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Hamburger SV

HSV - oder: Wenn Prinzipientreue zum (unnötigen) Risiko wird

Guido Müller
Erstmals seit dem April 2016 konnte der HSV wieder gegen Werder Bremen gewinnen
Erstmals seit dem April 2016 konnte der HSV wieder gegen Werder Bremen gewinnen / Martin Rose/Getty Images
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Bisweilen sind es einzelne Spiele, die das Schicksal eines Klubs nachhaltig verändern können. Zum Guten wie zum Schlechten hin. Zwölf Jahre lang haderten die HSV-Fans mit dem vierfachen Derbyfrust gegen den SV Werder Bremen. Und auch wenn der gestrige Erfolg bei den Grün-Weißen wie Balsam auf die Wunden wirken dürfte - HSV-Coach Tim Walter sieht keinen Grund abzuheben.


"Am Sonntag ist Training", diktierte er den Journalisten nach der Partie in die Mikros. "So gut haben wir noch nicht performt, dass wir freimachen können." (via spiegel.de).

Tim Walter
Sieht noch Steigerungspotential bei seiner Elf: HSV-Coach Tim Walter / Martin Rose/Getty Images

Und pflichtete damit sport1.-Co-Kommentator Martin Harnik (Hamburger Jung mit Vergangenheit bei beiden Klubs!) bei, der eine Stunde lang einen "überragenden HSV" gesehen, aber eben auch eine auf die Spitze getriebene Plantreue bei den Hamburger ausgemacht hatte.

Tatsächlich hatte der HSV mit der vom Trainer verordneten Marschroute der ständigen Positionswechsel die Hausherren so gut wie über die gesamte erste Halbzeit im Griff.

Die frühe Führung nach achtzig Sekunden (!), nach einer tollen one-touch-Kombination über Gyamerah, Leibold, Heyer und Glatzel, spielte ihnen dabei natürlich in die Karten.

In der Folge hielten die Rothosen die Bremer weitestgehend vom eigenen Strafraum fern. Erst nach der unstrittigen gelb-roten Karte für Groß, sozusagen mit dem Mute der Verzweiflung, streiften die Gastgeber ihre taktischen Fesseln etwas ab - und wären durch Duckschs vermeintliches Ausgleichstor beinahe noch vor der Pause belohnt worden.

Doch ein regelunkundiger Mitspieler (Mitchell Weiser) verwandelte den sehenswert geschossenen Freistoß des Bremer Mittelstürmers in reine Makulatur.

Und ein eiskalter HSV legte noch vor dem Halbzeitpfiff durch Heyer (nach Zuckerflanke von Jatta) einen drauf.

Das Hamburger Problem der Vorsprungsverwaltung

2:0 zur Pause, zudem ein Mann mehr: was sollte da noch schiefgehen? Hätte man sich als neutraler Beobachter wohl gefragt. Aber die leidgeprüften HSV-Fans dürften aus bitteren Erfahrungen heraus (allein nur aus Zweitliga-Zeiten) anders gedacht haben.

Darmstadt, Stuttgart, Heidenheim, Aue - schon mehrere Teams haben den Hamburgern in den letzten drei Jahren noch Punkte nach Zwei-Tore-Rückständen abgeknöpft. Warum also sollte dies nicht auch den Bremern, zumal vor eigenem Publikum, gelingen?

Und kaum sechs Minuten nach Wiederanpfiff verlor der HSV auch prompt den numerischen Vorteil, wobei die Entscheidung von Schiri Sascha Stegemann in diesem Fall kaum nachzuvollziehen war. Walter sprach dann auch nach dem Spiel von einer "Konzessionsentscheidung".

Sascha Stegemann
Sorgte gestern mit einigen Entscheidungen für viel Gesprächsstoff: Sascha Stegemann / Martin Rose/Getty Images

Dennoch schien Werder die Gunst der Stunde nicht wahrgenommen zu haben. Harnik sprach etwa eine Viertelstunde nach Schonlaus Platzverweis davon, dass die Bremer immer noch so spielten, als wären sie in Unterzahl.

Was natürlich auch am HSV lag, der die Bremer weiterhin nicht wirklich ins Spiel kommen ließen. Und wenn - dann nur durch eigene Fehler. Zunächst ließ Jatta die Riesenchance zum 3:0 liegen, dann ging Heyer in ein riskantes Dribbling gegen zwei Werderaner und leitete somit eine Großchance des eingewechselten Füllkrug ein.

Dem HSV war spätestens ab der 65. Minute der doppelte Vorwurf zu machen, a) nicht konsequent weiter auf das entscheidende dritte Tor gegangen zu sein, und b) durch eine offenbare Fehlinterpretation der Vorgaben ihres Trainers hinten für viel zu viel Risiko zu sorgen.

Ein ums andere Mal ertappte ich mich gestern Abend dabei, sinnbefreit meinen Fernseher anzuschreien. "Schlag ihn doch einfach lang!" Nein, stattdessen wurde noch um den Fünfer herum mit Torwart Heuer Fernandes (auch gestern wieder bärenstark!) kombiniert, der spielerische Ansatz im Aufbau quasi auf die Spitze getrieben.

Für den Fall der Fälle stellte Walter nach dem Spiel klar, dass er seinen Spieler keineswegs verboten habe, den Ball gegebenenfalls auch mal hinten rauszuschlagen. Hier fehlt es seinen Spielern noch an der entsprechenden Balance.

Stellt sie dies in den kommenden Wochen und Monaten ab, ist mit ihr auch im vierten Zweitliga-Jahr als Aufstiegsaspirant zu rechnen.

Erinnerungen an ein 6:2 gegen den VfB Stuttgart

In diesem Sinne ist jetzt auch das ganze Umfeld der Mannschaft gefordert, die Dinge richtig einzuordnen. Mich hat das gestrige Spiel nämlich stark an das 6:2 gegen den VfB Stuttgart vor knapp zwei Jahren erinnert.

Auch damals bestach der HSV vor allem durch eine beeindruckende Effizienz. Gefühlt wurden aus vier Chancen damals sechs Tore gemacht. Doch die gesamte Spieldynamik sprach eine andere Sprache als es das Endergebnis ausdrückte.

Damals wie gestern hätte die Partie auch 2:2 oder 3:3 oder gar 4:4 ausgehen können - oder der HSV auch verlieren können. Vor zwei Jahren schwelgte man jedenfalls schon in süßesten Aufstiegsträumen - und gewann von den sieben folgenden Spielen (größtenteils gegen Teams aus dem unteren Tabellendrittel) nur noch eines. Der Anfang vom Ende der Ära Hecking.

Die guten Dinge von gestern mitnehmend, sollte man in der Aufarbeitung dieses ersten Nordderbys im Unterhaus die erwähnten weniger guten keinesfalls unter den Tisch fallen lassen.

Es war ein gutes bis streckenweise sehr gutes Spiel des HSV, keine Frage. Aber eben auch nur eine gute Stunde lang. Gestern hat es zu drei Punkten gereicht. Darauf verlassen, dass es auch künftig so läuft, sollte man sich aber keinesfalls.

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