90min

FC Bayern: Das erste Zwischenzeugnis für die Neuzugänge

Nov 11, 2020, 4:12 PM GMT+1
Der Königstransfer des FC Bayern: Leroy Sané
Der Königstransfer des FC Bayern: Leroy Sané | Alexander Hassenstein/Getty Images
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Der FC Bayern hat größere Veränderungen am Kader vorgenommen. Nach dem zweiten Triple der Vereinsgeschichte haben neun Spieler den Verein verlassen, sieben Neue sind dazugekommen. 90min zieht ein erstes Fazit.

Die Verluste von Thiago, Ivan Perisic, Philippe Coutinho und Alvaro Odriozola auffangen und somit in die Breite, andererseits aber auch in die Zukunft investieren - so lautete die Aufgabe für Sportvorstand Hasan Salihamidzic und sein Team. Der FC Bayern hatte auf dem Transfermarkt viel zu erledigen, die finanziellen Auswirkungen der Corona-Pandemie machte es den handelnden Personen aber alles andere als einfach.

Erst kurz vor dem Ende des Transferfensters wurden alle Baustellen geschlossen. Das Resultat: Alexander Nübel, Tanguy Nianzou, Leroy Sané, Marc Roca, Bouna Sarr, Douglas Costa und Eric Maxim Choupo-Moting wurden für zusammengerechnet 62 Millionen Euro verpflichtet. Das ist zweifelsohne noch immer eine Menge Geld, kein anderer Bundesligist hat bis zum Transferschluss am fünften Oktober mehr investiert. Aber die durchschnittliche Ablösesumme von 8,85 Millionen Euro pro Spieler ist verhältnismäßig moderat.

Spieler zu verpflichten ist das eine, ob sie die Mannschaft auch wirklich verstärken, steht auf einem anderen Blatt Papier. Wie ist Königstransfer Sané eingeschlagen? Wie ergeht es Nübel? Und was darf man von Costa oder Choupo-Moting erwarten? Nach den ersten Wochen in der neuen Saison stellt 90min den Neuzugängen ein Zwischenzeugnis aus.

1. Alexander Nübel

Alexander Hassenstein/Getty Images

Die Verpflichtung von Alexander Nübel sorgte für Diskussionsstoff. Der junge Torhüter wurde ablösefrei vom FC Schalke 04 verpflichtet und soll sich perspektivisch hinter Manuel Neuer entwickeln. Gelingt es ihm, eines Tages in dessen Fußstapfen zu treten?

Erwartung: Spannend war nach Nübels Ankunft die Frage, wer nun die Nummer zwei beim FC Bayern sein würde: Der 24-jährige Neuzugang oder Sven Ulreich, der schon seit 2015 die Bayern-Bank besetzte? Mit dem Transfer von Ulreich zum Hamburger SV war jedoch klar, dass Nübel den Vorzug erhält. Der Stammplatz von Neuer - das machte Hansi Flick von vornherein klar - ist aber nicht in Gefahr.

Einsätze: Bisher durfte sich Nübel einzig im Erstrundenspiel des DFB-Pokals gegen den 1. FC Düren (3:0) auszeichnen. In allen anderen Partien stand Neuer zwischen den Pfosten.

Leistung: Die Eindrücke aus dem Training sind dem Vernehmen nach positiv, Nübel konzentriert sich auf seine Entwicklung und erhebt in der Öffentlichkeit keine Ansprüche auf regelmäßige Spielpraxis. Seine Haltung ist vorbildlich, Leistungen kann er aber nicht im Wettkampf präsentieren.

