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Endlich in Liga 2 angekommen, HSV?

Guido Müller
Ist der HSV mit ihm endlich in der Realität angekommen? Coach Daniel Thioune
Ist der HSV mit ihm endlich in der Realität angekommen? Coach Daniel Thioune / Oliver Hardt/Getty Images
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Wenn man einsteigt in die Materie HSV und den Versucht unternimmt, zu verstehen, was in diesem Klub in den letzten Jahren falsch gelaufen ist, kommt man relativ schnell auf die im Umfeld wahrzunehmende Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Es scheint so zu sein, dass man in weiten Teilen den Fakt der Zweitklassigkeit immer noch nicht so recht akzeptieren will (oder kann). Doch es mehren sich die Anzeichen, dass ein Umdenken stattfindet.

Und der ist schon an der diesjährigen Kaderzusammenstellung plus Bestellung des Trainers abzulesen.

Transferaktivitäten der letzten Jahre waren nicht auf die Zweite Liga ausgerichtet

Zwar ging man im ersten Zweitliga-Jahr mit Trainer-Nobody Christian Titz (der sich zuvor "nur" bei der Regionalliga-Mannschaft und in den letzten acht Bundesliga-Spielen des Klubs Meriten erworben hatte) in die Saison. Doch holte man in der Folge fast ausschließlich Spieler ohne Zweitligaerfahrungen.

Mit Hee-Chan Hwang und Léo Lacroix waren unter den Neuverpflichtungen auch Spieler, die nicht einmal den deutschen Fußball richtig kannten. Und dessen Zweitliga-Version noch viel weniger. Lediglich Khaled Narey (kam aus Fürth) kannte das Habitat.

Diese Transferpolitik setzte sich im folgenden Jahr fort. Mit der erschwerenden Tatsache, dass sogar der neuverpflichtete Trainer (in bester HSV-Tradition!) ein gefühlter Erstliga-Coach war. Zwar wurden mit Kinsombi, Ewerton, Leibold und Özcan eine Reihe von Spielern mit Zweitliga-Erfahrung geholt - doch war der neue Chef auf der HSV-Bank, Dieter Hecking, ganz klar mit Blick auf die schnellstmögliche Rückkehr ins Oberhaus geholt worden.

Was sich auch an dem Fakt des Einjahres-Vertrages, den man Hecking gab, festmachen lässt. Motto: entweder du steigst sofort auf (weil wir ja eigentlich in der Zweiten Liga nichts verloren haben) - oder du musst gehen. In dem Moment, in dem auch Hecking sich darauf einließ, hatte man das Aufstiegslabel für alle (auch die Gegner) gut sichtbar auf der Stirn kleben.

Auf gefährliche Art und Weise suggerierte das dem einen oder anderen wohl, dass man ja irgendwie doch noch ein Erstligist sei. Das Ergebnis ist bekannt.

Veränderte Selbstwahrnehmung: Demut und Bescheidenheit

In diesem Jahr veränderte der HSV schon in der Kommunikation nach außen die Ausgangslage. Bereits rein verbal wurden vor der Saison weitaus kleinere Brötchen gebacken als zuvor. Viel wurde da von Demut und Bescheidenheit geredet. Und - fast noch wichtiger: Der Abstieg (und die danach nicht geglückten Wiederaufstiege) wurden nicht mehr als Unfälle abgetan, sondern als logische Folge der Fehlentwicklungen in den Bundesligajahren zuvor interpretiert. Wie heißt es doch schön: Selbsterkenntnis ist der erste Schritt zur Besserung.

Nach außen demonstrierte man diese neue, bescheidenere Herangehensweise durch den Mut, auf der Trainerposition auf ein bis dahin noch weithin unbeschriebenes Blatt wie Daniel Thioune zu setzen. Der hatte sich vorher als Trainer eines "klassischen" Zweitligisten wie dem VfL Osnabrück einen Namen gemacht.

