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Stolz und Schande: Über die Dekadenz im Profifußball

Oscar Nolte
Anthony Modeste
Anthony Modeste / Frederic Scheidemann/GettyImages
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Das Geschäft Profifußball ist zu einer geschlossenen, florierenden Blase verkommen, die sich immer weiter von der Gesellschaft abspaltet. Das liegt nicht direkt an den unverschämten Summen, die in dieser Branche fließen. Es liegt an der Dekadenz, die mittlerweile vom geldgierigsten Funktionär bis hin zum einfachen, "geerdeten" Fußballprofi aus der Bundesliga reicht. Ein Kommentar.


FIFA-Präsident Gianni Infantino ist in vielen Augen der fleischgewordene Dämon des Kapitalismus im Fußball. Das liegt daran, dass der 52-Jährige in Sachen Profitgier seinem Vorgänger Sepp Blatter in nichts nachsteht und für ein paar knisternde Banknoten sogar Menschenrechte mit Füßen tritt.

Unlängst verteidigte er die Ausrichtung der WM in Katar mit zwei bemerkenswert weltfremden Argumentationen. Zum einen seien die Zahlen von Amnesty International (15.021 tote Mirgant*innen seit Vergabe der WM, 35 davon laut Katars Oberstem Ausschuss für Projektüberwachung im Zusammenhang mit der Vorbereitung der WM) völliger Humbug; lediglich drei Menschen hätten bislang ihr Leben verloren - na, wenn's nur das ist.

Zum anderen sprach Infantino voller Inbrunst darüber, wie die FIFA das Land mit der Vergabe der WM kulturell und infrastrukturell nach vorne bringt. Seine eigenen Eltern seien Migrant*innen gewesen, damals aus Italien in die Schweiz eingewandert. Er wisse daher darum, wie viel Stolz man den tausenden Menschen in Katar geben würde, indem man ihnen Arbeit verschafft. Dass die Arbeiter*innen unter menschenunwürdigen Bedingungen arbeiten, ignoriert Infantino getrost.

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FIFA-Präsident Gianni Infantino (l.) / FRANCOIS-XAVIER MARIT/GettyImages

So gerechtfertigt und notwendig die Kritik an Infantino und dem Weltverband FIFA auch ist: das ist nur die Spitze des Eisbergs. Die gesamte Branche Profifußball ist mittlerweile so weit von der Gesellschaft entrückt, dass selbst die sozial engagiertesten Profis den Bezug zur Realität völlig verloren haben. Der Sport ertrinkt in Dekadenz; und lebt dabei von denen, die unter der finanziellen Ungleichheit auf dieser Welt leiden.

Und dabei rede ich nicht von den Sonderfällen, denen es nicht reicht, zehn Luxus-Karossen in der Garage zu haben, sondern - so geschehen bei Neymar Jr., einem der bestbezahltesten Fußballern der Welt - sich noch einen personalisierten Helikopter anschaffen und damit fröhlich grinsend auf Instagram posieren, während das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf im eigenen Heimatland bei knapp 6.800 US-Dollar liegt.

Nein, ich rede vom gewöhnlichen Fußballprofi, der sich vielleicht sogar sozial engagiert, der "auf dem Boden geblieben" ist, wie man so schön sagt. Es sind die einfachen Profis, an denen sich die abgerückte und völlig wahnsinnige Dekadenz in der Blase Profifußball zeigt.

Unsere Lieblinge Anthony Modeste, Leon Goretzka und Co.: Total "am Boden geblieben"

Es ist eine Aussage von Anthony Modeste (Vertrag bis 2023 beim 1. FC Köln), die mir in diesem Zusammenhang nicht mehr aus dem Kopf geht:

"Ich glaube aber auch, dass viele Menschen wechseln würden, wenn ein besseres Angebot kommt. Wenn man in einem Supermarkt arbeitet und REWE zahlt mehr, würde man das doch auch machen. Das finde ich normal und verstehe nicht, warum es bei Fußballern ein so großes Problem ist. Ich bin nicht mehr so jung – meine Karriere ist bald vorbei. Deswegen muss ich mir Gedanken machen, meine Familie für die Zukunft absichern. Ja, wir Fußballer verdienen viel Geld, aber nicht ewig."

Inhaltlich ist diese Botschaft eine Maxime, die wir in dieser Form in fröhlicher Regelmäßigkeit hören. Von Max Kruse zum Beispiel. Von Spielern, die in die Wüste wechseln. Von zahlreichen Profis, die sich in Demut üben wollen und darauf verweisen, dass ihre Karrieren nicht ewig währen.

Es gibt natürlich auch noch die Antithese: Profis, die auf Gehalt verzichten, um ihrem Verein (Arbeitgeber) entgegen zu kommen und zu helfen. Das passiert aktuell zum Beispiel beim FC Barcelona, in der Corona-Pandemie bei jedem Bundesligisten. Wir feiern diese Profis für diese Aufopferung, wir lieben das Narrativ eines Profisportlers, der für seinen Herzensverein auf Geld verzichtet. Aber seien wir doch mal ehrlich: wir reden hier über Dimensionen, die jeglichen Rahmen schon lange gesprengt haben.

