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Hamburger SV

HSV nach ersten beiden Ligaspielen: Ist das Glas halb voll oder halb leer?

Guido Müller
Belohnten sich nicht für ihren Aufwand in Halbzeit 1: die Spieler des HSV nach dem 1:1 beim Heimauftakt gegen Dynamo Dresden
Belohnten sich nicht für ihren Aufwand in Halbzeit 1: die Spieler des HSV nach dem 1:1 beim Heimauftakt gegen Dynamo Dresden / Stuart Franklin/Getty Images
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Mit einem Auswärtssieg bei Bundesliga-Absteiger Schalke 04 und einem Heim-Unentschieden gegen Aufsteiger Dynamo Dresden ist der Hamburger SV in seine vierte Zweitliga-Saison gestartet. Eine ungenügende Chancenverwertung gegen die Sachsen verhinderte am Ende einen perfekten Start wie im Vorjahr. Die Frage, die nun gleich wieder im traditionell unruhigen Umfeld des Klubs aufgeworfen wird, ist die altbekannte: ist das Glas halb voll oder halb leer?


Im letzten Jahr stand der HSV nach zwei Siegen zum Auftakt (gegen Düsseldorf und in Paderborn) mit makelloser Bilanz da. Den Dreiern gegen die beiden Bundesliga-Absteiger folgten bis zum sechsten Spieltag sogar noch drei weitere Siege. Und dennoch verpassten die Rothosen am Ende den Aufstieg.

Soviel also zum Thema "vom Saison-Start auf den weiteren Saison-Verlauf schließen".

Langfristige Prognosen verbieten sich momentan sowieso. Simplerweise schon deswegen, weil die Transferaktivitäten der Hamburger laut ihrem Sportvorstand Jonas Boldt noch längst nicht abgeschlossen sind.

Bereits vor Wochen prognostizierte der Manager, dass im August noch einige Dinge aufs Tableau kommen würden, mit denen derzeit gar keiner rechnet.

Glatzel spielerisch ein Upgrade zu Terodde

Doch wirklich viel fehlt gar nicht mehr. Die Tatsache, dass ein Robert Glatzel gestern eine klare Chance (18.) zum möglichen 2:0 vergeben hat, macht den Angreifer sicherlich nicht gleich zum Fehleinkauf. Zumal er beim Saison-Auftakt auf Schalke, mit dem mentalen Rucksacks eines verschossenen Elfmeters, den wichtigen frühen Ausgleich in Halbzeit zwei besorgt hat.

Rein statistisch steht er also bei 0,5 Toren pro Spiel. Hochgerechnet auf eine Saison kämen da 17 Treffer zusammen (gegenüber den 24 von Terodde aus dem Vorjahr).

Und hätte der Münchener bei seinem Eins-gegen-Eins gegen Dresdens Keeper Broll (der eine starke Partie im Volkspark zeigte) die Nerven behalten, würden jetzt alle wieder vom neuen Terodde sprechen...

Robert Glatzel
Ihm geht noch ein wenig die Kaltschnäuzigkeit ab: Robert Glatzel / Stuart Franklin/Getty Images

Spielerisch gefällt Glatzel sogar einen Ticken besser als Terodde. Dieser mag an Treffsicherheit nicht zu überbieten sein (wie er gestern abermals in Kiel unter Beweis gestellt hat), war im System des HSV aber auch immer ein sehr statischer Spieler. An schnellen und flüssig vorgetragenen Ball-Stafetten war er so gut wie nie beteiligt.

Wenn wir im Sturm somit ein wenig an Toreffizienz eingebüßt haben, dafür variabler agieren, soll es mir am Ende sogar recht sein. Und perspektivische 17 Treffer sind für einen Stürmer ja auch keine ganz so schlechte Ausbeute...

Es fehlen ein Zehner und ein offensiver Flügelstürmer

Was dem HSV am gestrigen Sonntag vor allem gefehlt hat, war zweierlei: zum einen ein spielstarker Organisator im Mittelfeld. Ein eher über das aggressive Spiel gegen den Ball kommender Ludovit Reis ist es nicht. Ebenso wenig wie Neuzugang Jonas Meffert, der dafür aber auch nicht verpflichtet wurde.

