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Immer wieder muss Neuer retten: Die Defensiv-Probleme des FC Bayern im Check

Nov 27, 2020, 1:06 PM GMT+1
Beim FC Bayern muss Manuel Neuer die Fehler der Defensive ausbaden
Beim FC Bayern muss Manuel Neuer die Fehler der Defensive ausbaden | Alexander Hassenstein/Getty Images
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Manuel Neuer hat im Tor des FC Bayern viel zu tun. Im bisherigen Saisonverlauf hat die Abwehr des Rekordmeisters nur selten geglänzt, die Gründe dafür sind vielschichtig.

Seit dem DFB-Pokalfinale 2019 ist Manuel Neuer wieder in Form. Allzu häufig musste er seine Klasse im Tor des FC Bayern seither nicht unter Beweis stellen, in dieser Saison sind seine Qualitäten aber wieder besonders gefragt. Am Mittwochabend feuerte RB Salzburg 19 Schüsse auf das Tor des 34-Jährigen ab, der mehrfach glänzte und einzig beim Abschluss von Mergim Berisha in der 73. Minute chancenlos war.

"Er ist in der Form seines Lebens", schwärmte Hansi Flick laut kicker nach dem 3:1-Sieg über Salzburg von Neuer, "es ist sensationell, wie er Großchancen pariert und uns Gegentore erspart." Gleichwohl weiß der 55-Jährige, dass sein Torhüter aktuell zu viel zu tun bekommt. Die Abwehr des FC Bayern ist nicht mehr so sattelfest wie in der abgelaufenen Saison, viele Spiele arten zu einer wilden Chancenschlacht auf beiden Seiten aus.

In den bisherigen 15 Pflichtspielen hielten die Münchner erst viermal die Null: In der Bundesliga gegen Schalke (8:0) und Eintracht Frankfurt (5:0), im DFB-Pokal gegen den 1. FC Düren (3:0) und in der Königsklasse gegen Atlético Madrid (4:0). Neuer, der 14 Mal zwischen den Pfosten stand, kassierte bereits 19 Gegentore. Zum Vergleich: In der vergangenen Saison waren es nach Flicks Amtsübernahme 25 Gegentore in 35 Spielen, wobei Neuer 19 Mal die weiße Weste wahren konnte.

Abwehrsorgen des FC Bayern: Kurze Pause, viele Spiele

Dass die Bayern-Abwehr derzeit wackelt, hat mehrere Gründe, die miteinander verknüpft sind. Da wäre einerseits die spieltaktische Ausrichtung und die extreme Belastung für die Spieler, die seit Ende Mai im Dauerbetrieb sind und nicht einmal nach dem Champions-League-Triumph Ende August Zeit zum Durchatmen hatten. Aufgrund der kurzen Vorbereitung blieb es Flick zudem verwehrt, neue taktische Elemente in das Spiel einzubauen - genau wie in der aktuellen Phase, in der Schlag auf Schlag ein Spiel nach dem anderen wartet.

Aufgrund seiner müden Vordermänner muss Manuel Neuer (Mitte) derzeit viele Torschüsse des Gegners parieren
Aufgrund seiner müden Vordermänner muss Manuel Neuer (Mitte) derzeit viele Torschüsse des Gegners parieren | Alexander Hassenstein/Getty Images

Das hohe Positionsspiel bietet viel Raum für den Gegner, dem es seit Wochen immer besser gelingt, diesen zu bespielen und mit Tempo ins letzte Drittel vorzudringen. Sind die Münchner körperlich und mental bei 100 Prozent, können sie Kontersituationen im Mittelfeld unterbinden und notfalls die Bälle in der Endverteidigung ablaufen. Davon ist die Flick-Elf aber weit entfernt.

Kurz gesagt: Für dieses intensive Spiel fehlen in dieser Saison die Kräfte. Allerdings fehlt es auch an einem dominanten Spielmacher im Mittelfeld, der lange Ballbesitzphasen einläutet, in denen die Mannschaft ein paar Körner spart. Es ist, als könnten die Bayern nur noch hoch pressen und konsequent anlaufen - doch aufgrund des eng getakteten Spielplans birgt diese Herangehensweise von Woche zu Woche immer mehr Risiko.

Viele Verletzte, mangelnde Rotationsmöglichkeiten

Hinzu kommen die Personalsorgen in der Abwehr und im Mittelfeld. Alphonso Davies konnte zwar in dieser Woche ins Mannschaftstraining zurückkehren und Lucas Hernandez wurde noch rechtzeitig für das Salzburg-Spiel fit, aber Bouna Sarr, Corentin Tolisso sowie Joshua Kimmich fielen aus und Niklas Süle, der nach der Entlassung aus der Quarantäne umgehend zur deutschen Nationalmannschaft reisen musste, muss seinen Fitnessrückstand aufholen. Am Mittwochabend begann daher Nachwuchsspieler Chris Richards auf dem Linksverteidiger-Posten und Bright Arrey-Mbi durfte auf der Bank Platz nehmen.

Hansi Flick geht das Personal in der Defensive aus
Hansi Flick geht das Personal in der Defensive aus | Handout/Getty Images

Flick kann kaum rotieren, doch er vertraut ohnehin dem Gerüst aus der Triple-Saison: Pavard ist als Rechtsverteidiger gesetzt, Boateng und Alaba in der Innenverteidigung - wobei sich Boateng und Süle phasenweise abwechseln - und auf der linken Seite ist ein Konkurrenzkampf zwischen Hernandez und Davies entfacht, wobei Hernandez aktuell den Vorzug genießt. Sommerneuzugang Tanguy Nianzou soll nach seiner Oberschenkelverletzung behutsam aufgebaut werden, mittelfristig könnte er die Möglichkeiten aber erweitern.

Die Ergebnisse stimmen dennoch

Zwei anstrengende Saisons ohne wirkliche Sommerpause, viele Verletzungssorgen und damit einhergehende mangelnde Rotationsmöglichkeiten sowie ein taktisch zu starres Korsett führen dazu, dass die Defensive des FC Bayern wackelt. Gleichermaßen war ob der Umstände aber zu erwarten, dass der Erfolg aus der vergangenen Spielzeit nicht problemlos anhält, und nichtsdestotrotz steht der Rekordmeister da, wo er stehen will: In der Bundesliga an der Tabellenspitze, in der Champions League im Achtelfinale und im DFB-Pokal in der nächsten Runde.

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