Zukunft: Nübel und der an den 1. FC Nürnberg verliehene Christian Früchtl dürften in einigen Jahren um die Neuer-Nachfolge kämpfen. Seine ersten Ansätze auf Schalke waren durchaus positiv - doch in der Regel brauchen junge Torhüter Spielpraxis. Zwar hat Ulreich bewiesen, dass man sich auch auf der Ersatzbank weiterentwickeln kann, doch Nübel wird von Grund auf kritischer beäugt als die anderen Torhüter. Denn: Von ihm wird erwartet, dass er in Neuers Fußstapfen passt. Bloß sind diese praktisch jedem Keeper zu groß. Selbst wenn er die neue Nummer eins der Bayern werden sollte, müsste er sich stets mit Neuer messen lassen. Dabei kann er nur verlieren.

Note: 3

2. Tanguy Nianzou

CHRISTOF STACHE/Getty Images

Tanguy Nianzou ist ebenfalls für die Zukunft eingeplant. Das Abwehr-Talent soll sich in aller Ruhe beim FC Bayern entwickeln und langfristig um einen Stammplatz kämpfen.

Erwartung: Dass Nianzou von Beginn an um einen Platz in der ersten Elf kämpft, war nicht zu erwarten. Stattdessen sollte sich der 18-Jährige zuallererst in seinem neuen Umfeld zurechtfinden und sich an den FC Bayern gewöhnen.

Einsätze: Aufgrund einer Oberschenkelverletzung, die er im September bei der französischen U20-Nationalmannschaft erlitten hat, konnte Nianzou noch kein Pflichtspiel für die Bayern absolvieren. Jedoch trainiert er seit dieser Woche wieder mit der Mannschaft.

Leistung: Da er seit September verletzungsbedingt ausgefallen war und Trainer Hansi Flick ihn behutsam aufbauen will, ist eine Beurteilung von Nianzous Leistung noch nicht möglich.

Zukunft: Nianzou gilt als das französische Defensiv-Talent - entsprechend groß sind die Hoffnungen und Erwartungen, dass ihm eines Tages der Durchbruch gelingt. An diesem hohen Maßstab wird er sich messen lassen müssen, aber es ist ihm zuzutrauen, früher oder später in die Fußstapfen von Jerome Boateng oder David Alaba zu treten.

Note: k.A.

3. Leroy Sané

DeFodi Images/Getty Images

Mit einer Ablösesumme in Höhe von 45 Millionen Euro war Leroy Sané der Königstransfer des Sommers. Mit einem Jahr Verspätung ist der deutsche Nationalspieler beim FC Bayern angekommen und soll künftig das Aushängeschild der Mannschaft werden.

Erwartung: Der Transfer von Sané ist an sehr hohe Erwartungen geknüpft. Der Flügelspieler hat die Nummer 10 erhalten und tritt damit in die Fußstapfen von Größen wie Arjen Robben, Roy Makaay, Lothar Matthäus oder Uli Hoeneß. Die Nummer signalisiert: Sané soll ein Star werden - sowohl auf dem Platz als auch auf den Werbebanden.

Einsätze: Aufgrund einer Kapselverletzung, die Sané Ende September bei der 1:4-Klatsche gegen die TSG Hoffenheim erlitt, konnte der deutsche Nationalspieler erst sieben Einsätze über 337 Spielminuten absolvieren. In dieser Zeit erzielte er allerdings vier Tore und bereitete zwei weitere Treffer vor.

Leistung: Nach der Kreuzband- und Kapselverletzung benötigt Sané Zeit, um seine Bestform zu erreichen. Deshalb wird er in Ruhe aufgebaut und wird sukzessive an die Startelf herangeführt. In den beiden jüngsten Pflichtspielen gegen RB Salzburg (6:2) und Borussia Dortmund (3:2) überzeugte er als Joker, der in der Schlussphase noch einmal Tempo und Frische in das Bayern-Spiel mitbringt. Gleichwohl merkt man ihm bei Startelfeinsätzen an, dass er noch nicht bei 100 Prozent ist.

