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Die Trainer-Frage beim BVB: Ist Favre noch zu halten? Und wenn nein: Wer könnte ihm folgen?

Lucien Favre
Borussia Dortmund v FC Bayern Muenchen - Bundesliga | Pool/Getty Images

Im Herbst vergangenen Jahres ließ Lucien Favre die monatelange Kritik an seiner Person verstummen. Spätestens nach der 0:1-Niederlage gegen den FC Bayern stellen sich Medienvertreter und Experten jedoch wieder die Frage, ob der akribische Schweizer der richtige Trainer für den titelhungrigen BVB ist. Am Dienstagabend äußerte sich Favre kryptisch, eine Trennung zum Saisonende schien nicht ausgeschlossen. Einen Tag später ruderte er zurück, doch die Trainerfrage bleibt offen. Wird er die Saison überleben? Und wer wäre ein geeigneter Nachfolger?

Von außen ist Lucien Favre schwer zu charakterisieren. Auf dem Trainingsplatz ist er ein akribischer Arbeiter, der viel Arbeit in seine Spielidee steckt, an vielen Details werkelt und ein ästhetisches, dynamisches und fließendes Fußballspiel anstrebt. Technisch begabte Spieler mit einem hohen Maß an Spielintelligenz, dazu pfeilschnelle Akteure, die viele Meter binnen weniger Sekunden gutmachen, sind für sein Spiel bestens geeignet. Rein fußballerisch haben Favre und Borussia Dortmund alles, was eine erfolgreiche und langjährige Beziehung ausmacht; doch irgendwie will es einfach nicht funktionieren.

Mit Favre, heißt es spätestens nach der gestrigen Niederlage gegen die Münchner, wird der BVB keinen nennenswerten Titel holen. Wieder einmal wurde seine Sturheit bei der Aufstellung kritisiert, wieder einmal wurde er als zu emotionslos an der Seitenlinie beschrieben.

Warum er Jadon Sancho und Emre Can nicht von Beginn an spielen ließ, fragte sich Sky-Experte Lothar Matthäus im Studio. Gerechtfertigt war die Kritik aber nur bei Can, der durchaus von Beginn an hätte spielen können - doch Thomas Delaney und Mahmoud Dahoud standen bereits in den Spielen gegen Schalke (4:0) und Wolfsburg (2:0) in der Startelf, hinterließen einen guten Eindruck und sind einem Rhythmus näher als Can, der erst kürzlich ins Mannschaftstraining einsteigen konnte.

Anders als im Hinspiel, als Sancho angeschlagen von Beginn an spielte und noch in der ersten Halbzeit ausgewechselt wurde, ging Favre auf Nummer sicher - doch genau das wird nun an ihm kritisiert. Hätte er Can und Sancho, der im gestrigen Aufeinandertreffen äußerst blass wirkte, von Anfang an gebracht, hätte es allerdings vermutlich geheißen, dass er ein zu hohes Risiko eingegangen wäre.

An Aufgeben denke ich überhaupt nicht.

Lucien Favre

Favre will nicht aufgeben - ist er noch zu halten?

Das Dauerthema Meisterschaft wird die Verantwortlichen nun wieder mit Fragen über Favres Zukunft begleiten. Der Trainer äußerte sich im Interview mit Sky kryptisch, sagte: "Ich werde darüber sprechen, in ein paar Wochen." Gemeint war die stetige Kritik an seiner Person, auf den ersten Blick lässt es sich wie die Ankündigung einer Abrechnung interpretieren, an deren Ende er seinen Rücktritt verkünden wird. Ganz nach dem Motto: Das mache ich nicht mehr mit.

Allerdings ruderte er am Mittwoch zurück: "An Aufgeben denke ich überhaupt nicht. Gestern waren wir alle enttäuscht, meine Worte im Interview direkt nach dem Spiel scheinen aber vielfach falsch verstanden worden zu sein. Was ich nur auf entsprechende Fragen hatte antworten wollen, war: Jetzt ist nicht die Zeit, um die Saison zu bilanzieren. Warum auch? Wir haben noch sechs Spiele, in denen wir unser Bestes geben müssen - und die wir am liebsten alle gewinnen wollen", sagte Favre laut Sport1 nach der Trainingseinheit am Vormittag.

Es gibt aktuell überhaupt keinen Anlass für eine Trainerdiskussion.

Hans-Joachim Watzke

Nach Informationen des TV-Senders steht der Trainer intern nicht zur Debatte, der Rückhalt der Klubführung sei nach wie vor vorhanden. Das deckt sich mit den Aussagen von Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke, der Favre im Interview mit der Funke Mediengruppe den Rücken stärkte: "Es gibt aktuell überhaupt keinen Anlass für eine Trainerdiskussion. Wir spielen eine sehr, sehr gute Rückrunde, hatten vor dem Spiel 27 von 30 Punkten geholt, sind überall gelobt worden."