Am Ende ist es eine ganz einfache Rechnung.

Der durchschnittliche Verdienst in Deutschland (per BIP pro Kopf das 17.-reichste Land der Welt) beträgt 36.000 Euro netto im Jahr. Das ergibt bei 45 Jahren Erwerbstätigkeit einen Durchschnitt von 1,62 Millionen Euro netto, die Menschen in Deutschland durchschnittlich in ihrem gesamten Leben verdienen und davon ihre Familien ernähren, Wohnraum bezahlen und sich darüber hinaus Luxusgüter leisten, die den meisten Menschen in ärmeren Regionen der Welt verwehrt sind (Autos, Handys, fließend Wasser, etc.).

Und da werde ich wütend. Erling Haaland verdient künftig bei Manchester City in einem Monat so viel Geld, wie ein Mensch in Deutschland in seinem ganzen Arbeitsleben. Anthony Modeste verdient pro Jahr beim 1. FC Köln doppelt so viel, wie ein Mensch in Deutschland in seinem ganzen Arbeitsleben verdient. Und trotzdem reden Profifußballer immer noch von Geld. Trotzdem redet ein Anthony Modeste immer noch von Geld. Und das schlimmste: sie reden von Geld, in Verbindung mit entweder Existenzsicherung oder mit Wertschätzung.

"Ich denke, man möchte niemandem etwas vormachen. Natürlich haben die Finanzen auch eine Rolle gespielt. Das ist gar keine Frage. Mir persönlich ging es jetzt nicht darum, den letzten Euro noch rauszuquetschen. Es geht eher darum, dass man eine Anerkennung bekommen möchte vom Verein", sagte beispielsweise Leon Goretzka (einer der sozial engagiertesten Fußballprofis in Deutschland) bei seiner Vertragsverlängerung beim FC Bayern vor rund einem Jahr. Goretzka soll mit seinem neuen Vertrag übrigens rund 15 Millionen Euro im Jahr verdienen. Sie kennen die Rechnung.

"Wenn man in einem Supermarkt arbeitet und REWE zahlt mehr, würde man das doch auch machen. Das finde ich normal und verstehe nicht, warum es bei Fußballern ein so großes Problem ist."

Anthony Modeste

Es geht mir mit dieser Kritik nicht um Idealismus. Es ist ein offenes Geheimnis, dass Profisportler, Schauspieler*innen oder Öl-Scheichs verdammt viel Geld verdienen. Es ist ein offenes Geheimnis, dass die Schere zwischen arm und reich mittlerweile so weit auseinandergeklappt ist, dass es statistisch kaum noch eine Mittelschicht zwischen arm und reich gibt. Das ist mir alles bewusst und das ist nun einmal so.

Ich erwarte nicht, dass Profifußballer ihr Geld wegwerfen oder sich überdurchschnittlich für Gleichberechtigung, Menschenrechte oder soziale Projekte engagieren, nur weil sie viel Asche verdienen. Ich erwarte auch nicht, dass ein Profifußballer, der 15 Millionen Euro im Jahr verdient, den gleichen Lebensstil pflegt, wie durchschnittliche Arbeitnehmer*innen in Deutschland. Ich erwarte aber, dass sie sich ihre Privilegien bewusst machen.

Es ist die Doppelmoral, die ich ankreiden möchte. Wenn ich so viel Geld verdiene, dass ich ab einem gewissen Punkt gar nicht mehr weiß, wohin damit (ich zitiere sinngemäß Uli Hoeneß: 'die eine Million mehr oder weniger - trotzdem kann ich am Tag nur ein Steak essen'), dann habe ich kein moralisches Recht, öffentlich darüber zu sprechen, dass ich mir Existenzsorgen machen muss oder fehlende Wertschätzung von denen, die mich bezahlen, erfahre. Gleichermaßen kann ich einen Gianni Infantino nicht für seine Profitgier kritisieren, wenn ich selber der Dekadenz so anheim gefallen bin, dass ich den Bezug zur Realität vollkommen verloren habe. Das ist einfach nur widerlich und auf so vielen Ebenen falsch.

Es wird eine Zeit kommen, in der sich die Durchschnittsverdiener*innen vom Fußball abwenden. Dann werden die Stadien leer sein - oder nur von reichen Touristen besucht (einen Vorgeschmack davon erhalten wir bei der WM in Katar) - und der Fußball wird zu einem Sport der Superreichen verkommen sein.

Und das ist das Problem, nicht nur im Profifußball: wir kriegen den Hals einfach nicht voll.

Es gibt eine Szene im Hollywood-Film "Hunger Games", in der die reichen Bürger*innen des zentralen Bezirks ein Brechmittel zu sich nehmen, damit sie weiter essen können, während die Menschen in den äußeren Bezirken verhungern. Es ist dieses Bild, das mir in den Sinn kommt, wenn ich an die Dekadenz im Profifußball denke. Und bei Gott, es ist ein unglaublich wütend machendes Übel, dass ein Mensch wie Gianni Infantino von Stolz und nicht von Schande spricht.


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