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Hamburger SV

HSV und Bobby Wood: Die Chronik eines Scheiterns!

Guido Müller
Vom Hoffnungsträger zum Sinnbild des Niedergangs: Bobby Wood
Vom Hoffnungsträger zum Sinnbild des Niedergangs: Bobby Wood / Martin Rose/Getty Images
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Trotz der nicht von der Hand zu weisenden Abwärtsentwicklung in den vergangenen neun Spielen (mit nur zwei Siegen) bleibt es beim Hamburger SV (noch) relativ ruhig. Vor allem vom immer mal wieder gerne dazwischenfunkenden Investor Klaus-Michael Kühne war schon seit gefühlten Ewigkeiten nichts mehr zu vernehmen. Da passt es irgendwie ins Bild, dass eine mit der Person Kühnes verbundene Personalie beim Traditionsklub seit gestern endgültig Geschichte ist.


Bobby Wood. Dieser Name steht für viele HSV-Fans als Synonym für schlechtes Management. Auf sportlicher wie auch finanzieller Ebene. Und dafür, was passieren kann, wenn ein Investor eben nicht nur als Geldgeber fungiert, sondern sich darüber hinaus auch noch in das operative Geschäft einmischt.

Rückblick: Im Sommer 2016 scheint die halbe Bundesliga hinter Union-Stürmer Bobby Wood her zu sein. Für die damals noch in der Zweiten Liga kickenden Köpenicker hat der US-Amerikaner gerade eine fantastische Saison absolviert und in 31 Ligaspielen 17 Treffer (bei drei Vorlagen) erzielt.

Angeblich sind die beiden Borussias, Bayer Leverkusen und auch der VfL Wolfsburg an dem Stürmer interessiert. Doch überraschenderweise macht der HSV (qua Zahlung von vier Millionen Euro) das Rennen.

Anfängliches Strohfeuer

In Hamburg frohlockt man, einen der spannendsten Spieler des Unterhauses für sich gewonnen zu haben. Und zunächst scheint der auf Hawaii geborene Angreifer auch erstmal so weiter zu machen, wie er in der Hauptstadt aufgehört hat: er trifft.

Gleich in den ersten beiden Spielen (gegen Ingolstadt und in Leverkusen) gelingt ihm jeweils ein Treffer. Doch der HSV kommt ingesamt nur schleppend in die Saison. Nach neun Spieltagen stehen gerade mal zwei mickrige Zähler zu Buche.

Die sich ansammelnde Nervosität bei den Kickern bricht sich in der Person Woods am 10. Spieltag (in Köln) Bahn: ein völlig unnötiger Platzverweis (Tätlichkeit gegen den Kölner Heintz während der Stellung einer Freistoß-Mauer) bringt den bis dahin gut im Spiel befindlichen HSV auf die Verliererstraße.

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Hier zeigt Schiri Brand Wood die (verdeckte) Rote Karte. Djourou scheint es nicht fassen zu können... / PATRIK STOLLARZ/Getty Images

Nur drei Minuten nach Woods Hinausstellung gehen die Kölner in Führung - und gewinnen am Ende deutlich mit 3:0. Und Wood ist erstmal wieder für drei Spiele gesperrt.

Am Ende dieser holprigen Saison wurschtelt sich der HSV durch einen Last-Minute-Sieg am 34. Spieltag (!) gegen den VfL Wolfsburg auf den rettenden 14. Platz - und schickt statt seiner die Wölfe in die Relegation.

Doch in Wood scheinen die Macher am Volkspark (Heribert Bruchhagen ist zu dieser Zeit Vorstandschef der AG) weiterhin ein Heilsversprechen zu sehen. Die insgesamt sieben Scorerpunkte (5 Treffer, 2 Assists) in 28 Spielen redet man sich in diesen Wochen schöner als sie wirklich waren.

Da aber andere Klubs ihr Interesse an Wood anmelden, sieht sich der HSV frühzeitig gezwungen, diese Personalie ein für alle mal festzuzurren - sprich: mit dem Stürmer vorzeitig zu verlängern.

Kühnes "Erpressung"

Und da kommt Klaus-Michael Kühne ins Spiel. Der hat mittlerweile erfahren, dass der HSV an einer Verpflichtung von André Hahn interessiert ist.

Doch lassen wir den Investor selbst sprechen: "Ich habe dem Verein zwar dafür (für die Vertragsverlängerung Woods, die Red.) kein Geld gegeben, aber ich habe ihm zu der Verlängerung geraten und gesagt, dass ich André Hahn nur finanziere, wenn ihr Wood haltet", kommentierte Kühne ganz ungeniert gegenüber dem Sky-Reporter.

Pikante Randnote: Sowohl Wood als auch Hahn wurden zu der Zeit von der Agentur "Sportstotal" betreut. Die wiederum gehört dem Spielerberater Volker Struth - der einst Berater von Kühne war. Ein Schelm, der Böses dabei denkt. Verquickung persönlicher Interessen zu Lasten eines Klubs? Beim HSV wird dies spätestens im Sommer 2017 zur Offensichtlichkeit.

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Bild mit Seltenheitswert: André Hahn bejubelt einen Treffer für den HSV (beim 3:1-Sieg in Köln in der Saison 2017/18) / AFP Contributor/Getty Images

Tatsächlich wurde André Hahn dann auch verpflichtet (der HSV zahlte sechs Millionen an Gladbach) - und auch Woods Arbeitspapier neu justiert. 3,5 Millionen Euro würde der US-Amerikaner fortan einsacken - bis zum Jahr 2021.

Abstieg und Neu-Orientierung in Liga 2

Dumm nur, dass fast zeitgleich mit der Verlängerung die Gegenleistungen des Spielers abrupt abbrachen. In der Abstiegssaison 2017/18 gelangen Wood gerade mal zwei mickrige Törchen (bei keiner einzigen Vorlage!).

Zuwenig für die Ansprüche am Volkspark. Zuwenig für einen HSV, der sich nun - nach 55 Jahren Erstligazugehörigkeit - im Neuland der Zweiten Liga neu erfinden musste.

Da passte ein Symbol des Versagens - nämlich Bobby Wood - nur bedingt in das Bild des angekündigten Neustarts im Unterhaus. Und so wurde der Stürmer, in Ermangelung von Kauf-Angeboten, erstmal zum HSV in Hannover ausgeliehen.

Wo er jedoch an seine enttäuschenden Leistungen in Hamburg anknüpfte. In 20 Ligaspielen für die Roten gelang ihm abermals eine nur überschaubare Torbilanz: drei Treffer, eine Vorlage. Das Kalkül der Hamburger, dass Wood in einem neuen Umfeld wieder zu alter Stärke finden würde, wurde abermals durchkreuzt.

Und mit dem vertraglich zugesicherten Gehalt war es natürlich weiterhin nahezu unmöglich, einen Käufer für den Stürmer zu finden. Wer würde schon ein Champions-League-Gehalt für einen "Torjäger" zahlen, der keine Tore schießt?

2019: Wood kehrt nach erfolgloser Leihe zum erfolglosen HSV zurück

Zur Saison 2019/20, der zweiten des HSV in Liga zwei, schien der neue Trainer Dieter Hecking nichts von all dem wissen zu wollen, was vorher war. Er setzte, auch in Ermangelung personeller Alternativen, zunächst auf Wood.

Der kam in den ersten sieben Spielen tatsächlich auf drei Kurzeinsätze - ohne diese jedoch für Eigenwerbung nutzen zu können. Bis zum Ende der Saison, die abermals mit der Enttäuschung des Nicht-Aufstiegs endete, sollte Wood nur noch drei weitere Einsätze verbuchen können. Am Ende stand unter seiner Leistungsbilanz die Doppel-Null: keine Tore, keine Vorlagen.

Aber weiterhin ein fürstliches Gehalt von über zwei Millionen Euro - auch in Liga zwei.

Auch unter Thioune keine wesentliche Steigerung bei Wood

Doch da der Etat vor der laufenden Saison erneut gesenkt werden musste, und es für Wood weiterhin keine Abnehmer gab, musste auch der obligatorische neue Trainer (Daniel Thioune) in den sauren Apfel beißen - und mit einem Stürmer arbeiten, der seine einstige Form komplett verloren hatte.

Und tatsächlich hätte es sogar in dieser fußballerischen Horror-Geschichte noch ein Happy-End geben können. Wood, der von Thioune so viele Chancen zur Bewährung bekam, wie unter dessen Vorgängern zusammen nicht, traf sogar irgendwann mal wieder. Bezeichnenderweise bei der 2:3-Niederlage in Würzburg.

Doch vor allem im Spiel bei Hannover 96 hätte er zum gefeierten Mann werden können, als er mitten in der Aufholjagd der Niedersachsen zwei Riesenchancen liegen ließ, um den Deckel endgültig draufzumachen.

Niklas Hult, Bobby Wood, Marvin Ducksch
Eine der verpassten Chancen von Wood beim Auswärtsspiel in Hannover / Pool/Getty Images

Hat er aber nicht. Und nur eineinhalb Wochen nach jenem 3:3 in der HDI-Arena ist Bobby Wood beim Hamburger SV endgültig Geschichte. Wenn man dieser ganzen Story überhaupt irgendwas "Positives" abgewinnen will, dann wohl nur das: Mit ihm verlässt das letzte Sinnbild einer schicksalshaften Beziehung zwischen Klub und Geldgeber das Schiff.

Ob der HSV aus dieser Erfahrung die richtigen Schlüsse zieht? Nicht zuletzt davon wird es abhängen, ob der stolze Traditionsklub je wieder in die von ihm angepeilten Sphären vordringen kann.

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