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Löw vermeidet konkretes EM-Ziel: Angst vor einer Blamage?

Yannik Möller
Bei der Bekanntgabe des EM-Kaders rief Löw kein konkretes Ziel aus
Bei der Bekanntgabe des EM-Kaders rief Löw kein konkretes Ziel aus / Pool/Getty Images
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Am Mittwoch hat Bundestrainer Joachim Löw den 26-köpfigen Kader für die anstehende Europameisterschaft bekanntgegeben. Diese Auswahl sorgte natürlich für viel Aufmerksamkeit. Etwas untergetaucht ist das Vermeiden seitens des Coaches, ein konkretes Ziel zu nennen. Dabei ist die Angst bei einer dann möglichen Blamage völlig unnötig.


Den Kader für die in wenigen Wochen anstehende Europameisterschaft hat Joachim Löw mit bestem Gewissen ausgewählt. An der ein oder anderen Personalie oder Position scheiden sich zwar die Geister - wie es normal ist. Doch schlussendlich stellt die Deutsche Nationalmannschaft ein sehr starkes Team.

Ein Team, mit dem der Bundestrainer bei seinem letzten Turnier so viel Erfolg haben möchte, wie nur möglich. Was das für ihn bedeutet, wie er das definiert, das hat er aber absichtlich außen vor gelassen. Eine konkrete Zielsetzung, etwa das Festlegen auf das Erreichen des Halbfinales als Benchmark, fehlte bei seiner Pressekonferenz komplett.

Stattdessen erklärte er: "Wir wissen schon, dass wir unsere Fans wieder überzeugen müssen mit guten Leistungen. Wir wollen eine Mannschaft, die vor Ehrgeiz sprüht, die vor Energie sprüht - die auch das Gefühl den Fans vermittelt, dass da eine Einheit auf dem Platz steht."

Kimmich, Neuer und Co. spielen nicht nur aus Spaß - Löws Ziel-Vermeidung wirft Fragen auf

Dabei ist es unverständlich, wieso eine konkretere Zielsetzung vermieden wird. Und das aus vielerlei Hinsicht. Einerseits ist klar: Es wird die letzte Amtshandlung von Löw sein. Sein letztes Wirken als Bundestrainer und das bei einem großen Turnier. Er hat nichts mehr zu verlieren. Falls er sich Sorgen macht, sein Ansehen als Trainer könnte durch das Nicht-Erreichen von Ziel X gefährdet sein - nach der Weltmeisterschaft 2018 sollte das wohl kein Thema mehr sein müssen.

Für Motivation und für Ehrgeiz hätte das Ausgeben eines Ziels sorgen können. Er möchte ja eine Mannschaft sehen, die "vor Ehrgeiz sprüht". Das tun Spieler wie Joshua Kimmich, Manuel Neuer und Co. aber wohl deutlich weniger, wenn ihr Ziel ist, bei den Fans und Zuschauern nur auf möglichst wenig Kritik zu stoßen.

Joshua Kimmich
Ein Ehrgeiz-Bündel wie Joshua Kimmich wird sich hohe Ziele stecken / Pool/Getty Images

Natürlich ist es von großer Bedeutung, dieses Team wieder näher an die Fans zu bekommen. Sowohl wortwörtlich, also eine nahbarere Elf. Als auch sprichwörtlich, indem wieder ein unterhaltsamer Fußball gezeigt wird. Anzunehmen ist auch, dass dieser erfolgreich sein soll. Mit guten Leistungen und einem potenziellen Gruppen-Aus wäre wohl niemand zufrieden. Auch Löw nicht, obwohl man seine Aussagen etwas überspitzt zu einem solchen Szenario wiedergeben kann.

Nach der bereits angesprochenen letzten WM und diesem desaströsen Ausscheiden und einer anschließend sehr durchwachsenen Nations League, scheint die Angst vor einer erneuten Blamage vorzuherrschen. Gibt man ein Ziel aus, beispielsweise das Halbfinale, kann dies auch verfehlt werden.

Dann wäre das Team aber nicht per se gescheitert, denn das würde man an den Umständen abmachen. Gleichzeitig verhindert man aber eine offenbar befürchtete Blamage nicht, indem man einfach keine Turnier-Runde angibt, die man potenziell verfehlt. Ein Gruppen-Aus wäre eine solche Peinlichkeit, egal wie stark die Gegner sind. Es ist immer noch die Deutsche Nationalmannschaft. Die oft zitierte Turnier-Mannschaft.

Joachim Löw
Joachim Löw sieht die Verbindung zu den Fans als Primärziel bei der EM / Alex Grimm/Getty Images

Löw verzichtet also freiwillig auf einen höchstwahrscheinlich motivierenden Aspekt. Zum Spaß fährt keiner dieser berufenen Spieler zur EM. Nur um den Fans zu gefallen, in dem man "als Einheit" auftritt ebenso wenig. Wer dieses Logo auf der Brust trägt, der will Erfolg haben. Das will der Bundestrainer auch, das ist keine Frage.

Nichtsdestotrotz wirft diese kommunikative Entscheidung schon jetzt Fragen auf. Zu hoffen bleibt, dass er dieses Vorgehen intern vor der Mannschaft korrigiert. Für Motivation und die richtige Stimmung sorgt er so zumindest nicht.

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