders hätte kommen können. Das ist im Fußball öfter so, an diesem Abend aber besonders. (...) Vielleicht gab es an diesem Abend ja sogar zwei Gewinner – oder zumindest keine Verlierer."

Zeit Online

England

Im Mutterland des Fußballs dagegen wurde besonders die gesellschaftliche Bedeutung des Sieges hervorgehoben, außerdem die Mentalität der Mannschaft, die sich vom Ausgleich nicht beirren ließ. Tatsächlich zeigen die Kartenverkäufe für die nächste Saison einen klaren EM-Effekt, einige Klubs haben bereits gemeldet, die Dauerkarten seien ausverkauft.

"Zum ersten Mal sang gestern Abend im Wembley-Stadion ein Heimpublikum seine Lieblingsfußballhymne, und zwar nicht in der Hoffnung, sondern im Siegesrausch. Der Fußball ist gestern Abend nach Hause gekommen, und er hat sicherlich nicht den einfachen Weg zurück gefunden. Aber die Art und Weise, wie er dorthin gekommen ist, hat den letzten Schliff zu den unglaublichen dreieinhalb Wochen gegeben, nicht nur für den Frauenfußball, sondern für die Frauensportbewegung in England."

The Times

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