Frauen-EM

Deutschland & Österreich: Abwehrspezialistinnen unter sich - aber das Mittelfeld ist die beste Verteidigung

Helene Altgelt
Martina Voss-Tecklenburg muss ihre Mittelfeldspielerinnen gut auf Österreichs Pressing einstellen
Martina Voss-Tecklenburg muss ihre Mittelfeldspielerinnen gut auf Österreichs Pressing einstellen / ANP/GettyImages
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Nach einer makellosen Vorrunde mit drei Siegen und einem Torverhältnis von 9:0 trifft Deutschland am Donnerstag (21. Juli) im Viertelfinale auf Österreich, das sich in der Gruppe A im Kampf um den zweiten Platz gegen Norwegen durchsetzen konnte. Nach dem Halbfinal-Einzug von 2017 ist eine erneute Sensation das Ziel von Irene Fuhrmanns Team, das Deutschland mit Geschlossenheit, einem starken Abwehrverbund und einem unangenehmen Pressing Probleme bereiten will. Beide Teams haben eine starke Abwehr - aber nicht nur das.


Österreich: Einzug ins Viertelfinale mit gutem Pressing und stabiler Defensive

Dass Österreich den zweiten Platz erringen würde, hatten nicht alle auf dem Zettel - schließlich war Konkurrent Norwegen mit einigen namhaften Spielerinnen angetreten und war von manchen als Geheimfavorit gehandelt worden. Das entscheidende Duell am dritten Gruppenspieltag war auch ein Spiel der Gegensätze: Auf der einen Seite Norwegen, offensiv mit Stars wie Ada Hegerberg, Caroline Graham Hansen oder Guro Reiten angetreten - ein Potenzial, das aber seit Jahren nicht richtig genutzt wird, was auch an der instabilen Defensive liegt.

Gegen ein wie so oft gut organisiertes und bissiges Österreich liefen die Skandinavierinnen wieder mal den eigenen Erwartungen und dem Ball hinterher, die Konter der Fuhrmann-Elf saßen. Trotz 60% Ballbesitz gelang es Norwegen kaum, im letzten Drittel gefährlich zu werden, Österreich gab dagegen 18 Schüsse ab. Das zeigt, wie effektiv Irene Fuhrmanns Team ihr Pressing aufzieht, die Handschrift der Trainerin, die seit 2020 im Amt ist, ist klar zu erkennen.

Das könnte bereits einen Vorgeschmack auf das Viertelfinale geben, bei dem Österreich aller Wahrscheinlichkeit nach auch weniger den Ball haben wird und darauf setzen wird, Deutschland in der eigenen Hälfte zu Fehlern zu zwingen. Österreich hat im Eröffnungsspiel gegen England auch schon teilweise gezeigt, dass sie auch ein Topteam unter Druck setzen können, in den ersten zehn Minuten gelang es ihnen gut, Sarina Wiegmans Team zu verunsichern. Sie liefen dabei viel an, verschoben aber auch rechtzeitig wieder, wenn England das Spiel verlagern wollte - auch das wird gegen Deutschland wichtig sein, denn wenn das Österreich einmal nicht gelingt, lassen sie auch durchaus offene Räume. In der Gruppenphase ging der Plan aber auf: Das Gegentor gegen England blieb der einzige Moment in der Gruppenphase, bei dem Manuela Zinsberger hinter sich greifen musste.

Deutschland: Mit weißer Weste ins Viertelfinale

Auch bei Deutschland ist die Abwehr bisher das Prunkstück. Merle Frohms musste schon ihr Können zeigen und war besonders gegen Spanien gefordert, erwies sich aber erneut als sicherer Rückhalt. Es waren nicht viele Momente, in denen das Innenverteidigerinnen-Duo von Marina Hegering und Kathrin Hendrich zu spät kam oder falsch positioniert war, aber sie kamen vor - eine der größten Chancen von Spanien, das eigentlich dem Ballbesitz frönt, kam von einem schnellen Pass zwischen die deutsche Kette. Bei Kontern könnte Deutschland also anfällig sein, besonders falls die Außenverteidigerinnen wie gegen Finnland hoch aufrücken.

Abgesehen von diesen kleineren Momenten der defensiven Mängel zeigte sich Deutschland in der Gruppenphase aber überzeugend, demonstrierte in den drei Spielen, dass sowohl aggressives Pressing (gegen Dänemark), umsichtiges Verteidigen mit Kontern (gegen Spanien) und geduldiges Angreifen gegen ein Abwehrbollwerk (gegen Finnland) für sie zum Erfolg führen kann. Diese Flexibilität kann für Deutschland noch wichtig werden, falls es gegen Österreich nicht so läuft wie gewünscht, und Martina Voss-Tecklenburg umstellen muss.

Österreichs Abwehr mit Erfahrung, Kompaktheit und Cleverness

Beide zeichnen sich also durch eine gute Verteidigung aus. Für Österreich stehen mit Carina Wenninger und Viktoria Schnaderbeck (beide 31) zwei Spielerinnen in der Innenverteidigung, die nicht mehr die Schnellsten sind, aber in den Gruppenspielen mit umsichtigem Spiel die gegnerischen Spielerinnen oft neutralisieren konnten. Schnaderbeck etwa gewann gegen Norwegen 75% ihrer Zweikämpfe und klärte acht Bälle. Die Abwehr steht weitestgehend kompakt, England hatte Schwierigkeiten, die Verteidigerinnen aus ihrer Position zu ziehen. Auch zum Flanken wurde ihnen deutlich weniger Zeit gelassen als gegen Norwegen.

