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Javi Martinez packt aus: Flick wie del Bosque, Kimmich "ein geborener Anführer"

Guido Müller
Will noch ein paar Jahre Fußball spielen: Javi Martínez
Will noch ein paar Jahre Fußball spielen: Javi Martínez / DeFodi Images/Getty Images
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Heute feiert die von Amazon Prime und Atresmedia gemeinschaftlich produzierte Dokumentation "Fußballer der Welt" Weltpremiere (via Amazon Prime Video). Vorgestellt werden in diesem Format vier spanische Fußballer, allesamt Weltmeister, und ihre jeweiligen Lebenserfahrungen in so unterschiedlichen Ländern wie Katar, Japan, England oder Deutschland. Einer der Hauptdarsteller ist Bayern Münchens spanischer Defensivspezialist Javi Martínez. Gegenüber der Marca gab der Baske schon mal einen ersten Eindruck des Formats.

Auf die Frage, was er sich von dieser Doku erhoffe, antwortet Martínez: "Dass die Leute mein Leben in Deutschland sehen. Es ist eine sehr positive Erfahrung, die ich jedem nur empfehlen kann. Es waren Tage vollgestopft mit Dreharbeiten, mit etwas Stress für die Produzenten, aber wir hatten eine gute Zeit. "

Dann wurde es Zeit, ein lange gehütetes Geheimnis bezüglich seiner Herkunft zu lüften. Nämlich, dass Martínez kubanische Wurzeln hat. "Das wusste tatsächlich keiner", gibt der Defensivspezialist lachend zu Protokoll. "Es ist mein bestgehütetes Geheimnis. Nun ja: es war mein bestgehütetes Geheimnis..."

"Du merkst manchmal nicht, was du hast, bis du es verlierst!"

Gelebt hat Martínez aber die meiste Zeit seines Lebens in Spanien, wo er 1988 geboren wurde. "Für mich ist es ganz klar: Wir sind privilegiert, in solch einem Land leben zu können. Von daher schmerzt es mich zu sehen, dass andere Dinge zur Zeit offenbar wichtiger sind, als das Land wieder nach vorne zu bringen. Es scheint, als wäre ein jeder nur auf seinen persönlichen Vorteil aus. Nun ja..." Auch, dass man sein eigenes Land mit anderen Augen sieht, wenn man es vom Ausland her betrachtet, kann Martínez nur bestätigen: "Das ist sicherlich so. Du merkst manchmal nicht, was du hast, bis du es verlierst. Deutschland ist unglaublich, und in manchen Dingen kann Spanien dieses Land nur beneiden - aber umgekehrt gilt es genau so."

Die Zeit der Corona-Krise hat Martínez in Deutschland verbracht. Im Gegensatz zu Spanien musste er sich somit nicht an drastische Maßnahmen wie Hausarrest halten. "Hier gab es keinen Hausarrest. Nur Empfehlungen. Außerdem wohne ich sowieso etwas außerhalb, fast schon im Wald. Ich musste sehr oft an die Menschen denken, die während dieser Zeit in Quarantäne waren, auf engstem Raum in kleinen Wohnungen. Das muss sehr hart gewesen sein. Und ich denke auch oft an die ganzen Sanitäter."

"Es war keine Heldentat von mir!"

Was eventuell auch zu seiner Entscheidung geführt haben mag, das Rote Kreuz in München zu unterstützen. "Ich hab es vorher in Spanien gesehen", berichtet Martínez. "Wie sehr sich die Leute um die schwächeren Mitbürger gekümmert haben. Ich fühlte mich schlecht, nichts zu tun, nicht zu helfen. Und so rief ich beim Roten Kreuz an, und alles lief sehr einfach. War ja auch keine große Sache. Ein paar Einkäufe und die Anlieferung beim Empfänger. Keine Heldentat also. Wir waren mit allen Schutzvorrichtungen versehen. Ich dachte, es sei besser, dass ich, als junger und gesunder Sportler, den Virus bekomme als eine ältere Person."

Hilfe für andere steht bei Javi Martínez sowieso ganz oben auf der Liste. Schon bei der Flüchtlingskrise half er tatkräftig mit. "Ich mag es, zu helfen. In allererster Linie bin ich vor allem Mensch. Ich fühle mich einfach gut, wenn ich helfen kann. Ich hab gesehen, wieviel ich machen konnte. Und ich weiß, dass viele Leute sich mit den Klamotten warm anziehen konnten, die ich ihnen gegeben hatte. Ich habe Videos zugeschickt bekommen, mit Kindern, die fröhlich mit unseren gespendeten Bällen spielten. Das wahr sehr bereichernd."