Einer, dem man die Funktion des Spielmachers noch am ehesten zutrauen würde, ist David Kinsombi. Leider zeigt sich der frühere Kieler in dieser Rolle weiterhin komplett überfordert. Im Grunde genommen hat der HSV auch gestern gegen Dresden wieder mit drei Sechsern (oder zwei Sechsern und einer Acht) gespielt.

Aaron Hunt
Die Lücke, die Aaron Hunt hinterlassen hat, konnte der HSV bisher noch nicht schließen / Martin Rose/Getty Images

Entsprechend hatte man auf Hamburger Seite zwar über fast das komplette Spiel die Deutungshoheit in der Schaltzentrale - nur eben keinen Akteur, der auch hätte deuten können.

Des Weiteren hätte ein Upgrade auf den offensiven Außen gestern gut getan. Xavier Amaechi (20), der dafür vom FC Arsenal geholt worden war, wurde nun schon in seinem dritten Hamburger Sommer gewogen - und für zu leicht befunden. Nachwuchshoffnung Aaron Opoku (22) scheint aus Mentalitätsgründen ebenfalls (noch) keinen Platz im Profi-Kader zu finden.

Und Bakery Jatta hängt seit einiger Zeit ziemlich durch. Sowohl auf Schalke als auch gegen Dresden war er jeweils eine Halbzeit fast gar nicht zu sehen - um im zweiten Durchgang eine leichte Steigerung anzubieten. Insgesamt ist das jedoch noch viel zu wenig vom Gambier.

Manuel Wintzheimer wiederum agierte in beiden Spielen glücklos vor dem Tor, konnte aber gegen Dresden zumindest eine Torbeteiligung verbuchen. In der Summe jedoch ist der HSV, neben der Schaltzentrale im offensiven Mittelfeld, auf den offensiven Flügeln zu schwach aufgestellt.

Positiv hervorzuheben ist im Gegenzug die wiedergefundene Stabilität in der Abwehr. Man merkt der Mannschaft die Erleichterung an, in Daniel Heuer Fernandes einen fähigen Anspielpartner hinter sich zu wissen.

Jonas David wandelt auf Ambrosius' Spuren

Von seinen Vorderleuten in der Abwehr hat vor allem Eigengewächs Jonas David einen bemerkenswerten Schritt nach getan - und das in ihn gesetzte Vertrauen von Tim Walter bisher mit zwei soliden Auftritten gerechtfertigt.

Jonas David
Zahlt das von Walter gegebene Vertrauen zurück: Jonas David / Lars Baron/Getty Images

Der 21-jährige Hamburger profitiert dabei (ähnlich wie im letzten Jahr Stephan Ambrosius an der Seite von Toni Leistner) von der Führungsrolle, die Neuzugang Sebastian Schonlau bereits nach wenigen Wochen der Eingewöhnung in sein neues Umfeld ausfüllt. Symbolisiert durch die Kapitänsbinde, die dieser vom neuen Coach zugeteilt bekommen hat.

Auf den defensiven Außenbahnen scheint Tim Leibold, links, allmählich wieder zu alter Stärke zu finden, während Jan Gyamerah, rechts, einem schlechten Spiel auf Spiel auf Schalke (nicht nur wegen seines Ballverlustes, der zum 1:0 der Knappen führte) einen zumindest soliden Auftritt gegen Dresden folgen ließ.

Zudem wird Tim Walter auf dieser Position in Josha Vagnoman schon bald über eine valide Alternative verfügen können.

Die zwei noch dringend zu drehenden Stellschrauben (Regisseur und offensive Außen) bis zum Transferschluss am 31. August im Hinterkopf behaltend (zuzüglich eines auf lange Sicht imperativen Moves auf dem Torwart-Markt), scheint mir der HSV demnach auf einem guten Weg zu sein.

Ob dieser dann auch zwangsläufig in die Bundesliga führt? Abwarten - und Tee trinken. In diesem Fall aus einer halbvollen Tasse.

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