Zukunft: Aufgrund der Vertragslaufzeit bis 2025 ist klar geregelt, wo Sané die kommenden Jahre verbringen wird. In München will er den Schritt in Richtung Weltklasse machen; die ersten Ansätze deuten dahingehend auf eine positive Entwicklung hin. Doch die Konkurrenz ist groß, weshalb von einem Stammplatz keine Rede sein kann. Den gibt es aber ohnehin nur in Ausnahmefällen.

Note: 2-

4. Marc Roca

Alexander Hassenstein/Getty Images

Stilistisch soll Marc Roca das spielerische Element im Spiel des FC Bayern verstärken. Als zweiter Spielmacher hinter Joshua Kimmich benötigt er laut Hansi Flick aber noch Zeit, um die Spielweise zu verinnerlichen.

Erwartung: Mit seinen 23 Jahren steht Roca noch am Beginn seiner Karriere. Nach vielen Jahren bei Espanyol Barcelona ist der FC Bayern erst seine zweite Profi-Station. Der Sprung ist also groß, sein Potenzial aber auch. Dieses soll er in den kommenden Jahren entfalten. Zum aktuellen Zeitpunkt sind aber noch keine Wunderwerke zu erwarten.

Einsätze: Wie Nübel durfte auch Roca im Pokalspiel gegen Düren über 90 Minuten spielen, darüber hinaus steht nur ein Kurzeinsatz beim Auswärtsspiel gegen den 1. FC Köln (2:1) am sechsten Spieltag zu Buche.

Leistung: Wirklich auszeichnen konnte sich Roca noch nicht. Flick bittet um Geduld, demzufolge dürfte der junge Spanier weit von seinen Vorstellungen entfernt sein. Über gute Trainingsleistungen wird er sich für einen Einsatz empfehlen müssen, der Drei-Tage-Rhythmus lässt intensivere Einheiten aber kaum zu. Somit befindet er sich in einem kleinen Teufelskreis, aus dem er derzeit nicht herauskommt.

Zukunft: Mittelfristig hat Roca das Potenzial, sich in der internen Rangfolge auf einem geteilten dritten Platz mit Corentin Tolisso hinter dem unangefochtenen Duo Joshua Kimmich und Leon Goretzka zu etablieren. Ob es eines Tages auch für einen Stammplatz reichen wird, bleibt abzuwarten; grundsätzlich aber ist er ein Spieler, der dem FC Bayern weiterhelfen kann.

Note: 4

5. Bouna Sarr

Pool/Getty Images

Für zehn Millionen Euro wurde Bouna Sarr von Olympique Marseille verpflichtet. Hauptsächlich soll er Benjamin Pavard entlasten.

Erwartung: Nachdem Alvaro Odriozola in der abgelaufenen Rückrunde überhaupt keine Rolle gespielt hat, soll Sarr deutlich häufiger um Einsatz kommen. Der Franzose soll seinen Landsmann Pavard auf der rechten Abwehrseite entlasten, wobei er ob dessen schwacher Form auch die Chance hat, sich vorerst im Konkurrenzkampf durchzusetzen.

Einsätze: In den vergangenen drei Bundesligaspielen spielte Sarr jeweils über 90 Minuten durch, in der Champions League erhielt er derweil Kurzeinsätze gegen Atlético Madrid und RB Salzburg. Zu Buche steht außerdem ein 90-minütiger Einsatz im DFB-Pokal.

Leistung: Sarr offenbart in seinen ersten Wochen Licht und Schatten. Sein Tempo und seine Dribblingaffinität sind zwei positive Merkmale, seine Aktionen im letzten Drittel lassen aber noch zu wünschen übrig. Darüber hinaus unterlaufen dem 28-Jährigen im Spiel gegen den Ball Fehler, weil er Angst davor hat, welche zu begehen. Mit etwas mehr Selbstvertrauen würde er deutlich souveräner auftreten.

