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Hamburger SV

HSV - oder: Der lange Weg zurück!

Guido Müller
Martin Rose/Getty Images
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Als Fußball-Fan, im vollumfänglichen Sinne des Wortes, lebt man - wenn man nicht gerade Fan von Bayern München, Real Madrid oder FC Liverpool (um nur einige zu nennen) ist - eigentlich immer zwischen den Polen.

Da wäre zum einen die Loyalität zur Landesauswahl, die vor allem in den im zweijährlichen Wechsel stattfindenden Großturnieren wie WM oder die gerade laufende EM zur Geltung kommt, und zum anderen natürlich die Treue zum Klub des Herzens.

Meiner ist der Hamburger SV. Und irgendwie passt es deshalb ins Bild, dass just am Tag nach dem ersten kleinen Nackenschlag bei dem kontinentalen Wettstreit der besten europäischen Teams, eben dieser HSV heute seinen Trainingsauftakt, sprich: Start, in die Saisonvorbereitung 2021/22 begeht.

Zwischen den Polen

"Zwischen den Polen" weil es natürlich um ganz andere Niveaustufen geht. Dort eines der besten Nationalteams weltweit, mit dem Weltmeistertitel von 2014 in immer noch frischer Erinnerung - hier das groteske Abziehbild einer einstmals stolzen Institution auf Vereinsebene.

Diese Polarität sorgt auch schon seit Jahren dafür, dass ich mich quasi körperlich gegen Beleidigungen meines ästhetischen Empfindens wehren muss, wenn ich die Rothosen wieder einmal orientierungslos durch die Stadien der Zweiten Liga dilettieren sehe.

Seit heute also nimmt der Traditionsklub vom Volkspark einen neuen, den vierten, Anlauf, um den Niederungen der Unterklasse zu entkommen. Ausgang: wie immer - ungewiss!

Als der HSV vor etwas mehr als drei Jahren den bitteren Gang in Liga zwei antrat, war nicht nur meine Wenigkeit davon überzeugt, dass es sich wohl nur um einen vorübergehenden, vielleicht ein oder zwei Jahre währenden, Zustand handeln würde.

Klarer Fall von denkste! Denn mittlerweile gehört der Europacup-Sieger von 1976 (Pokalsieger) und 1983 (Landesmeister), der mehrfache Deutsche Meister und Pokalsieger, zum Inventar der Zweiten Liga. Von "vorübergehend" - keine Spur.

Leeds United als warnendes Beispiel

Macht der HSV vielleicht sogar "den Leeds"? Diese provokante These wäre vor drei Jahren dem Aufsteller derselben energisch um die Ohren gehauen worden. Doch mittlerweile sind die Parallelen zwischen Hamburgern und Nordengländern kaum noch zu verkennen.

Auch der FC Leeds United war mal eine ganz große Nummer in England. Meister 1969, 1974 und 1992, dazu Finalist im Europapokalfinale der Landesmeister (das 1975 gegen den FC Bayern verloren wurde), schickten sich die Whites nach dem Gewinn der letzten Meisterschaft Anfang der Neunzigerjahre an, endlich wieder den Status quo ante einzunehmen.

Leeds United
Ein Bild aus besseren Zeiten von Leeds United. Gerade haben die Whites den Charity Shield 1992 mit einem 4:3 gegen den FC Liverpool errungen / Getty Images/Getty Images

Doch statt bergauf ging es danach in rasanter Talfahrt Richtung Bedeutungslosigkeit. Mit dem zwischenzeitlichen Gang in Liga drei als Tiefpunkt.

Spätestens ab 2010 ging es mit dem HSV stetig bergab

Auch der HSV schien noch im Jahr 2010 auf dem Wege der internationalen Rehabilitierung.

Ein Jahr zuvor, im Mai 2009, hatte er sogar das Triple vor Auge - musste dann aber alle Titelträume binnen 19 Tagen (in dem berühmten Vierfach-Duell mit Werder Bremen) begraben. Im Zuge der damaligen Enttäuschung rund um den Volkspark schmiss dann auch noch Trainer Martin Jol (für mich der beste Trainer des HSV seit Happel!) die Brocken hin.

Martin Jol
Schmiss im Zuge der Dreifach-Enttäuschung gegen den SV Werder im Sommer 2009 das Handtuch: Martin Jol / Ryan Pierse/Getty Images

2010 stand der HSV erneut im Halbfinale der Europa League und hatte das Gelobte Land (Finale dahoam, sozusagen) vor Augen. Bis ihn die hierzulande fast unbekannten Kicker des FC Fulham aus allen Träumen riss.

Im folgenden Jahrzehnt erlebte der Klub dann eine alljährliche Nicht-Anwesenheit in europäischen Wettbewerben und schließlich den Abstieg auch aus der nationalen Elite.

Leeds United: 13 Jahre in der Dunkelheit

Leeds United verabschiedete sich letztmals im Jahr 2004 aus der ersten englischen Liga - doch aus den erwarteten ein oder zwei Jahren im Unterhaus wurden am Ende dreizehn!

Davon ist der HSV noch ein gutes Stück entfernt. Doch von einer baldigen Rückkehr in die Bundesliga sollte von nun an keine Rede mehr sein. Zumindest im offiziellen Diktus der Vereinsverantwortlichen.

Denn an genau dieser Spannung zwischen (zu hoch) gesteckten Erwartungen und dem faktischen Ist-Zustand des sportlichen Niveaus ist der Klub in den letzten drei Jahren jeweils krachend gescheitert.

Spiegeln die jüngsten Transfers ein neues Denken beim HSV wider?

In diesem Sinne befürworte ich dann auch die jetzt schon erkennbar "realistischere" Heransgehensweise der sportlichen Führung, wie sie sich in den bisher realisierten Transfers widerspiegelt.

Klangvolle Namen wie Ruud van Nistelrooy, Zé Roberto, Jerome Boateng, Paolo Guerrero oder Mladen Petric sind von weniger glamourösen wie Sebastian Schonlau, Jonas Meffert oder Miro Muheim ersetzt worden.

Sogenannte Stars, selbst auf nationaler Ebene, findet man im aktuellen Kader der Rothosen keine mehr.

Wohl der einzig gangbare Weg, um in Hamburg (mal wieder mit einem neuen Trainer!) endlich was Nachhaltiges aufzubauen. Und sei es um den Preis weiterer Jahre in Liga zwei, die in der kommenden Saison ja sowie fast glanzvoller daherkommt als die Bundesliga.

Obwohl: 13 Jahre müssen es nach meinem Geschmack dann auch nicht werden.

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