Die Titelchancen wurden frühzeitig verspielt

Doch während im DFB-Pokal wie in der Champions League im Achtelfinale Schluss war, wurde die Meisterschaft bereits in der Hinrunde verspielt. 30 Punkte hat Schwarz-Gelb in der ersten Saisonhälfte gesammelt, und damit 12 weniger als in der Saison 2018/19 und nur 3 mehr als in der laufenden Rückrunde. Ein durchaus berechtiger Kritikpunkt: Favre hielt zu lange am 4-2-3-1/4-3-3 fest, wagte erst Ende November die Umstellung auf 3-4-3. Zudem war es verwunderlich, dass der schwach aufspielende Manuel Akanji Chance um Chance in der Innenverteidigung erhielt, während Julian Brandt erst nach einigen Monaten seinen Platz in der Mannschaft fand.

Gemessen an den hohen Erwartungen, dem stetigen Druck der medialen Öffentlichkeit und der Tatsache, dass sich Dortmund den Bayern wieder einmal geschlagen geben muss, deutet sich trotz Watzkes Rückendeckung eine Trennung an. Der Hunger der Klubbosse wird immer größer und auffälliger, doch Favre scheint diesen nicht stillen zu können. Eine Zusammenarbeit über den Sommer hinaus wäre verwunderlich.

Wer könnte auf Favre folgen?

Stellt sich die Frage, welche Kandidaten im Blickpunkt stehen könnten. Von Matthäus wurde erneut Ex-Bayern-Trainer Niko Kovac ins Spiel gebracht, laut BILD sollen beide Parteien vor Monaten in Kontakt gestanden haben. Dass sich der Titeltraum mit dem Kroaten erfüllt, ist hinsichtlich seiner Zeit beim FC Bayern jedoch ein Trugschluss.

Schon bei Eintracht Frankfurt hat Kovac bewiesen, dass er defensiv denkt. Ein wirkliches Offensivkonzept war weder bei der SGE noch bei den Bayern zu erkennen. In der vergangenen Saison hing viel von Einzelaktionen ab, das Kombinationsspiel war zu ausrechenbar und ideenlos. Häufig bildete die Mannschaft ein 'U', in dem der Ball vertikal vom einen Flügel auf den anderen verlagert wurde. Diagonale Bälle, wie sie beispielsweise Thomas Tuchel oder Hansi Flick anstreben, wurden äußerst selten gespielt.

Das Resultat: Gegen kleine Mannschaften taten sich die Bayern extrem schwer, weil sie es dem Gegner zu einfach gemacht haben. Dieser musste nur verschieben und konnte rausrücken, wenn der Ball wieder hintenrum über die Innenverteidiger gespielt wurde. Wirklich erfolgsversprechend klingt das nicht, wenn der BVB wieder Pokale gewinnen will.

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Will Dortmund erfolgreich sein und schönen Fußball spielen, ist Niko Kovac nicht die richtige Wahl | DANIEL ROLAND/Getty Images

Sinnvoller wäre eine Verpflichtung von Erik ten Hag. Der Niederländer, dem vielfach ein Wechsel zu einem Top-Verein prophezeit wurde, lässt aggressiven und energischen Fußball spielen. Eine ähnliche Herangehensweise wählte Peter Bosz in der Saison 2017/18, doch anders als heute war der Dortmunder Kader nicht für diese Spielweise ausgerichtet. Es wäre der nächste Schritt nach dem Fußball unter Favre, der phasenweise leblos und nicht energisch genug wirkt. Unter der Leitung von ten Hag könnte der BVB seine Gegner wieder im Strafraum einschnüren und an die Wand spielen.

Erik Ten Hag
Seit der vergangenen Saison wird Erik ten Hag mit mehreren Top-Klubs in Verbindung gebracht. Landet der Niederländer in Dortmund? | Soccrates Images/Getty Images

Eine exotischere Lösung wäre Mauricio Pochettino. Der Argentinier wartet noch immer auf eine neue Aufgabe, wurde zuletzt mit Newcastle United in Verbindung gebracht. Eine große Hürde wären seine Gehaltsvorstellungen, rein sportlich betrachtet würde er allerdings passen. Bei Tottenham Hotspur hat er über Jahre bewiesen, dass er eine Mannschaft aufbauen und junge Spieler weiterentwickeln kann. Zudem ist er taktisch variabel, findet während eines Spiels stets Lösungen. Auch unter Pochettino würde Dortmund druckvoll nach vorne spielen, gleichzeitig aber auch eine rustikalere Art im Spiel gegen den Ball lernen.