Außen ist Österreich mit Frankfurts Verena Hanshaw und Laura Wienroither vom FC Arsenal gut besetzt, Hanshaw machte ihren Job besonders gegen Norwegen sehr gut und schaltete sich offensiv gut ein. Wienroither hatte gegen England einen großen Anteil daran, dass Lauren Hemp weniger auffällig war als sonst und zeigte sich zweikampfstark. Nach einer überstandenen Corona-Infektion ist sie jetzt wieder mit dabei.

Deutschland verteidigt abgestimmt und kopfballstark

Deutschland verfügt mit Marina Hegering und Kathrin Hendrich ebenfalls über ein erfahrenes Innenverteidigerinnen-Duo, wegen einer Verletzung von Hegering sind die beiden aber etwas weniger eingespielt als Wenninger und Schnaderbeck. In den Gruppenspielen war davon aber wenig zu sehen, die beiden ergänzen sich gut. Hegering ist vor allem für die Spieleröffung und das Klären per Kopf zuständig, Hendrich bleibt meist etwas weiter hinten und sichert ab.

Die Außenverteidigerinnen Gwinn und Rauch haben beide einen gewissen Offensivdrang und können gut flanken, zeigten sich aber auch diszipliniert. Besonders Gwinn spielte gegen Spanien stark und gewann 75% ihrer Zweikämpfe. Österreich wird es sicherlich mit Pässen in die Halbräume versuchen, wenn die beiden sich im Angriff einschalten. Anders als Spanien wollen sie nicht mit dribbelstarken Flügelstürmerinnen in den Strafraum eindringen, sondern wenn möglich das direkte Duell umgehen, womit auf Rauch und Gwinn nochmal eine andere Aufgabe zukommt.

Das Mittelfeld ist die beste Verteidigung: Zadrazil und Feiersinger wichtig

Bei all dem berechtigten Lob für die Abwehrreihen sollte aber nicht zu kurz kommen, dass bei beiden Teams das Mittelfeld eine enorme Rolle in der Absicherung spielt. "Angriff ist die beste Verteidigung", heißt es gerne, aber man könnte auch sagen, dass das Mittelfeld die beste Verteidigung ist. Genau in der Zone zwischen MIttellinie und Strafraum schaffte es Österreich sehr gut, Norwegen und England mit kompaktem Spiel den Eintritt in den Sechzehner zu verwehren. Sarah Puntigam ist im 4-1-4-1 nominell die einzige defensive Mittelfeldspielerin, aber Zadrazil und Feiersinger arbeiten sehr gut nach hinten mit. Gegen Norwegen nahmen sie die norwegische Doppelsechs fast komplett aus dem Spiel und zwangen die Gegnerinnen so dazu, auf die Flügel auszuweichen.

Auch gegen Deutschland werden sie Lena Oberdorf als defensive Mittelfeldspielerin und Sara Däbritz in einer etwas offensiveren Rolle vermutlich wenig Zeit lassen, den Ball weiterzuspielen. Von beiden wird also ein guter Überblick gefordert sein, sodass sie auch unter Druck die richtige Entscheidung treffen. Phasenweise orientiert sich Österreich sehr an den Gegenspielerinnen und deckt Frau-zu-Frau, sodass wenige Anspielstationen da sind, aber für Deutschland können dort auch Räume entstehen. Deutschland wird diese schnell erkennen müssen, denn Ballverluste im Mittelfeld können gegen Österreich sehr gefährlich werden.

Deutschlands Mittelfeld: Pressing-Resistenz wird auf die Probe gestellt werden

Deutschland verfügt über passsichere Mittelfeldspielerinnen, ihre Pressing-Resistenz wird gegen Österreich aber nochmal auf die Probe gestellt werden. Gegen Spanien war bereits teilweise zu sehen, dass ein aggressives Pressing ihnen Probleme bereiten kann, Lena Oberdorf verzeichnete beispielsweise eine Passquote von nur 36%. Defensiv war die 20-Jährige in dem Spiel sehr wichtig und klärte viele Bälle, aber gegen Österreich sollten ihr weniger Ballverluste unterlaufen. Dafür könnte sie gegen den Ball weniger eingespannt sein, denn bei allem Lob war Österreich gegen England offensiv erschreckend ideenlos und brannte auch gegen Nordirland und Norwegen kein Feuerwerk ab.

Auch für die Mittelfeldspielerinnen heißt es also, dass das Spiel von ihnen andere Qualitäten verlangt - Österreich wird weniger wie Spanien spielen und mehr wie Dänemark, gegen die Deutschland im ersten Spiel ja keine Probleme hatte. In dem Spiel fielen die Ballverarbeitung und Geschwindigkeit im deutschen Spiel positiv auf, es gelang Dänemark nicht, das Mittelfeld zuzustellen und Deutschland ausschließlich auf die Flügel zu drängen. Oberdorf, Däbritz und Magull unterliefen wenige Ballverluste und sie konnten sich oft, teils mithilfe einer Mitspielerin, vom Druck befreien. Wenn das auch gegen Österreich der Fall ist, wird auch für Deutschland das Mittelfeld der Schlüssel zu einer guten Defensivleistung sein.


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