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DFB-Team: 5 Erkenntnisse zur Auftaktpleite gegen Frankreich

Simon Zimmermann
Mats Hummels unterlief das erste Eigentor der deutschen EM-Geschichte
Mats Hummels unterlief das erste Eigentor der deutschen EM-Geschichte / MATTHIAS HANGST/Getty Images
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Nein, so richtig greifbar ist eine Einschätzung zur 0:1-Pleite gegen Frankreich nicht. Das sieht man allein schon an den Meinungen und Bewertungen nach dem Spiel. Die einen sagen, Deutschland habe vom Weltmeister die Grenzen aufgezeigt bekommen, die anderen befanden den Auftritt von Jogis Jungs zumindest als ordentlich. Eine Einschätzung zu den 90 Minuten beim EM-Auftakt fällt definitiv schwer. Was kann das DFB-Team aus dem ersten Spiel mitnehmen? Und was bedeutet das Ergebnis für den weiteren Turnierverlauf?

Völlig übertrieben und falsch ist der reißerische Titel der Sportschau. "Wir sind keine Großen mehr", titelte der öffentlich-rechtliche Sender via social Media. Man muss sich vor Augen führen, was an diesem Dienstagabend in der Münchner Allianz Arena tatsächlich passiert ist. Und das war mit Sicherheit kein Abgesang der großen Fußballnation Deutschland!

Vielmehr ging es gegen den Weltmeister und absoluten Topfavoriten des Turniers. Die Franzosen haben erneut eindrucksvoll bewiesen, dass ihre biedere Spielweise von Erfolg gekrönt ist. Defensiv kann sich Les Bleus auf ein Bollwerk verlassen. Davor rennt sich N'Golo Kanté die gefühlt 17 Lungen aus dem Leib. Paul Pogba hat seinen Zwillingsbruder mal wieder in Manchester gelassen und Kylian Mbappé ist einfach nicht in den Griff zu kriegen.

Die deutsche Mannschaft versuchte mit viel Leidenschaft und Willen dagegenzuhalten. Von Toni Kroos etwa hat man wohl noch nie so viele Tacklings gesehen wie beim EM-Auftakt. Das Gros an Ballbesitz konnte die deutsche Mannschaft aber am Ende zu selten in echte Torgefahr ummünzen. Dennoch kann man die Behauptung aufstellen: Deutschland bleibt hinter Frankreich in einem breiten Feld an Mitfavoriten bei dieser schwierig einzuschätzenden Europameisterschaft.

Verbesserungspotenzial gibt es bei Jogis Truppe vor dem so wichtigen Duell mit Portugal aber zuhauf. Diese Punkten fielen gegen Frankreich besonders auf:

1. Fehlende Durchschlagskraft

Serge Gnabry
Gnabry hatte die beste deutsche Chance auf dem Fuß / Alexander Hassenstein/Getty Images

Die deutsche Mannschaft hatte über die gesamten 90 Minuten über 60 Prozent Ballbesitz. Während sich dieser in Durchgang eins fast ausschließlich auf die ersten beiden Drittel des Feldes beschränkte, standen die Franzosen im zweiten Abschnitt sehr tief und empfingen das DFB-Team vor dem eigenen Sechzehner.

All zu viel anzufangen wusste die deutsche Elf mit dem Ball leider nicht. Viel zu selten wurde es vor dem Tor von Hugo Lloris mal gefährlich. Serge Gnabry hatte die dickste deutsche Torchance. Sein Abschluss nach Flanke von Robin Gosens kann man aber nicht als "hundertprozentige" bezeichnen.

Was fehlte dem DFB-Team, um mehr Durchschlagskraft zu erzeugen? Vor allem die Präzision im letzten Drittel. Viel zu häufig kamen Pässe im Angriffsdrittel nicht an. Das lag aber vor allem daran, dass die deutschen Stürmer immer unter Druck standen. Überzahl in Ballnähe konnte eigentlich nie hergestellt werden. Auch ein Beweis für die starke Defensivleistung der Franzosen.

2. Offensiv-Trio schlecht abgestimmt

Thomas Mueller, Lucas Hernandez
Thomas Müller agierte unglücklich / Matthias Hangst/Getty Images

Der zweite Punkt hängt unmittelbar mit dem ersten Zusammen. Viel Stückwerk war im deutschen Offensivspiel zu erkennen. Es fehlten die Läufe in die Tiefe, Überzahlsituationen und die Abstimmung im deutschen Offensivtrio. Die Positionen waren häufig nicht gut genug besetzt. Serge Gnabry blieb über weite Strecken fast unsichtbar, Kai Havertz wirkte behäbig und so merkte man auch Thomas Müller an, dass ihm ein kongenialer Partner, wie eben Robert Lewandowski, fehlte.

Dass die DFB-Elf keinen Weltklasse-Neuner besitzt, war aber schon vorher klar. Umso mehr braucht es eine gute Abstimmung des Offensivtrios mit guten Laufwegen in die Tiefe und in den Zwischenräumen vor der Abwehrkette.