Dass der Profi-Fußball, zumal in der Elite, außerhalb der Realitäten lebt, glaubt Martínez indes nicht. "Klar, wenn du 1000 Fußball-Stars nimmst, wird es immer ein paar geben, die helfen, und andere, die dies nicht tun. Ich glaube, es gibt Momente, in denen man Leuten helfen muss. Wenn ich kann, bin ich da. Denn dies betrifft uns alle."

"Ich brauche es, dass mich die Leute anschreien. Das motiviert mich!"

Natürlich konnten auch direkt auf den Fußball bezogene Fragen in dem Interview nicht fehlen. Die neue Realität der Spiele ohne Zuschauer gefällt dem Bayern-Spieler - wenig überraschend - überhaupt nicht. "Ich bin sehr leidenschaftlich. Ich brauche es einfach, dass mich die Leute anschreien, mir alles mögliche an den Kopf werfen. In einem Stadion wie dem von Betis oder dem Bernabéu aufzulaufen und Tausende von Schlachtenbummlern dich anschreien hören - das motiviert mich. Deshalb war es auch so niederschmetternd für mich, im Signal Iduna-Park anzukommen und nur fünf Leute mit Fahrrädern zu sehen. Aber ich verstehe die Entscheidung, die Liga fortzusetzen."

Dennoch sieht er den nunmehr vollgestopften Terminkalender auch durchaus kritisch. "Ich bin ein Spieler, der einen Rhythmus braucht. Diese dicht an dicht gedrängten Spieltage sind sicherlich nicht ideal. Es gibt keine Abfolgen von Trainingseinheiten, um langsam zur Topform zu kommen. Es wird deshalb auch zu mehr Verletzungen kommen, weil wir so lange pausiert haben wie noch nie und keine vernünftige Vorbereitung absolvieren konnten. Und jetzt kommt auch noch die Hitze hinzu. Wie soll man denn bitte in Sevilla an einem 6. oder 7. Juli Fußball spielen?"

Martínez warnt vor dem Restprogramm

Auf die Bundesliga angesprochen, und darauf, dass der FC Bayern wie eine Rakete in den Neustart gekommen ist, gibt sich Martínez noch zurückhaltend, beinahe vorsichtig. "Ja, momentan sind wir gut in Form, das ist wahr. Aber der Spielplan, der nun vor uns liegt, ist alles andere als leicht: Leverkusen, Gladbach.... Es fehlt nur noch ein Schritt - aber dieser ist auch der wichtigste von allen. "

"Kimmich wird zu einer Legend werden - wenn er es nicht schon ist!"

Für seinen aktuellen Trainer Hansi Flick hat der Spanier nur positive Worte. "Er stand lange Zeit an der Seite von Löw und hat dabei viel gelernt. Sein Charakter ist ideal für einen Klub wie Bayern. In gewisser Weise erinnert er mich an Vicente del Bosque. Ein Trainer, der die Spieler liebt, weil er selbst mal einer war. Einer, der weiß, was in jedem einzelnen Moment zu tun ist."

Von seinen Mitspielern war vor allem Joshua Kimmich in den letzten Tagen und Wochen in aller Munde - nicht zuletzt wegen seines spektakulären Treffers im Spitzenspiel gegen den BVB. "Kimmich", zögert Martínez keinen Moment, "ist ein geborener Anführer. Er weiß, wie man leitet. Er wird zu einer Legende werden, wenn er es nicht schon ist." Doch auch bezüglich eines anderen Mitspielers wollte Martínez nicht die Gelegenheit verpassen, lobende Worte zu verteilen. "Lewandowski befindet sich im besten Jahr seiner Karriere. Ihm gelingt einfach alles. Er ist eine Bestie, der beste Neuner der Welt. Ich hoffe, er macht bis August so weiter."

Für die Zukunft hält sich Martínez alle Optionen offen

Wie es bei ihm selbst weitergehen wird, weiß der 31-jährige Spanier noch nicht. "Ich muss mich mit den Bayern zusammensetzen. Mein Vertrag läuft im nächsten Jahr aus. Ich bin auf alles vorbereitet. Was ich hier erlebt habe, war wunderschön. Aber man muss abwarten, es gibt momentan viel Unsicherheit. Noch wissen wir nicht, ob es einen regulären Transfersommer geben wird, ob die Champions League gespielt werden kann..."

Auch auf einen möglichen Weggang aus München wäre Martínez vorbereitet. "Wenn dies passieren sollte, wäre ich für alles offen. Hauptsache, es füllt mich sportlich und menschlich aus. Das kann in den USA sein, in Australien oder in Spanien. Ich glaube, ich habe noch genügend Fußball in mir." Was auch eine Rückkehr nach Bilbao einschließt. "In Bilbao habe ich sechs fantastische Jahre verbracht. Klar, dass es diese Option auch gibt."

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