Lena Ostermeier im Porträt: Multitalent, Führungsspielerin, Dauerbrennerin

Lena Ostermeier steht wie kaum eine andere für das Konzept der SGS Essen. Ostermeier bringt konstant starke Leistungen auf ihrer linken Abwehrseite und bleibt der SGS bereits treu, seit sie 16 Jahre ist. Sie hat sich zu einer Führungsspielerin entwickelt - und ist daneben mit ihrem Doktortitel in Chemie mehr als nur eine Fußballspielerin.
Lena Ostermeier (rechts) im Duell mit Giulia Gwinn
Lena Ostermeier (rechts) im Duell mit Giulia Gwinn / Mark Wieland/GettyImages
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In den Fußball gibt es viele verschiedene Wege, oder zumindest in die Frauen-Bundesliga. Manche spielten noch sehr lange in einer Jungenmannschaft, andere waren von klein auf bei den Mädchen oder wechselten früh zu einem großen Klub, um dort den Durchbruch zu schaffen. Andere landeten erst sehr spät in der ersten Liga - oder sie wären fast gar nicht in der ersten Liga gelandet.

Lena Ostermeier zählt wohl zu der letzten Gruppe. "Wahrscheinlich würde ich heute nicht auf dem Niveau spielen, wenn es Essen nicht gäbe", sagt sie im 90min-Interview. Die 27-Jährige kam schon vor elf Jahren zur SGS, aber Fußball sollte für sie nie ein Beruf werden, sondern ein Hobby - ein Hobby, das sie auf hohem Niveau ausübt. Stattdessen lag der Fokus von Ostermeier immer auch auf ihrer beruflichen Laufbahn. Sie ist nicht nur eine starke Bundesligaspielerin, sondern hat auch im vergangenen Jahr ihren Doktortitel in Chemie an der TU Dortmund bekommen.

"Es kann im Fußball super schnell gehen", sagt Ostermeier - mit Verletzungen und Abstiegen ist es ein kurzlebiges Geschäft. Und außer Essen war schlicht kein anderer Verein in der Nähe, als sie in der U17 bei einem höheren Klub spielen wollte: "Damals habe ich immer einen weiten Weg mit Bus und Bahn nach Essen gemacht. Während der Schulzeit wäre es einfach nicht möglich gewesen, es irgendwie anders zu organisieren", sagt sie. Ein Beispiel, das zeigt: Viele haben wohl noch weitere Wege als Ostermeier damals - und entscheiden sich dann womöglich gegen den Fußball.

Starke Identifizierung mit Essen - erneut Überraschungsteam

Für Ostermeier ist Essen nach elf Jahren längst mehr als nur eine Station in der Fußballkarriere. "Würden wir uns nicht mit dem Verein identifizieren, dann würden wir nicht da spielen", sagt sie: Die SGS ist aktuell der einzige Klub in der Frauen-Bundesliga, der nicht durch das Profigeschäft der Männer bezuschusst wird. Die aktuelle Saison hat Essen erneut die Erwartungen übertroffen - wie schon so oft in den Jahren zuvor.

Und wenn Überraschungen wieder und wieder passieren, dann ist das kein bloßer Zufall, sondern das Resultat konstant guter Arbeit. Essen liegt kurz vor dem Saisonfinale sogar vor dem Champions-League-Aspiranten Hoffenheim, der vor der Saison bedeutend größere Ambitionen hatte, und auch ganz andere finanzielle Mittel. Zum Ende der Saison erwischte Essen einen wahrhaftigen Flow, und auch wenn ein wenig Spielglück dabei war, wie Ostermeier einräumt, gibt es genug Grund zum Stolz.

"Am Anfang haben alle gesagt, wir sind der Abstiegskandidat Nummer eins. Aber wir zeigen dieses Jahr gut, dass wir, auch wenn wir nicht diesen Luxus von anderen Vereinen haben, ganz gut mithalten können, weil wir einfach unseren Stiefel runter spielen", erklärt sie. Die Gründe dafür? Das Team versteht sich auch neben dem Platz sehr gut, außerdem konnte Essen durch neue Impulse im Trainerteam frischen Wind hereinbringen.

Ostermeier vom Talent zur Führungsspielerin gereift

Aber der wichtigste Faktor ist wohl Essens Erfolgsrezept - die Mischung aus erfahrenen Spielerinnen und jungen Talenten. Lena Ostermeier ist eine gute Spielerin, um den Essener Weg zu erklären, denn sie wurde bei der SGS von einer 16-jährigen Bundesliga-Debütantin zu einer unumstrittenen Stammspielerin und Führungsspielerin.