Ein Grund für die fehlende Power im Offensivspiel war aber auch die Positionierung der beiden zentralen Mittelfeldspieler. Toni Kroos ließ sich zu häufig in Richtung eigene Abwehrkette fallen. Die numerische Unterzahl im zentralen Mittelfeld gegenüber den Franzosen fiel so noch mehr ins Gewicht. Das deutsche Spiel konnte so nur schwer Tiefe herstellen. Ilkay Gündogan gelang es ebenfalls nicht, häufiger mit Bindung in Richtung Offensive an den Ball zu kommen.

Ein Leon Goretzka wird der Mannschaft mit Sicherheit gut tun! Er ist genau der Spielertyp, der mit seinen Läufen in die Tiefe für Gefahr und Bindung zur Offensive sorgt.

3. Kimmich auf der rechten Seite keine Weltklasse - aber weiter die beste Option

Joshua Kimmich
Gab Vollgas, zeigte aber auch seine Schwächen auf rechts: Joshua Kimmich / Matthias Hangst/Getty Images

Wer Joshua Kimmich mit Philipp Lahm vergleicht, liegt völlig daneben! Denn anders als Lahm kommt Kimmich über seine Dynamik und Aggressivität, ist ein völlig anderer Spielertyp. Lahm dagegen glänzte mit seiner Spielintelligenz und taktischen Perfektion. Auch deshalb konnte man ihn praktisch überall auf dem Feld einsetzen.

Das ist bei Kimmich nur sehr bedingt so - soll aber auch kein Vorwurf sein. Auf der Sechs verkörpert der Bayern-Star Weltklasse. Auf der rechten Seite nicht, ganz einfach! Dafür zeigt er viel zu häufig taktische Schwächen. Auch gegen Frankreich ließ er seinen Rücken zu häufig offen - ein No-Go für einen rechten Verteidiger.

Bitte nicht falsch verstehen: Kimmich kann gerade im Spiel nach vorne der deutschen Mannschaft über rechts immer noch viel geben. Und für den Rest des Turniers wird er dort auch die beste Option bleiben. Lukas Klostermann ist im System mit Dreierkette offensiv einfach viel zu schwach.

4. Unterirdische Standards

Toni Kroos
Die ruhenden Bälle sorgten für 0,0 Gefahr / Matthias Hangst/Getty Images

"Das ist Kreisliga B, Mensch! Haut die Dinger voll rein. Da muss mehr Druck auf die Bälle!", brüllte Löw-Assistent Marcus Sorg zu Beginn des Trainingslagers. Beim DFB-Team standen Standards und vor allem Eckbälle auf dem Trainingsplan.

Warum sich Sorg damals, Ende Mai, derart aufregte, wurde im Spiel gegen Frankreich überdeutlich. Die Eckbälle der deutschen Elf sorgten für überhaupt keine Gefahr und waren durchweg schlecht getreten. Entweder viel zu weit weggezogen vom Tor oder aber zu flach.

Bei den Freistößen sah das Bild nicht viel besser aus. Toni Kroos versuchte sich aus zwei aussichtsreichen Positionen. Leroy Sané vergab gegen Spielende kläglich.

Bei den Standards ist noch ganz viel Luft nach oben. Gerade das deutsche Team dürfte die ruhenden Bälle noch brauchen im Turnierverlauf. Sie können über Wohl und Wehe des Teams (mit-)entscheiden.

5. Löw-Entscheidungen geben Rätsel auf

Joachim Loew
Löws Schachzug mit Volland war ein Rätsel / Matthias Hangst/Getty Images

Die Startelf war so erwartet worden - die Einwechslungen von Joachim Löw nur bedingt. Knapp fünf Minuten vor Ende der regulären Spielzeit brachte der Bundestrainer Monaco-Knipser Kevin Volland in die Partie. Um ihn vorne rein zu stellen, dachten alle. Doch der ehemalige Leverkusener übernahm die Rolle von Robin Gosens auf der linken Seite. Nicht nur ZDF-Experte Sandro Wagner konnte das überhaupt nicht verstehen. Dass Volland in seinen Aktionen mehr als unglücklich wirkte, tat sein Übriges dazu. Auch wenn das dem Bundestrainer nicht anzulasten ist.

Mit Blick auf die weiteren Wechsel darf man auch fragen, wie der Plan mit Timo Werner ausgesehen hat. Klar, der Chelsea-Angreifer war eine der wenigen verbliebenen Offensiv-Optionen. Seine Schnelligkeit gegen am eigenen Sechzehner verteidigende Franzosen ist aber kaum einsetzbar. Technisch ist Werner dagegen zu schwach, um sich gegen solch einen Gegner auf engstem Raum wirklich durchsetzen zu können. Hier hätte man vielleicht eher über Volland als Mittelstürmer nachdenken sollen.

Nichts mit der Entscheidung von Löw hat dagegen die Kritik an Leroy Sané zu tun. Sehr lethargisch und wenig inspiriert wirkte er nach seiner Einwechslung. Wie ein Spieler, der das Spiel unbedingt noch drehen möchte und seinen Stammplatz zurück will, wirkte Sané jedenfalls nicht. Es ist vielleicht einfach nicht seine Art. Dennoch muss man von einem Mann mit diesen Fähigkeiten einfach mehr erwarten, wenn man ihn ins Spiel bringt.

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