Die Spieler, die geholt wurden, haben ebenfalls überwiegend Zweitliga-Profil. Zwar hat Torjäger Simon Terodde auch schon Erfahrungen in der Beletage sammeln können - seine besten Zeiten hatte er aber immer im Unterhaus. Und auch bei Sven Ulreich darf man sich vom Namen seines vorherigen Arbeitgebers nicht blenden lassen - die meiste Zeit verbrachte Ulle bei den Bayern auf der Bank.

Wandel auch auf dem Platz

Auch auf dem Platz selbst scheint sich in den letzten Spielen eine Trendwende abzuzeichnen. Schon beim Spiel in Darmstadt war es vom spielerischen her ein eher bescheidener Vortrag. Doch stand man im Gegenzug über neunzig Minuten ziemlich sicher in der Defensive.

Bis auf das grandios herausgespielte Tor (das wohl auch die meisten Bundesligisten nicht hätten verteidigen können) gelang den Hessen wenig bis gar nichts vorm gegnerischen Tor. Ein Kopfball vom Ex-HSVer Pfeiffer und eine von Torjäger Dursun knapp verfehlte Hereingabe (beide nach Standards) waren die einzigen nennenswerten Szenen vor dem HSV-Tor.

Gegen den SV Sandhausen setzte sich dieses Bild fort. Erneut war es aus HSV-Perspektive eine eher zähe Angelegenheit was das Offensivspiel angeht. Doch hinten ließen die Rothosen nach einer sehr unruhigen Anfangsphase (in der allein Esswein seine Mannschaft frühzeitig auf die Siegerstraße hätte bringen können) im weiteren Verlauf der Partie nicht mehr viel zu. Trotz der optischen Überlegenheit der Sandhäuser kamen diese ab der 20. Minute kaum noch zu richtig guten Torchancen.

Und so sprach Coach Daniel Thioune nach dem sicherlich um zwei oder drei Tore zu hohen Sieg gegen den SVS, ob gewollt oder ungewollt, die Worte aus, die diesen Wandel in den Köpfen beim HSV wohl am besten beschreiben: "Willkommen in der Zweiten Liga!"

Diesem saloppen Spruch fügte der Trainer noch eine tiefergehende Analyse hinzu, die ein wenig an die Hecking'schen Aussagen während der letzten Winterpause erinnert: "Vielleicht muss man nicht immer den Ball haben, um erfolgreich Fußball zu spielen. Ich habe meiner Mannschaft mitgegeben, dass es unser primäres Ziel sein muss, endlich mal wieder zu Null zu spielen und uns mit allem, was wir haben, in jeden Ball reinzuhauen." (Quelle: bild.de)

Willkommen in der Zweiten Liga also. In genau der Liga, in der sich der HSV selbst nie sehen wollte - auch dann nicht, als er schon in ihr gefangen war. Hat man womöglich zwei Jahre verschlafen, weil man den Blick für die Realitäten verloren hat?

Wenn man die Worte von Klaus Gjasula gegenüber dem kicker zu Rate zieht, könnte man diese Frage durchaus mit "ja" beantworten. "Was in der Öffentlichkeit schon nach unserem zweiten Unentschieden im Anschluss an fünf Siege los war, habe ich als extrem empfunden", beschreibt der defensive Mittelfeldspieler seine Eindrücke über das notorisch unruhige Umfeld im Klub.

Und legt mit einem klaren Appell nach: "Wir sind ein Zweitligist, und das schon im dritten Jahr. Das muss in die Köpfe der Leute. So lange es sich nicht ändert, dass von außen so schnell Unruhe entsteht, besteht die Gefahr, dass das noch länger so bleibt."

Klingt fast wie eine Warnung davor, dass es auch in dieser Spielzeit wieder nach hinten losgehen könnte, wenn die Botschaft eben nicht in die Köpfe der Leute kommt. Die Botschaft, dass der HSV zu einem ganz normalen Zweitligisten geworden ist.

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