Zukunft: Für einen Stammplatz als Rechtsverteidiger dürfte es nicht reichen, aber Sarr könnte der Nachfolger von Rafinha werden. Der Brasilianer war jahrelang eine wichtige Stütze und brachte stets seine Qualitäten auf dem Platz, wenn sie gefordert waren. Die Rollenverteilung war von Beginn an klar, wie lange sich Sarr als Backup zufriedengibt, ist jedoch offen.

Note: 3-

6. Douglas Costa

Christian Kaspar-Bartke/Getty Images

Ohne Kaufoption wurde Douglas Costa von Juventus Turin ausgeliehen. Der Rückkehrer soll das Personal auf den Außenbahnen komplettieren.

Erwartung: Hauptsächlich wurde Costa für die Breite verpflichtet - genau wie Sarr. Der 30-Jährige spielt bereits zum zweiten Mal in München und kennt noch viele Spieler aus der Mannschaft, weshalb er kaum Anlaufzeit benötigt hat.

Einsätze: Bislang kam Costa siebenmal zum Einsatz, von Anfang an durfte er aber erst zweimal spielen. Insgesamt stehen 219 Einsatzminuten zu Buche, in denen er zwei Torvorlagen beisteuerte.

Leistung: Unter Hansi Flick sollen sich die Flügelspieler in den Halbräumen aufhalten, damit die Außenverteidiger an der Linie durchbrechen können und der gegnerische Strafraum dicht besetzt ist. In dieser Rolle fühlt sich Costa aber nicht ganz so wohl, weil er auf engem Raum nicht von seinem explosiven Antritt Gebrauch machen kann.

Zukunft: Obwohl eine Kaufoption nicht vorhanden ist, darf nicht ausgeschlossen werden, dass Costa beim FC Bayern bleibt. Eigenen Angaben zufolge ist er glücklich darüber, wieder in München zu sein, und wenn er die Sportliche Leitung überzeugen kann und man sich mit Juve auf einen angemessenen Preis einigt, könnte er noch ein paar Jahre bleiben. In der Rangordnung dürfte er sich aber auch dann hinter Sané, Serge Gnabry und Kingsley Coman einreihen müssen.

Note: 3-

7. Eric Maxim Choupo-Moting

Christian Kaspar-Bartke/Getty Images

Nachdem sein Vertrag bei Paris St. Germain ausgelaufen war, wechselte Eric Maxim Choupo-Moting ablösefrei zum FC Bayern.

Erwartung: Vorrangig wurde Choupo-Moting für die Breite verpflichtet. Er soll sich fit halten und konzentriert auf jedes Wochenende vorbereiten, denn insbesondere in der Bundesliga wird er Lewandowski einige Male vertreten müssen. Mit seinem Spielverständnis und seiner Technik soll er sich auf engem Raum behaupten, in das Kombinationsspiel einbinden und obendrein Tore erzielen.

Einsätze: Der 31-Jährige kam in fünf Pflichtspielen zum Einsatz, spielte aber einzig gegen Düren und Köln von Beginn an. Im Pokal erzielte er einen Doppelpack, ein weiterer Treffer ist ihm noch nicht gelungen. Dafür hatte er aber auch erst 173 Minuten Zeit.

Leistung: Choupo-Moting wird den Erwartungen gerecht, aber er übertrifft sie nicht. Er ist ein solider Bundesligastürmer, der schon in Paris gezeigt hat, dass er sich in ein Starensemble einfügen kann. Solche Spieler sind wertvoll für den Trainerstab.

Zukunft: Vorerst ist der Vertrag bis Saisonende datiert. Sollten beide Parteien am Ende der Spielzeit zufrieden sein, spricht nichts dagegen, das Engagement um ein Jahr zu verlängern. Das wäre vermutlich im Interesse beider Parteien - denn die Bayern verlängern mit Spielern über 30 Jahren in der Regel nur um ein Jahr, und wenn Choupo-Moting wieder Lust auf mehr Spielpraxis hat, werden ihm keine Steine in den Weg gelegt.

Note: 3

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