Ihre Rolle im Team hat sich stark verändert, wie Ostermeier sagt: "Am Anfang war ich ja die junge Spielerin, die kaum was gesagt hat und mittlerweile ist das komplett gekippt. Wir versuchen mittlerweile als erfahrene Spielerinnen, die Jungen irgendwo abzuholen, mitzunehmen und in die Mannschaft zu integrieren."

Persönlich und als Spielerin ist sie in den elf Jahren in Essen gereift, und ist nun aus dem Team nicht mehr wegzudenken. Die jungen Essener Talente - ehemals Oberdorf, Anyomi oder Dallmann, heute Piljić, Kowalski oder Elmazi - ziehen die meiste Aufmerksamkeit auf sich, aber es braucht auch erfahrene Spielerinnen als "Säulen".

Der Weg zur Führungsspielerin in Essen ist dabei kürzer als anderswo: Beke Sterner etwa, Ostermeiers Pendant auf der rechten Abwehrseite, hat mit 21 Jahren schon 87 Spiele für die SGS bestritten.

Neben Ostermeier ist auch die Kapitänin und Abwehrchefin eine klare Säule des Teams: Jacqueline "Jacky" Meißner spielt schon seit 2011 bei der SGS - von ihr würde Ostermeier sich gerne noch zwei fußballerische Fähigkeiten ausleihen: Die Kopfballstärke und die Schnelligkeit. "Manchmal denke ich mir, sie könnte mir ein bisschen davon abgeben", scherzt Ostermeier.

Lena Ostermeier, Beke Sterner, Markus Hoegner,
Abwehrbesprechung: Ostermeier, Beke Sterner und Jacqueline Meißner im Gespräch mit Coach Markus Högner / Juergen Schwarz/GettyImages

Wichtiger Bestandteil einer starken Defensive

An fußballerischem Talent mangelt es aber auch ihr nicht - auf ihrer linken Abwehrseite zeichnet sie sich durch ihre starke Zweikampfquote (61,5% diese Saison) und ihre Ausdauer aus. Die ist ein Essener Grundprinzip: "Wir kämpfen alle immer weiter, laufen immer weiter und hören erst dann auf, wenn der Schiri abgepfiffen hat. So entwickelt man einen Elan, es läuft einfach immer weiter und dann klappen auch offensiv teilweise Sachen, die vorher nicht geklappt haben", sagt die 27-Jährige.

Aber die Defensive ist mindestens genauso wichtig für Essens Erfolg, und das geht vermutlich etwas unter: Die SGS hat in der Liga nur ein Tor weniger kassiert als Pokalsieger VfL Wolfsburg, und insgesamt die drittwenigsten Gegentreffer (20). Aus der soliden Verteidigung heraus baut die SGS dann auf und kontert schnell - bei den direkten Angriffen liegt die Elf von Markus Högner ganz vorne. All das ist das Resultat von langfristiger Arbeit - Högner selbst erzählte im 90min-Gespräch mal von den Dreijahresplänen, die in Essen geschmiedet werden.

Solide Arbeit und familiäres Umfeld bei der SGS

Ostermeier erzählt, dass sich bei der SGS die Bedingungen verbessert haben - auch wenn sie an den "Luxus" der anderen Vereine noch nicht heranreichen: "Ein ganz großer Schritt war, dass wir jetzt unseren Trainingsplatz komplett nutzen können für uns, und nicht wieder von Trainingsplatz A zu B zu gurken müssen, um dann auszuweichen und dann zwischendurch noch mal auf Kunstrasen spielen müssen", erzählt sie.

Und ein Wort fällt immer wieder: "familiär." Bei Essen wird auf die Bedürfnisse der Spielerinnen eingegangen. Wenn Ostermeier in den stressigen Phasen ihrer Chemie-Doktorarbeit mal zu spät zum Training kam - kein Problem. Kurz: Essen und Lena Ostermeier, das passt einfach wie die Faust aufs Auge.

Aber einen Traum hat Ostermeier noch für die Zukunft: Den DFB-Pokal mit Essen gewinnen - denn die SGS stand schon zweimal im Finale, aber zog jeweils den Kürzeren. Besonders 2020 war die Niederlage dramatisch, als Essen nach einem wilden 3:3 im Elfmeterschießen gegen Wolfsburg verlor. Auch diese Saison war der VfL im Halbfinale Endstation, aber Ostermeier glaubt an den Pokal: "Aller guten Dinge sind drei!"

Die bisherigen 90min-Spielerinnen des Monats in der Frauen-Bundesliga: