Hamburger SV

HSV - oder: Alles eine Frage der Erwartungshaltung

Guido Müller
Enttäuschte HSV-Spieler nach dem Schlusspfiff gegen Darmstadt
Enttäuschte HSV-Spieler nach dem Schlusspfiff gegen Darmstadt / Martin Rose/Getty Images
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Jeder kennt diese Situation. Man geht in Begleitung ins Kino, schaut sich einen Film an - und in der anschließenden Aufarbeitung scheinen beide Seiten unterschiedliche Filme gesehen zu haben. So lief es für mich auch gestern beim HSV-Spiel gegen Darmstadt.


Eine Frage der Erwartungshaltung

Diese Diskrepanz in der Bewertung hat freilich auch mit unterschiedlicher Erwartungshaltung zu tun. Man kann natürlich aus HSV-Fan-Sicht sagen: Nach einer Stadtderby-Niederlage muss es im nächsten Spiel knallen. So oder so.

Dumm nur, wenn der folgende Gegner gerade im Stimmungshoch steckt. Mit 6:1 hatten die Lilien am Spieltag zuvor völlig überforderte Ingolstädter abgeschossen. Kein schlechtes warm-up für den Trip nach Hamburg, der sowieso jedes Jahr unter der Prämisse steht: 'Wir können nur gewinnen. Spielen wir unentschieden, ist es sicherlich kein doppelter Punktverlust sondern ein gewonnener Zähler. Und verlieren wir am Ende doch, wird uns in Darmstadt sowieso keiner den Kopf abreißen.'

Dieses Phänomen der völlig unterschiedlichen Ausgangslagen (entspannt hier, angespannt dort) wird auch in dieser vierten Zweitliga-Saison des HSV gegen die allermeisten Gegner Bestand haben.

Denn auch wenn der aktuelle HSV-Kader in der Breite qualitativ vielleicht nicht mehr ganz so hochwertig aufgestellt ist wie in den Vorjahren, bleibt er für die meisten Rivalen - und sei es nur noch vom Namen her - der große Gegner (oder zumindest einer der großen Gegner) in dieser Liga.

Unter diesen Vorzeichen ging es für den HSV also in das gestrige Spiel gegen den SV Darmstadt 98, einen der schon traditionellen Heim-Angstgegner (noch kein Sieg im Volkspark zu Zweitliga-Zeiten!).

Und genau unter diesem Licht betrachtet, war die Partie gar nicht so schlecht, wie sie nun von einigen "Kommentatoren" in den einschlägigen Foren gemacht wird.

Also ganz ehrlich: Nachdem ich letzte Woche vom halben Dutzend der Hessen gegen die Schanzer erfahren habe, war mir schon klar, dass der HSV, dem die ganze Woche über der Frust der Derby-Niederlage in den Kleidern hing, die Darmstädter nicht mal eben so abfertigen und aus dem Stadion schießen würde.

Wer aber genau dies erwartet hatte, sollte vielleicht - schon um seiner mentalen Gesundheit wegen - mal ganz schnell sein Anspruchsdenken überdenken.

Wir reden immerhin von derselben Mannschaft, die in der Rückrunde der vergangenen Saison auf dem dritten Platz lag - mit zwei Punkten Rückstand auf Rückrunden-Sieger (und Aufsteiger Greuther Fürth), und einem Zähler Differenz auf (ebenfalls aufgestiegene) Bochumer. Und elf Punkten mehr als der HSV im selben Zeitraum...

Ja, ja, der Kader hat sich auch in Darmstadt seitdem verändert. Top-Torjäger Serdar Dursun (27 Treffer), beispielsweise, ist nicht mehr da und knipst jetzt am Bosporus.

Doch dafür wurde aus Wiesbaden ein gewisser Phillip Tietz geholt, der gestern den Part des Deutsch-Türken (der gegen den HSV immer sehr gerne getroffen hatte) übernahm: zwei Tore Darmstadt - beide vom 24-jährigen Tietz! Das nenn ich mal einen nahtlosen Übergang.

Philip Tietz
Ohne den abgewanderten Dursun wurde Neuzugang Tietz zum neuen HSV-Schreck der Lilien und traf doppelt (hier per Elfer zur 1:0-Führung der Gäste) / Martin Rose/Getty Images

Die beiden bisherigen Niederlagen der Darmstädter setzte es zum einen (am allerersten Spieltag) gegen ein Team (Regensburg), das sich in den ersten Wochen der Saison als das Überraschungsteam schlechthin entpuppt, und zum anderen gegen eine im eigenen Stadion (selbst als Baustelle) traditionell starke Mannschaft wie den KSC (bei dem vorgestern auch der SV Werder Bremen kein Tor erzielen konnte und sich mit einem 0:0 begnügen musste).

Personalplanungen noch gar nicht abgeschlossen

Soweit zur Einordnung des Ganzen. Und der HSV selbst ist ja auch noch weit davon entfernt eine perfekt geölte Maschinerie zu sein. Allerdings ist von Seiten der Verantwortlichen auch nie behauptet worden, dass dies bereits zum vierten Spieltag der Fall sei.

Zumal die Personalplanungen ja auch noch gar nicht abgeschlossen sind. Bereits Anfang Juli hatte Sportvorstand Jonas Boldt auf den August (und damit meinte er das letzte Viertel des Monats, welches nun beginnt) verwiesen und von Dingen gesprochen, die dann "aufs Plateau" kämen und die zum damaligen Zeitpunkt noch "keiner auf dem Schirm" habe.

Lassen wir uns doch einfach mal überraschen. Mehr oder weniger zum selben Zeitpunkt des Vorjahres wurde übrigens ein Simon Terodde vorgestellt, woraufhin einige schon wieder (nachdem sie die Transferaktivitäten des Vereins bis dahin in Schutt und Asche geredet hatten) gleich vom sicheren Aufstieg träumten.

Aber so ist es halt im Umfeld eines großen Traditionsvereins. Die Stimmungslage schwankt immer irgendwie zwischen himmelhochjauzend und zu Tode betrübt. Die Mitte (die ja auch gesellschaftlich immer mehr zu verschwinden scheint) gibt es beim HSV nur in homöopathischen Dosen.

Nüchtern betrachtet, fehlt diesem Kader gar nicht mehr so viel. Die nicht zu kaschierenden Unsicherheiten eines Jonas David während des bisherigen Saisonstarts, vor allem in den letzten beiden Spielen, könnte sogar mit dem schon vorhandenen Personal (Leistner, Heyer, Rohr) kompensiert werden. Mit Stephan Ambrosius (Rückkehr vielleicht noch in diesem Jahr) steht Walter langfristig eine weitere hochwertige Option zur Verfügung.

Haken tut es vor allem noch im offensiven Mittelfeld und auf den Außenbahnen. In allen bisherigen Spielen konnte sich keiner (weder Sonny Kittel noch Neuzugang Ludovit Reis und erst recht nicht David Kinsombi) zum Taktgeber des HSV-Spiels aufschwingen.

Und auf den Flügeln ist das Gefälle insgesamt zu hoch. Bakery Jatta bringt zwar immer wieder mal ein gewisses anarchisches Element ein, verfügt zudem über eine enorme Grundschnelligkeit, weist aber in grundlegenden Dingen wie Ballbeherrschung und Passgenauigkeit noch immer eine viel zu große Streuung auf.

Ein Sonny Kittel hingegen, sicherlich einer der feinsten Kicker im HSV-Kader, ist für die offensiven Flügel schlichtweg nicht dynamisch genug, während mir ein Manuel Wintzheimer, zwar immer bemüht und einsatzwillig, in vielen seiner Aktionen noch zu hektisch und nervös agiert.

Es gab auch einige Lichtblicke

Doch schauen wir auch auf die positiven Aspekte des gestrigen Spiels. Die gab es nämlich, trotz des natürlich nicht zufriedenstellenden Endergebnisses, gestern auch.

Zu nennen wäre da der erfrischende Auftritt des Anssi Suhonen. Seit viereinhalb Jahren beim HSV, galt der Finne lange als großes Talent, hatte aber schon in jungen Jahren mit gravierenden Verletzungen zu kämpfen. So ereilte ihn vor etwas mehr als Jahresfrist, im Juli 2020, ein Kreuzbandriss, der ihn fast ein Jahr lang außer Gefecht setzte.

Anssi Suhonen
Anssi Suhonen legte gestern einen Auftritt hin, der Appetit auf mehr machte! / Martin Rose/Getty Images

Umso beeindruckender, wie sich der 20-Jährige nicht nur zurück gekämpft hat, sondern mittlerweile auch für die Profi-Mannschaft eine valide Option geworden ist. Vorläufige Krönung dieser Entwicklung: sein gestriges Startelf-Debüt als Zweitligaspieler.

Mit viel Biss ging er in die Zweikämpfe (von denen er 56 Prozent für sich entschied), traute sich zudem des Öfteren in Eins-gegen-Eins-Situationen und zog auch mal aus der zweiten Reihe ab.

Mit etwas mehr Ruhe macht er seine Großchance gestern in der 62. Minute rein - und wird sogar noch zum Helden des Spiels.

Walters Extra-Lob für Suhonen

Trotz fehlenden Tores - sein Trainer lobte nach der Partie vor allem den unbedingten Willen, den der Finne in jeder seiner Aktionen ausstrahlte. "Er ist mit Begeisterung dabei und lässt für uns sein Leben auf dem Platz." (via bild.de)

Tim Walter
Mahnt Geduld an: HSV-Coach Tim Walter / Martin Rose/Getty Images

Dass Suhonen natürlich auch noch Fehler macht, sei ihm als Profi-Neuling einfach mal zugestanden. Was Walter genau so sieht: "Ich glaube, dass man geduldig sein muss." Womit der Coach völlig recht hat. Aber mit Geduld rund um den HSV ist das leider so eine Sache...

Gute Reaktion nach frühem Rückstand - und endlich wieder Tore nach Standards

Positiv ist auch die gestrige Reaktion der gesamten Mannschaft auf den frühen Rückstand zu bewerten. Ohne in große Hektik zu verfallen (den Fauxpax von Heyer bei seinem schlampigen Rückpass auf Heuer Fernandes fünf Minuten nach der Darmstädter Führung mal ausgeklammert), behielten die Hausherren ihre Linie bei - und wurden dafür noch vor der Pause mit der 2:1-Führung belohnt.

Philip Tietz, Sebastian Schonlau
Stand hinten meist sicher - und erzielte sein erstes Tor für den HSV: Sebastian Schonlau / Martin Rose/Getty Images

Schöner Nebeneffekt: beide Treffer resultierten aus Standards - seit einigen Jahren schon eine der großen Baustellen des HSV.

Leider verlor die Mannschaft dann ein wenig die Übersicht (laut Trainer Tim Walter lag es an "zu großer Euphorie") und ließ eben noch diese eine Chance der Darmstädter vorm Halbzeitpfiff zu, die Tietz in bester Abstaubermanier verwertete.

Bedauerlicherweise resultierte der Ausgleich wieder einmal aus einer schlampig verteidigten Einwurfsituation des Gegners, der in der Folge über zwei weitere Stationen zur Abschlusssituation kam. Euphorie und Konzentration gehen leider nicht immer Hand in Hand...

Schön jedoch danach zu sehen, wie der HSV im zweiten Durchgang defensiv weitaus stabiler stand als in den ersten fünfundvierzig Minuten. Mit besserer Chancenverwertung (Suhonen, Glatzel, Heyer) wäre ein Sieg durchaus drin gewesen.

Ehrlicherweise muss man aber auch zugeben, dass in den wieder etwas wilderen Schlussminuten, als der HSV unbedingt noch den lucky punch landen wollte, die Gäste dem Siegtreffer näher waren.

Insgesamt war es ein hochinteressantes Zweitliga-Duell zweier Teams, die bis zum Schluss auf Sieg spielten - und diesen auch hätten davontragen können. Von Weltuntergangsstimmung ob des faktisch schlechtesten Zweitliga-Starts des HSV bin ich trotzdem noch ein gehöriges Stück weit entfernt.

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